Großbritannien Wenn Lebensmittel zum Wurfgeschoss werden

Nigel Farage in Newcastle.

(Foto: Ian Forsyth/Getty Images)

Wer gegen Europa ist, sollte ihn fürchten: Der Milchshake ist im Vereinigten Königreich zum Protestmittel geworden. Nigel Farage hat das zu spüren bekommen.

Von Martin Zips

Damit das gleich mal klar ist: Mit Lebensmitteln wirft man nicht. Erst recht nicht auf andere Menschen. Man wirft weder mit Eiern, noch mit Sahnetorten. Wer dennoch damit wirft, der ist ein Idiot.

Der britische Rechtspopulist Tommy R. ist in den vergangenen Tagen gleich mehrmals mit Lebensmitteln beworfen worden. Sicher: R. ist ein höchst unangenehmer Zeitgenosse, der einerseits gegen Europa wettert und sich andererseits noch schnell ins EU-Parlament wählen lassen möchte. Aber darf man ihn deshalb bewerfen? Mit Erdbeer-Shakes?

Die Werfer, das ist bekannt, hatten ihre Shakes zuvor in den Restaurants einer bekannten Fast-Food-Kette erstanden. Das hatte im schottischen Edinburgh am vergangenen Wochenende dazu geführt, dass die Polizei der Kette den Milchshake-Verkauf untersagte. Der ehemalige Ukip-Chef und Brexitler Nigel Farage war in der Stadt, da wollte man auf Nummer sicher gehen. (Die Konkurrenz warb sogleich: "Liebe Schotten. Wir verkaufen weiter Milchshakes. Habt Spaß.") Nur wenige Stunden später landete in Newcastle ein Shake auf Farage.

Kuchen lässt sich besser platzieren

Als Vater des modernen Lebensmittelwurfes gilt der Belgier Noël Godin, 73, der von Marguerite Duras bis Bill Gates schon fast alles beworfen hat, das ihm vor den Biskuitboden kam. Den Philosophen Bernard-Henri Lévy bewarf Godin sogar mehrfach, da er ihn für humorlos hielt. Sicher, das mit der Sahnetorte ergibt für den visuellen Protest fast noch mehr Sinn als ein fliegender Milchshake. Kuchen lässt sich besser platzieren. Auch eine gewisse komische Komponente kommt nicht zu kurz. Schon deshalb hatte Hal Roach für den Laurel-und-Hardy-Film "The battle of the century" gleich 3000 Torten geordert. Mit ihnen sollte bereits Mitte der 1920er-Jahre das Ende aller Tortenschlachten der Filmgeschichte ausgerufen werden (was nichts daran änderte, dass Blake Edwards im Jahr 1964 noch mal tausend Torten mehr bestellte, für das Finale von "The Great Race" nämlich).

Unübertroffen in seiner fliegenden Symbolik aber bleibt: das Ei. Selbst, wenn es manchmal unversehrt abprallt (wie jüngst bei einem Angriff auf den australischen Premier Scott Morrison) oder den falschen trifft (nachdem sich der Berliner CDU-Spitzenkandidat Frank S. während eines Wahlkampfauftritts 2001 hinter seinem Kanzlerkandidaten Stoiber vor einem fliegenden Ei in Sicherheit brachte, lag seine politische Karriere quasi auf Eis). Für Protestierer ist und bleibt ein Ei das, was für Femen-Aktivistinnen der enthüllte Oberkörper ist.

Politisch bleibt die Frage, ob sich nach den "Pâtissiers sans Frontières", den Konditoren ohne Grenzen, bald auch die "Shakers for Europe" zu einer größeren Protestbewegung aufschwingen könnten. Falls ja, so wäre es nicht schlecht, künftig statt in Gelbwesten lieber in Regenmänteln auf die Straße zu gehen. Vor allem in Großbritannien. Und statt Mehrwegbechern sollten Restaurants ruhig auch wieder Pappbecher verkaufen. Die tun nicht so weh.