Missbrauchsvorwürfe R. Kelly muss draußen bleiben

In den USA ist er in vielen Städten schon seit Jahren kein gern gesehener Gast mehr: Sänger R. Kelly.

(Foto: mpi04/MediaPunch/IPx)
  • R. Kelly soll im April in Deutschland zwei Konzerte geben, nach derzeitigem Stand in Neu-Ulm und Hamburg.
  • Dem Künstler wird allerdings vorgeworfen, Minderjährige missbraucht zu haben.
  • In Deutschland gibt es gegen R. Kelly deswegen eine Online-Petition, die Zehntausende unterstützen.
Von Jürgen Schmieder

Die Stadträtin Helen Gym hat vor Kurzem einen Vorschlag eingebracht, es wurde abgestimmt, und jetzt hat Philadelphia ein Gesetz, das man auf diesen Satz reduzieren könnte: R. Kelly muss draußen bleiben. Es ist eine "non binding resolution", also eine Empfehlung an alle Veranstalter und Stadionbesitzer der Stadt, keine Veranstaltungen mit R. Kelly mehr abzuhalten. "Es ist ein Zeichen, dass er nicht willkommen ist", sagt Helen Gym: "Ich bin der Meinung, dass Verbrecher wie er beschämt und aus dem öffentlichen Leben verbannt werden sollten."

Die deutsche Stadt Sindelfingen hat ebenfalls beschlossen, dass R. Kelly draußen bleiben muss. Ein für April geplantes Konzert ist zunächst von Ludwigsburg dorthin verlegt und nach immensen Protesten abgesagt worden. Es gibt eine Online-Petition gegen seine Deutschlandkonzerte, bis Donnerstagvormittag haben sie fast 41 000 Menschen unterzeichnet.

R. Kelly R. Kellys Konzert abgesagt Video
Sindelfingen

R. Kellys Konzert abgesagt

Eine TV-Dokumentation erhob Missbrauchsvorwürfe gegen Sänger R. Kelly. Danach sorgt eine Online-Petition gegen seine Deutschlandkonzerte für hohe Wellen. Nun hat Sindelfingen einem Konzert eine Absage erteilt.

Geplante Konzerte in Neu-Ulm und Hamburg

Nun soll das Konzert in Neu-Ulm stattfinden, wie der Veranstalter am Donnerstag bekannt gab; bislang seien 2500 Karten verkauft. Auch sein Auftritt in Hamburg soll nicht abgesagt werden, wenngleich es auch dort Diskussionen und Aufregung gibt. Auf vielen Bühnen in den Vereinigten Staaten dagegen ist Kelly schon seit einigen Jahren nicht mehr willkommen, zuletzt wurde im September vergangenen Jahres ein Konzert in New York City abgesagt.

Das liegt an den heftigen Vorwürfen, die es seit zwei Jahrzehnten gibt und die kürzlich in der Dokumentarserie "Surviving R. Kelly" erneuert, bekräftigt und verschärft worden sind. Kelly soll demnach Minderjährige verführt, missbraucht und geheiratet haben. Er soll Fans in seine Villa gelockt und dort gefangen gehalten haben. Er soll Kinderpornografie besitzen und auch produziert haben. Er soll Frauen sexuell genötigt, misshandelt und auf sie uriniert haben. In der Serie sagt zum Beispiel Lisa Van Allen, die eigenen Angaben zufolge an der Produktion eines Missbrauchsvideos mit einem damals 14 Jahre alten Mädchen beteiligt gewesen sein soll: "Ich hoffe, dass er endlich aufhört, diese Mädchen zu verletzen."

Kelly wurde freigesprochen

Die Vorwürfe gegen R. Kelly seien gewiss gravierend, teilte die Neu-Ulmer Arena schriftlich mit, und die Entscheidung, R. Kelly auftreten zu lassen, sei intern kontrovers diskutiert worden. "Jeder (insbesondere: jede Frau) hat das gute Recht, die im Raum stehenden Vorwürfe für sich persönlich zu bewerten." Nur: Kelly sei nicht verurteilt, "auch die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung halten wir für ein hohes Gut". Das ist zumindest im juristischen Sinn tatsächlich ein wichtiges Detail.

Kelly ist vor zehn Jahren von dem Vorwurf freigesprochen worden, ein Video mit kinderpornografischen Inhalten produziert zu haben, weil das mutmaßliche Opfer nicht gegen ihn aussagen wollte und ihr Alter beim Erstellen des Videos deshalb nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte. Mit vielen seiner mutmaßlichen Opfer hat sich Kelly außergerichtlich geeinigt - was bei unzähligen Kritikern wiederum den Verdacht nährt, dass da einer seinen Reichtum nutzt, um sich freizukaufen.

Fast jedes Unternehmen der Unterhaltungsbranche beschäftigt Anwälte, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Untaten von Stars von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Meist geht es darum, das mühsam kreierte Image nicht zu besudeln. Ein Teenie-Idol darf nicht beim Drogenkonsum erwischt werden, ein Popstar nicht beim Pinkeln in einen Eimer und ein Präsidentschaftskandidat nicht bei einer Affäre mit einem Pornostar. Bei schlimmeren Vorwürfen werden die harten Hunde von der Leine gelassen, sie bieten nicht nur sehr viel Geld, sie schüchtern auch ein - auch das wird in "Surviving R. Kelly" thematisiert.

Ermittlungen wurden aufgenommen

Die Staatsanwaltschaften in den US-Bundesstaaten Georgia und Illinois haben mittlerweile Ermittlungen gegen R. Kelly aufgenommen, angeblich soll sich auch die Bundesbehörde FBI eingeschaltet haben, weil der Musiker für den Geschlechtsverkehr Minderjährige über die Grenzen der Bundesstaaten hinweg chauffiert haben soll. Informationen wollen diese Behörden allerdings derzeit keine preisgeben, wegen laufender Ermittlungen.

Mutmaßliche Opfer und viele Beobachter glauben deshalb nicht daran, dass Kelly juristisch belangt werden wird. Sie befürchten, dass ihn sein Anwalt Steve Greenberg, der die Doku als "Trash TV" abtat und von den FBI-Ermittlungen angeblich nichts weiß, wohl vor Ungemach bewahren wird. Es hat nun eine Art Selbstjustiz begonnen, die unter dem Hashtag #silencerkelly zusammengefasst wird. Kelly soll sanktioniert werden, irgendwie, für seine mutmaßlichen Untaten und seinen zynischen Umgang damit (er hat im vergangenen Jahr das Selbstfreispruch-Lied "I Admit" veröffentlicht und kürzlich auf einer Party in Chicago verkündet, dass ihn all die Vorwürfe aber so was von überhaupt nicht interessieren würden).

Kelly heiratete eine 15-Jährige

So entstehen auch symbolische Aktionen, wie die des Stadtrates von Philadelphia, der beschloss: Kelly muss draußen bleiben. Kelly ist Künstler, er definiert seine Relevanz über verkaufte Alben und gefüllte Stadien. Ein Künstler, dem niemand zuhört, der ist bedeutungslos, und genau das sollen all die Maßnahmen und Petitionen erreichen: Er soll kein Geld mehr verdienen mit seiner Kunst, weil niemand mehr seine Alben kauft oder Konzerte besucht. Das Label RCA und der Vermarkter Universal Music Publishing Group haben sich bereits von ihm getrennt, das Streamingportal Spotify hat einen Schweigebutton eingeführt (die Musik ist nach wie vor verfügbar).

Es lässt sich darüber debattieren, ob diese Form der Selbstjustiz aufgrund der Unschuldsvermutung moralisch verwerflich ist, es führt zur Gretchenfrage der Popkultur, ob sich Kunst und Künstler voneinander trennen lassen. Wie soll man mit dem R.-Kelly-Lied "She's Got That Vibe" umgehen, das diese Textzeile enthält: "Little cute Aaliyah's got it", die kleine süße Aaliyah hat's drauf? Diese kleine süße Aaliyah ist damals zwölf Jahre alt gewesen. Drei Jahre später heiratete sie Kelly, im Alter von 15 Jahren. Anwalt Greenberg behauptet, dass Kelly das wahre Alter damals nicht gekannt habe, nun aber ist ein Video aus dem Jahr 1994 aufgetaucht, in dem Kelly sagt: "Ich produziere gerade Musik mit einer begabten jungen Frau, sie ist 14: Aaliyah, sie ist wunderbar."

Was also tun mit den Konzerten in Deutschland? Das Bezirksamt Hamburg-Nord teilte mit, aufgrund vertraglicher Verpflichtungen keinen Einfluss nehmen zu können, der Veranstalter müsse selbst entscheiden, "ob es opportun erscheint, das Konzert wie geplant am 14. April stattfinden zu lassen". Vom Veranstalter gibt es dazu keinen Kommentar. Es liegt nun am Publikum, ob R. Kelly in Deutschland weiterhin Hallen füllen darf - oder ob auch hierzulande an ihn die Botschaft gerichtet wird: Du musst draußen bleiben.

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