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Kolumne "Mitten in...":Endlich Urlaub, endlich was los

Am Zwieselberg fehlt die passende Wanderkluft, in Hamburg der Gürtel und in Westerland das Gesprächsthema. Bis die Möwen kommen.

Mitten in ... Zwieselberg

Illustration: Marc Herold

Kleider machen Leute, das gilt auch beim Bergwandern im Tölzer Land - nur mit umgekehrtem Effekt. Der Mann in Businesskleidung erregt schon am Fuße des Blombergs Verdacht: über 50, leicht verschwitzt, blaues Hemd, Anzughose, nur das Jackett hat er nicht dabei. Gut, er fährt den ersten Teil im Sessellift hoch, kann man sich alles noch erklären: wahrscheinlich ein Stammgast auf dem Weg zum Frühstück im Blomberghaus. Dort angelangt schaut der Mann allerdings nur auf die Wanderkarte am Wegesrand und macht sich auf in Richtung Zwieselberg. Gute halbe Stunde bis dahin, man verliert den Mann aus den Augen. Oben am Gipfel tolles Bergpanorama. Aber wo ist Gottfried Kellers Wenzel Strapinski? Kein Anzugwanderer in Sicht. Doch! Da kommt er tatsächlich, von der anderen Hangseite: kraxelnd die allersteilste Stelle hoch. Moritz Geier

Mitten in ... Westerland

Illustration: Marc Herold

Strandkörbe auf Sylt sind bis August weitgehend ausgebucht. Der Deutschlandurlauber, er will zurück nach Westerland, der richtige Kompromiss aus Corona-Angst und "Mal wieder was erleben". Und so sitzt das ältere Paar im Bistro an der Strandpromenade, schweigt und schaut in verschiedene Richtungen. Das zweite Bier ist schon halb leer, als er sagt: "Erzähl mal was." Sie sagt: "Ich weiß nich, was." Er sagt: "Weiß ick doch ook nich." Sie sei müde, sagt sie. "Wovon?" fragt er. Man sei so viel "gelofen" heute. Er: "Dann gehn wa heut um zehn ins Bett." Er bestellt noch zwei Bier, schweigt, blinzelt in die Sonne, sagt: "Is herrlich, nä?" Sie sagt nichts. Zwei Mädchen mit Eis laufen vorbei, eine Möwe fegt dem einen die Waffel aus der Hand, drei Vögel kloppen sich um die Beute. Das ältere Paar lacht - und hat plötzlich ein Thema. Endlich Urlaub, endlich wieder was los. Veronika Wulf

Mitten in ... Hamburg

Illustration: Marc Herold

Der Tag, als sich mein Gürtel verwandelte, war der Tag, als im Hamburger Landgericht ein Prozess zu Ende ging. Man wird am Eingang durchleuchtet, also ließ der Chronist seine Sachen durch den Scanner fahren, auch den schwarzen Gürtel. Der Berichterstatter hatte es eilig, die Verhandlung begann. Im Gerichtssaal dachte er sich: Da fehlt was an der Hose. Der Gürtel. Er dachte nach. Ohne Gürtel aus dem Haus gegangen? Unwahrscheinlich. Der Scanner also. Ich fragte später am Kontrollposten, der Justizbeamte fischte einen Gürtel aus der Ecke. Es war aber nicht mein schwarzer, sondern ein brauner, alter Gürtel eines anderen. Was hinten aus dem Scanner rauskomme, so der eine Kontrolleur, darauf hätten sie hier bei all dem Betrieb keinen Einfluss. Der andere Kontrolleur, beruhigend: Meine Hose sitze doch auch ohne Gürtel. Peter Burghardt

© SZ/nas

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