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Fabelwesen:Monströser Meermönch

Das seltsame Wesen lockte angeblich Menschen unters Wasser, um sie dort zu fressen.

(Foto: All mauritius images / The Protected)

Über Jahrhunderte berichtete man von einer schuppigen Erscheinung, die im Ozean angeblich Menschen auflauert, um sie zu verspeisen. Was könnte hinter dem sagenhaften Seemannsgarn stecken?

Von Florian Welle

So stellt man sich landläufig einen Mönch vor: Das Gesicht gedrungen und ein wenig fleischig, an den Seiten wellt sich krauses Haar, das die Tonsur umso deutlicher hervortreten lässt, und über den Körper wallt ein Messgewand, darunter kommt ein Rock zum Vorschein. Aber halt!

Von einem menschlichen Körper ist hier nicht die Rede. Statt Händen und Füßen ähneln die nach oben gebogenen Extremitäten eher spitz zulaufenden Fischflossen oder besser: Tintenfischarmen. Und auch die liturgische Kleidung, die der Mönch trägt, besteht bei genauerem Hinsehen aus lauter kleinen Fischschuppen.

Poseidon und Triton, Sirenen und Meerjungfrauen, viele mythenumwobene Wesen bevölkerten einst die Ozeane. Doch das mirakulöseste von ihnen dürfte vielleicht der Meermönch gewesen sein, wie ihn Conrad Gessner in seiner monumentalen "Historia animalium" beschrieben und als Holzschnitt dargestellt hat.

Der Zürcher Universalgelehrte schuf zwischen 1551 und 1558 eine mit detailverliebten Illustrationen bildmächtige Enzyklopädie der Tierwelt in vier Bänden, die auch zahllose Fabelwesen wie das Einhorn, die Sphinx oder den Greif einschloss.

Nach den sogenannten vierfüßig lebend Gebärenden und den vierfüßig Eier legenden Tieren folgte die Welt der Vögel und schließlich in "De piscium et aquatalium natura" die der Fische und damit auch unser Meermönch, an dessen Existenz Gessner selbst wohl eher nicht glaubte.

Als man 2016 den 500. Geburtstag des Schweizers feierte, konnte man diese maritime Spezies eines Klerikers sogar in einer Ausstellung als lebensgroßen Nachbau bewundern. Nur dass die fischähnlichen Arme des Mönchs hier seitlich geöffnet nach unten wiesen.

Möglicherweise war dies als eine Einladungsgeste gedacht, der man auch weiterhin gerne folgt, so sagenhaft skurril ist dieses Seemannsgarn. Schließlich hatte der Meermönch bereits vor Conrad Gessner eine bewegte Geschichte aufzuweisen. Und er beflügelte auch noch lange nach dem Tod des Gelehrten die Fantasie vieler Menschen.

Dabei hatte er manchmal eine Art klerikalen Gefährten beziehungsweise Vorgesetzten: den See- oder Meerbischof, lateinisch episcopus marinus. Bei Gessner ist dieser direkt unter dem Meermönch abgebildet.

Ist sein Aussehen eine Verballhornung der katholischen Kirche?

Auf dem Kopf trägt er eine geschuppte Bischofsmitra. Das spitzige Gesicht wird umrahmt von einem Bart, der sich auf späteren Abbildungen parallel zur immer fratzenhafter werdenden Darstellung des Meermönchs zu einem ausgeprägten Ziegenbärtchen eines rumpelstilzchenhaften Männleins auswachsen wird - Forscher vermuten in diesen drastischen Verzerrungen eine bewusste Verballhornung der katholischen Kirche durch die Protestanten.

Den Körper des Meerbischofs zieren bei Gessner ein schuppiges, liturgisches Gewand sowie ein flott wehender Umhang. Die Hände haben durchaus Ähnlichkeit mit unseren Fingern, die Füße hingegen bestehen aus Schwimmhäuten.

In einem Nachdruck von 1598 erfahren wir, nun in deutscher Sprache, dass 1531 "ein solcher Fisch mit solcher gestalt genzlich aller zierden eines Bischoffs ähnlich an dem gestad des Meers bey Poland nechst gefangen seyn worden unnd dem Polendischen König fürgetragen". Vor diesem angekommen, so fährt der Begleittext fort, habe er dem Herrscher aber durch "Zeichen" zu verstehen gegeben, er möge zurück ins Wasser gebracht werden. Dem Wunsch wurde stattgegeben.

Blättert man in dem 1837 geschriebenen "Elementargeister" des großen Spötters Heinrich Heine, so wird man auch Jahrhunderte später auf eben diese Geschichte stoßen. Unter genauer Angabe der Quelle - "damit man nicht etwa glaube, ich hätte die Meerbischöfe erfunden" - endet sie jedoch tragisch: "In den holländischen Chroniken liest man ... daß im Jahr 1531 in dem nordischen Meer ein Meermann sey gefangen worden, der wie ein Bischof von der römischen Kirche ausgesehen habe. Den habe man dem König von Polen zugeschickt. Weil er aber ganz im geringsten nichts essen wollte von allem was man ihm dargereicht, sey er am dritten Tage gestorben, habe nichts geredet, sondern nur große Seufzer geholet."

Erstmals wird der Meermönch im Mittelalter von verschiedenen Autoren erwähnt, darunter Albertus Magnus. In Deutschland findet er Eingang in das um 1350 entstandene "Buch der Natur" des Konrad von Megenberg, wo er als "mermünch, daz ist ain merwunder" eingeführt wird.

Das Äußere des halb menschen-, halb fischähnlichen Wundertiers unterscheidet sich dort insofern von späteren Beschreibungen, als sein Gesicht noch keine große Ähnlichkeit mit der eines Menschen besitzt. So hat es "ain nasen als ain visch". Interessanter ist bei Megenberg indes etwas anderes. Er weist dem Meermönch nämlich den Charakter eines heimtückischen Blenders zu, der die Menschen spielerisch springend anlockt, um sie dann "under daz wazzer" zu führen und zu fressen.

Diese Hinterlist findet sich abgewandelt noch in der im 19. Jahrhundert wohl vom Sylter Heimatforscher Christian Peter Hansen erfundenen Sage vom "Meermann Ekke Nekkepenn" wieder, der auf dem Grund der Nordsee wohnt.

Der dänische Forscher Japetus Steenstrup war 1855 der erste, der den Mythos um Meermönch und Seebischof naturwissenschaftlich zu widerlegen suchte und davon ausging, Seeleute hätten in Wahrheit Tintenfische gesichtet. Die Spekulationen darüber reißen bis heute nicht ab, wobei auch andere Tiere wie Robben oder Rochen als Verwechslungsursache herangezogen werden.

Aus getrockneten Rochen wurden zudem bereits in der frühen Neuzeit von Seemännern sogenannte Jenny Hanivers angefertigt, die verschiedenste Wundertiere und Bestien darstellten. Der etwas seltsam klingende Name geht wohl auf das französische "jeune d'Anvers", übersetzt "Mädchen aus Antwerpen", zurück. Gerade in der Stadt verdienten sich die Matrosen mit dem Verkauf an Touristen ein Zubrot. Meermönch und -bischof nur verhutzelte Präparate, verrunzelte Fälschungen? Das wäre am Ende fast ein wenig schade um die Fabelwesen.

Dieser Text erschien zuerst in der Print-SZ vom 30.05.2020.

© SZ vom 30.05.2020/odg
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