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Ölkatastrophe vor Mauritius:Zerstörtes Paradies

Mauritius hat wegen des auf Grund gelaufenen Schiffes und der folgenden Ölkatastrophe den Umweltnotstand ausgerufen.

(Foto: Gwendoline Defente/AP)

Vor Mauritius ist ein Schiff leckgeschlagen, tausend Tonnen Öl treiben in die türkisen Lagunen der Insel. Die Bewohner wehren sich gegen die Umweltkatastrophe - auch mit ungewöhnlichen Methoden.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

"Eine vergleichbare Katastrophe hat es hier noch nie gegeben", sagt Sudheer Maudhoo. Er ist Mitglied der Regierung von Mauritius und trägt den Titel "Minister der blauen Ökonomie". Die Fischerei gehört zu seinem Arbeitsbereich, die Schifffahrt und etwas, was ganz allgemein die "Ressourcen des Meeres" umschrieben wird, wozu man auf Mauritius die Korallenriffe zählt, die Lagunen und die kristallklaren Meeresbuchten. Außer dem Himmel also alles, was blau ist auf und um der Insel.

In der vergangenen Woche hat sich die Farbe von Mauritius verändert, aus blau wurde schwarz, aus hell dunkel. Seit vergangenem Donnerstag leckt Öl aus dem 300 Meter langen Frachtschiff MV Wakashio, das auf ein Korallenriff gelaufen ist, etwa 1000 Tonnen sollen bisher ausgelaufen sein. Das Öl verschmutzt die Korallenriffe, die Lagunen und Buchten, all das, was die blaue Ökonomie der Insel ausgemacht hatte.

Ölkatastrophe vor Mauritius
(Foto: Gwendoline Defente/dpa)

"Wir sind nicht ausreichend ausgerüstet, um einem derartigen Problem begegnen zu können", sagt Minister Maudhoo. Die Regierung hat einige Hundert Meter Wassersperren um den Frachter gelegt.

(Foto: Sophie Seneque/AP)

Der Rest ist eher Improvisation, mit Zuckerrohrblättern und auch Haaren füllen die Inselbewohner Nylonplanen, die zu Sperren werden, um das Öl abzuhalten - bis zu 2500 Tonnen sollen noch auf dem Schiff lagern, etwa 500 Tonnen sollen bisher abgepumpt worden sein.

Professionelle Ausrüstung ist auf der Insel nicht im Übermaß vorhanden. Die Bewohner helfen mit tatkräftigem Einsatz und Haarspenden.

(Foto: JEAN AURELIO PRUDENCE/AFP)

"Die Regierung hat viel zu spät gehandelt, sie hätte früher um Hilfe rufen sollen", sagt die Parlamentsabgeordnete Joanna Berenger der BBC. Das Schiff sei bereits am 25. Juli auf Grund gelaufen und sei erst fast zwei Wochen später leckgeschlagen.

Die Oppositionspolitikerin hat sich vor wenigen Tagen selbst die Haare abgeschnitten und sie an den Strand getragen, wie viele andere auch. "Haare binden Öl hervorragend, ein Kilo Haare kann bis zu acht Liter Öl aufsaugen", sagt Berenger. Leider gebe es auf der Insel mit nur 1,3 Millionen Einwohnern nicht sonderlich viel davon.

Die Regierung hat in den vergangenen Tagen die Nachbarländer Südafrika und Indien um Hilfe gebeten, die aber alle weit entfernt sind, Mauritius liegt etwa 1800 Kilometer vor der Küste des afrikanischen Kontinents. Am schnellsten können die Franzosen Hilfe leisten, Präsident Emmanuel Macron beorderte ein Aufklärungsflugzeug, ein Marineschiff und Spezialkräfte vom nahe gelegenen Stützpunkt im Überseedepartement La Réunion zum Unglücksort.

Immerhin, eine gute Nachricht: Am Sonntag sagte der Premierminister der Insel, Pravind Jugnauth, dass es den Rettungskräften gelungen sei, das Leck abzudichten. "Es besteht aber weiter die Gefahr, dass das Schiff auseinanderbricht."

Eigentümer entschuldigt sich

Die MV Wakashio war auf dem Weg von China nach Brasilien und wurde 2007 fertiggestellt, sie gehört einer japanischen Reederei, fährt unter panamaischer Flagge und wird von einem indischen Kapitän gesteuert. Die Reederei entschuldigte sich am Sonntag auf einer Pressekonferenz für den Unfall, dessen Ursache nun untersucht werde. "Es tut uns unendlich leid", sagte Akihiko Ono, der stellvertretende Vorstandschef der Mitsui OSK Lines, die das verunglückte Schiff betreibt. "Wir werden alles tun, um den Schaden wiedergutzumachen."

Viel ist bisher aber nicht geschehen, Japan sagte lediglich die Entsendung sechs technischer Einsatzkräfte zu. Hilfskräfte vor Ort sagten lokalen Medien, dass zumindest das sich bessernde Wetter den Einsatz erleichtere und weiter Öl aus dem Schiff gepumpt werde. Dennoch breite sich der Ölteppich aus und erreiche auch die bei Touristen beliebten Sandstrände.

Das Öl hat bereits Strände auf Mauritius erreicht.

(Foto: AFP)

Das Unglück ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als sich Mauritius gerade wieder auf die Öffnung des Landes vorbereitete, der Inselstaat gilt als einziges afrikanisches Land aktuell als coronafrei. Im vergangenen Jahr zählte Mauritius 1,4 Millionen Besucher, der Tourismus macht zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes aus. Dieses Jahr kamen wegen Corona erst 300 000 Touristen.

Ölkatastrophe trifft Urlaubsparadies hart

Wirtschaftlich gesehen waren die vergangenen Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte, die Holländer hatten die unbewohnte Insel im 17. Jahrhundert besiedelt und im 18. entnervt wieder aufgegeben, weil sie so weit draußen lag. Danach kamen Franzosen und Briten. Als Mauritius 1968 unabhängig wurde, gaben viele der Insel wenig Chancen, sie hatte damals ja nicht viel mehr als Zuckerrohr zu bieten.

Als die EU das Zuckerrohr nicht mehr zum garantierten Mindestpreis abnahm, geriet Mauritius in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Tat dann aber einiges, um von der Abhängigkeit vom Zuckerrohr loszukommen: Die Insel wurde zu einem Zentrum der Textilindustrie und zu einer Steueroase, die nicht immer genau hinschaut, woher das Geld eigentlich kommt. Vor allem aber wurde Mauritius zum Südseetraum von Millionen Urlaubern, zum Inbegriff der blauen Riffe, Lagunen und Buchten. Hochpreisige Luxusresorts entstanden, die viele Hochzeitsreisende anzogen.

Vom Albtraum der Ölkatastrophe aber wird sich die Insel womöglich nicht so schnell erholen. Am Montag teilte der japanische Eigentümer der MV Wakashio zumindest mit, dass ein Tankschiff neben dem Unglücksfrachter festgemacht wurde, in den nun das Öl gepumpt werde, das noch im Schiff lagert.

© SZ/moge

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