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Nordrhein-Westfalen:Weitere Festnahmen im Missbrauchsfall Münster

Missbrauchsfall Münster: Gartenlaube des mutmaßlichen Haupttäters Adrian V.

Staufen, Lügde, Bergisch Gladbach oder - wie hier - Münster, die hohe Zahl an Opfern überrascht die Gerichtsmedizinerin Niess nicht. „Es werden unglaublich viele Kinder misshandelt“, seelisch, physisch, sexuell.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

180 Polizisten sind seit dem Morgen in mehreren Bundesländern im Einsatz. Sie haben drei weitere Tatverdächtige festgenommen und drei weitere Verdächtige identifiziert.

Im Missbrauchsfall Münster hat die Polizei weitere Tatverdächtige ermittelt. Seit Dienstagmorgen sind 180 Polizisten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hessen im Einsatz. Das berichtete der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) bei einer Sondersitzung von Rechts-, Innen- und Kinderausschuss im Landtag, die die Opposition trotz Sommerpause beantragt hatte. "Es war klar, dass es immer weiter geht. Der Fall ist dynamisch", sagte Reul zu Beginn der Sitzung.

Demnach haben die Beamten und Beamtinnen drei weitere Tatverdächtige festgenommen und drei weitere Verdächtige identifiziert. Insgesamt gibt es in dem Missbrauchsfall in Münster nun 21 Tatverdächtige, davon befinden sich zehn in Untersuchungshaft. "Weitere Kinder wurden damit aus der tagtäglichen Hölle befreit", sagte Reul und lobte ausdrücklich die Arbeit der Ermittler und Ermittlerinnen. Er freue sich über "jeden Verdächtigen, der neu hinzukommt", so Reul weiter: "Denn es bedeutet, wir werden immer besser und finden immer mehr. Die Befreiung der Opfer hat oberste Priorität."

Die Opposition hatte dem Innenminister sowie Justizminister Peter Biesenbach (CDU) und Familienminister Joachim Stamp (FDP) 41 Fragen zu den Abläufen bei den verschiedenen Behörden im Fall Münster gestellt.

Sieben Kinder bislang als Opfer identifiziert

Bei den am Dienstagmorgen festgenommenen Beschuldigten handelt es sich nach einer Meldung der Polizei Münster um einen 26-jährigen Mann aus Aachen und zwei 29- und 49-jährige Männer aus Hannover. Der Aachener war durch die Aussagen des zehnjährigen Hauptopfers aus Münster und auf Grundlage von ausgewertetem Videomaterial in den Fokus der Ermittler gerückt. Er soll den Jungen in der Gartenlaube in Münster sowie in Winterberg und Dresden schwer sexuell missbraucht haben. Der 29-Jährige aus Hannover wurde bei seinen Eltern im Großraum Frankfurt festgenommen, er soll mit dem mutmaßlichen Hauptbeschuldigter Adrian V. aus Münster und dessen Stiefsohn gemeinsam in den Urlaub gefahren sein, um dem Kind dort sexuelle Gewalt anzutun.

Der 49-Jährige aus Hannover soll sich mehrmals mit dem Hauptverdächtigen Adrian V. getroffen und mindestens einmal dessen Stiefsohn schwer missbraucht zu haben.

Ein 36-Jähriger aus Langenhagen und ein 52-Jähriger aus Norderstedt sollen den Hauptbeschuldigten und dessen Sohn auf einem Campingplatz in Niedersachsen getroffen haben. Ein 34-Jähriger aus Heiligenhaus bei Velbert hatte ebenfalls Kontakt zu dem Münsteraner.

Vor drei Wochen gab die Polizei Münster bekannt, dass sie einen Missbrauchsfall aufgedeckt hat, der sich über mehrere Bundesländer erstreckt. Es ist nach Lügde und Bergisch Gladbach der dritte große Fall innerhalb von eineinhalb Jahren in Nordrhein-Westfalen.

Sieben Kinder konnten bislang als Opfer identifiziert werden. Zu ihnen gehört auch der zehnjährige Stiefsohn des Hauptbeschuldigten Adrian V.; der 27-jährige IT-Techniker aus Münster war bereits zweimal wegen des Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornografie zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Auch seine Mutter, die 45-jährige Mutter Carina V., die in Münster als Erzieherin in einer Kita arbeitete, ist in Untersuchungshaft. Der Staatsanwaltschaft zufolge gibt es aber keine Hinweise auf Taten der Frau an ihrer Arbeitsstelle.

Bei der Durchsuchung des Wohnhauses von Carina V. hatte die Polizei einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum ihres Sohnes Adrian V. gefunden. Bisher wurde in dem Fall bereits mehr als 400 Terabyte Datenmaterial sichergestellt, die Auswertung dauert an.

© SZ
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Von Jana Stegemann

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