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Mauritius:Mit Haaren gegen die Ölpest

Das Bild zeigt das Ausmaß der Ölkatastrophe vor Mauritius.

(Foto: Nik Cole/AP)

"Wir müssen neu denken, wenn es um den Kampf gegen Katastrophen geht": Die australische Umweltbiologin Megan Murray erklärt, warum Menschenhaar vor Mauritius zum Einsatz kommt.

Interview von Stefan Wagner

Vor Mauritius ist ein Schiff leckgeschlagen, tausend Tonnen Öl sind in die türkisen Lagunen der Insel ausgelaufen. Inzwischen ist es gelungen, die Tanks zu leeren, bevor der Frachter auseinanderbricht. Doch noch immer lagert Öl auf dem Schiff. Die Bewohner kämpfen gegen die Umweltkatastrophe - auch mit ihren eigenen Haaren. Mehrere Einwohner seien in den vergangenen Tagen dem Vorbild der Parlamentsabgeordneten Joanna Bérenger gefolgt, heißt es, und hätten ihr abgeschnittenes Haar zum Strand getragen. Mit den Haaren werden Nylonplanen gefüllt als Sperren, um das Öl abzuhalten.

Megan Murray ist Umweltbiologin an der University of Technology Sydney in Australien. Sie ist spezialisiert auf Umweltschadstoffe und Sanierungsstrategien und forscht seit Jahren am Einsatz von Haaren bei Umweltkatastrophen.

SZ: Frau Murray, wie kann Menschenhaar gegen Öl helfen?

Megan Murray: Haare und Felle sind Adsorptionsmittel für Rohöl. Das darf man nicht mit Absorptionsmitteln verwechseln. Ein Absorptionsmittel nimmt Stoffe auf. Bei der Adsorption reichert sich der Stoff an der Oberfläche eines Festkörpers - also in diesem Fall eines Haares - an, dringt aber nicht ein.

Volunteers hold a floating boom of hair and sugarcane leaves near the leaked oil from the bulk carrier ship MV Wakashio, belonging to a Japanese company but Panamanian-flagged, that ran aground on a reef, at Riviere des Creoles

Mit Zuckerrohrblättern und Haaren füllen die Inselbewohner Nylonplanen, die zu Sperren werden, um das Öl abzuhalten.

(Foto: STRINGER/REUTERS)

Das heißt, wenn man von fettigem Haar spricht, ist das genau diese Adsorption?

Richtig, da haben sich Substanzen wie natürliche Öle aus den Talgdrüsen der Kopfhaut auf dem Haar abgelagert. Die meisten Haarprodukte funktionieren nach demselben Prinzip, sie umhüllen die Haare und bedecken die Oberfläche jedes einzelnen Haares.

Angeregt von der Exxon-Valdez-Ölkatastrophe vor Alaska im Jahr 1989 hat ein Friseur aus Alabama erstmals mit abgeschnittenem Menschenhaar experimentiert, um Öl aufzunehmen. Er hatte Haar aus seinem Salon in Damenstrumpfhosen verpackt und gute Erfolge damit erzielt. Seitdem hat sich viel getan.

Allerdings. Haar ist schon bei mehreren Ölkatastrophen eingesetzt worden, zum Beispiel bei der Deepwater-Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Schlichtweg deshalb, weil es sehr effektiv ist. Es gab jedoch lange wenig Forschung dazu. Heute wissen wir, dass recyceltes Haar zumindest ebenso effektiv ist wie Polypropylen. Dieser Kunststoff hat gute Barriereeigenschaften gegen Fett und Feuchtigkeiten und wird viel in Folien und Behältern eingesetzt. Polypropylen war der Stoff, der in den vergangenen Jahrzehnten vorzugsweise gegen Ölverschmutzung eingesetzt wurde - aber dieser Stoff ist keine abbaubare Ressource.

Wie haben Sie die Effektivität von Haaren getestet?

Wir haben Mini-Umweltkatastrophen in meinem Labor simuliert. Wir bilden Mikrokosmen. Das sind Behälter, die die Schadstoffe und Adsorptionsmittel wie das menschliche Haar oder auch Hundehaar beinhalten, und spielen dann durch, was wir im Ablauf einer Katastrophe erwarten. Das Haar kann etwa das Drei- bis Neunfache seines eigenen Gewichts an Öl aufnehmen. Und wir haben herausgefunden, dass Haar nicht nur einmal, sondern mehrmals eingesetzt werden kann.

Megan Murray ist Umweltbiologin an der University of Technology Sydney in Australien. Ihre Forschung befasst sich vor allem mit Sorptionsmitteltechnologie bei Ölverschmutzung.

(Foto: UTS)

Welche Art von Haaren ist ideal für die Anwendung bei Ölverschmutzung?

Wir haben gemischte Haare verwendet. Das ist realitätsnäher. Es bringt wenig, Mühe in die Trennung bestimmter Haartypen zu investieren. Das kostet Zeit, Geld, Arbeit und würde den ökologischen Fußabdruck des Einsatzes erhöhen.

Haar als Rohstoff ist für viele ein komplett neuer Gedanke.

Wir müssen neu denken, wenn es um den Kampf gegen Katastrophen geht. Nachhaltige Lösungen sind langfristig einfach besser, vor allem, wenn sie ebenso effektiv sind. Wir sind so abhängig von Plastik und Öl. Da ist es doch fast widersinnig, eine Ölpest mit Plastik zu bekämpfen, das wiederum eine negative Wirkung auf die Umwelt hat.

Aber sind nicht unendliche Mengen an Haaren und Fell nötig, um eine Ölpest vom Ausmaß der "Wakashio"-Katastrophe vor Mauritius in den Griff zu bekommen?

Klar, die Menge an Haaren hängt von der Menge des Rohöls ab, das sich in einen Ozean ergießt. Aber entscheidend ist doch, dass man etwa die gleiche Menge an Haaren brauchen würde wie an herkömmlichem Polypropylen. Das eine ist nachhaltig, das andere nicht. Ich frage Sie: Was ist da besser bei einer Umweltkatastrophe?

© SZ/afis

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