Manfred Lütz im Interview "Denk dran: Du stirbst"

Manfred Lütz, 62, ist Arzt, katholischer Theologe, Bestseller-Autor und Kabarettist. Er leitet das Alexianer-Krankenhaus für psychisch Kranke in Köln.

(Foto: Toni Heigl)

Der Arzt, Theologe und Schriftsteller Lütz über sich häufende Nachrufe auf prominente Zeitgenossen und den menschlichen Reflex, die Auseinandersetzung mit dem Tod zu verdrängen.

Interview von Martin Zips

Prince, David Bowie, Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle, Roger Cicero, Roger Willemsen - seit Anfang des Jahres hagelt es Nachrufe auf Prominente. Wird derzeit etwa mehr gestorben als sonst? Wie geht man mit dem ständigen Gefühl der Leere um? Ein Gespräch mit dem Kölner Mediziner und Theologen Manfred Lütz (aktuelles Buch: "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens").

SZ: Herr Lütz, derzeit ist ständig in den Feuilletons und sozialen Netzwerken davon die Rede, dass wieder einer der ganz Großen von uns gegangen ist. Offenbar wird derzeit besonders viel gestorben. Kommt Ihnen das auch so vor?

Manfred Lütz: Na ja, im Großen und Ganzen wird immer gleich viel gestorben. Vielleicht hängt die besondere Aufmerksamkeit für diese Todesfälle damit zusammen, dass sich der neuheidnische Totenkult wieder dem hemmungslosen Pathos vorchristlicher Zeiten annähert. Römische Kaiser wurden bei den pompösen Trauerfeiern zu Göttern erhoben. Das gab es bei Lady Diana und Michel Jackson ja praktisch auch. Und auch bei Politikerbeerdigungen irritiert bei aller berechtigten Würdigung des Verstorbenen diese manchmal zur Schau gestellte Hoffnungslosigkeit.

Neuheidnischer Totenkult? Was bitte wären Totenfeiern ohne Pathos?

Die Trauerfeier für Mutter Teresa, die kurz nach Lady Diana starb, kam ohne jedes Pathos aus, es war ein fröhliches Treffen dankbarer Wegbegleiter. Da war der Glaube ans ewige Leben im Fernsehen geradezu sichtbar. In unseren Breitengraden allerdings gilt das Bekenntnis zu einem solchen Glauben bei Totenfeiern nicht mehr als politically correct. Selbst Kirchenleute sprechen lieber von der eigenen "Ratlosigkeit" als vom "ewigen Leben" oder gar vom "Jüngsten Gericht". Vor allem würdigt man immer und immer wieder den Verstorbenen und seine Verdienste.

Collage: SZ

(Foto: dpa)

In diesen Wochen geht es doch auch wirklich schlimm zu, oder? Peter Lustig, Umberto Eco, Harper Lee, Nikolaus Harnoncourt, Pierre Boulez, Zaha Hadid . . . Das muss man erst einmal verkraften.

Klar. Und weil der Trost der Religion wegfällt, bleibt nur Trostlosigkeit quer im Raum stehen. Es gibt inzwischen übrigens auch bei großen Unglücken eine nicht mehr enden wollende, völlig ritualisierte, düstere Trauerarbeit, bei der die Toten medial überhaupt nicht mehr in Ruhe gelassen werden. Anders als diese verordnete hoffnungslose Verzweiflung hatte der christliche Umgang mit dem Tod immer etwas Hoffnungsvolles. Da wurde der Tote in die Hand Gottes gegeben, nach sechs Wochen, also genau dann, wenn die Trauer über den Verlust bei den Angehörigen besonders stark wird, gab es das "Sechswochenamt". Doch das war alles eben keine kultivierte Verzweiflung, sondern kultivierte Hoffnung.

Aber Leiden ist doch was Ehrliches. Nach dem Ableben von David Bowie, Roger Willemsen oder Prince zum Beispiel, da hörten die Feuilletons gar nicht mehr auf, sehr, sehr ernst gemeinte Nachrufe zu drucken.

Nichts gegen eine Würdigung, aber wenn das ewige Leben durch ewige Nachrufe ersetzt wird, dann wird es mühsam.

Kann sein. Aber früher haben sich die Witwen auch so lange schwarz gekleidet, bis die Trauerzeit vorbei war.

Das Problem ist heute die Trostlosigkeit. Da man sich irgendwie darauf geeinigt hat, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, trifft der Verlust eines jungen Prominenten die Gesellschaft natürlich besonders hart. Wenn Roger Cicero mit 45 Jahren stirbt, ist das auch für andere 45-Jährige ein bisschen beängstigend.

Sie sind nicht nur Theologe, sondern auch Nervenarzt. Haben Sie denn oft mit Thanatophobie, also mit krankhafter Todesangst, zu tun?

Todesangst ist doch keine Krankheit! Die Angst vor dem Tod gehört zum Leben jedes gesunden Menschen dazu. Und weil der Tod unvermeidlich ist, kann man übrigens unvermeidlich glücklich nur werden, wenn man auch angesichts der existenziellen Grenzsituation des Todes glücklich sein kann. Wie das geht, dazu haben die Religionen, aber auch manche Philosophen Kluges gesagt. Wenn wir uns aber mit dem gleichen leeren Pomp von unseren Idolen verabschieden, wie das in der morschen Sowjetunion üblich war, dann werden wir unvermeidlich unglücklich.

Das christliche Postulat "Er ist für uns gestorben" lässt sich also nicht auf die Fangemeinden von Lemmy Kilmister, Hugo Strasser oder Achim Mentzel übertragen?

Nein, das funktioniert nicht, aber ein Perspektivwechsel könnte helfen. Im pompejanischen Bordell sind Totenschädel an die Wände freskiert als Aufforderung: "Mensch, denke daran, dass du stirbst und lebe jeden Tag lustvoll." Carpe diem, pflücke den Tag! Und der Totenschädel beim Heiligen Hieronymus in der Wüste meint da was ganz Ähnliches: "Christ, denk dran: Du stirbst, lebe jeden Tag ganz bewusst." Wenn auch vielleicht nicht ausgerechnet im Bordell. Die Glücks-, Gesundheits- und Fitness-Industrie jedoch gaukelt uns die Mär vom unendlichen Leben vor. Das erzeugt Leere.

Warum?

Weil erst der Tod dem Leben Intensität verleiht. Aus dem Bewusstsein des Todes kann große Kunst entstehen. Denken Sie an Dostojewski oder van Gogh. Wenn wir nicht sterben könnten, dann wäre alles korrigierbar, nichts wäre entschieden. Es wäre die unendliche Langeweile. Nur dadurch, dass wir sterben, wird jeder Moment unwiederholbar wichtig. Mancher Krebspatient hat mir gesagt: "Der Tag, an dem ich die Diagnose bekam, war ein schrecklicher Tag, aber seit dem Tag lebe ich mein Leben viel intensiver, und ich ärgere mich, dass ich das nicht schon vorher gemacht habe."

Man sollte also jeden Nachruf auch als großes "Memento mori" lesen? Als Aufforderung, den Tod als Chance für ein sinnvolles Leben zu begreifen?

Der Tod ist die Würze des Lebens. Die Christen glauben ja nicht an das unendliche Leben, das wäre, wie gesagt, die Hölle, sie glauben an das ewige Leben, das die Zeit sprengt. Bei einer Diskussion zwischen dem marxistischen Philosophen Ernst Bloch und dem katholischen Existenzphilosophen Gabriel Marcel waren die beiden alten Männer in allem unterschiedlicher Meinung, aber am Ende konnten sie sich auf eines einigen: Das Ewige, das Transzendente, könne man in der 9. Symphonie von Beethoven erleben. Über das, was in diesem Sinne ewige Existenz hat, darüber sollte man reden, selbst wenn man sonst nichts glaubt. Dann wären Trauerfeiern vielleicht nicht so hoffnungslos.