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Deutscher Verdächtiger im Fall Maddie:"Wir gehen davon aus, dass das Mädchen tot ist"

Ein 43-jähriger Deutscher steht der Staatsanwaltschaft Braunschweig zufolge im Verdacht, die seit 2007 vermisste Madeleine McCann ermordet zu haben. Der Mann ist wegen sexuellen Missbrauchs mehrfach vorbestraft.

Von Johanna Bruckner

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig sagt nicht viel am Donnerstagmittag. Die entscheidenden Informationen zu den neuen Entwicklungen im Fall der seit 2007 vermissten Madeleine McCann hatte bereits am Vorabend ein leitender Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY ... ungelöst der Öffentlichkeit mitgeteilt. Demnach ist ein 43-jähriger Deutscher dringend tatverdächtig, etwas mit dem Verschwinden der damals dreijährigen Britin in Portugal zu tun zu haben.

Die Braunschweiger Behörde hat ein Verfahren wegen des Verdachts des Mordes eingeleitet. Staatsanwalt Christian Wolters sagt am Donnerstag: "Daraus können Sie entnehmen, dass wir davon ausgehen, dass das Mädchen tot ist."

Insgesamt dauert sein Statement nicht einmal fünf Minuten - doch dieser Satz hallt nach.

Madeleine McCann ist seit 13 Jahren spurlos verschwunden. Die Familie McCann machte gemeinsam mit Freunden an der portugiesischen Algarve Urlaub, als "Maddie" am Abend des 3. Mai 2007 aus einem Zimmer einer Apartmentanlage im Ferienort Praia da Luz verschwand. Der Fall löste ein gewaltiges Medienecho aus, Fotos des blonden Mädchens mit dem auffälligen dunklen Strich im rechten Auge gingen um die Welt. Im Laufe der Ermittlungen galten irgendwann auch ihre Eltern als verdächtig - und wurden entlastet. Eine wirkliche Spur zu Maddie gab es nie. Bis jetzt.

"Hier ist jetzt der Mann, der sich mit seinem Team berechtigte Hoffnungen macht, den Fall klären zu können", hatte Aktenzeichen-XY-Moderator Rudi Cerne zu Beginn der Sendung am späten Mittwochabend gesagt - und Christian Hoppe im TV-Studio begrüßt, leitender Kriminaldirektor beim BKA. "Die drängendste Frage gleich zu Beginn: Haben Sie Madeleine McCann gefunden?", fragte der Moderator. "Diese Frage muss ich leider mit einem klaren Nein beantworten", sagte sein Gast. Die gemeinsamen Nachforschungen von BKA, Metropolitan Police (Scotland Yard) in Großbritannien und der portugiesischen Polícia Judiciária hätten aber zu einem deutschen möglichen Tatverdächtigen geführt, der wegen Sexualstraftaten vorbestraft sei.

Ein erster Hinweis auf den Mann ging bereits 2013 ein

Bereits im Oktober 2013 gab es Hoppe zufolge nach einer Aktenzeichen-XY-Sendung einen ersten Hinweis auf den Mann. Damals hatten Madeleines Eltern Gerry und Kate McCann im deutschen Fernsehen über den Fall ihrer Tochter gesprochen. Die Informationen hätten allerdings nicht für Ermittlungen "und schon gar nicht für eine Festnahme" ausgereicht, so der Ermittler. Zum zehnten Jahrestag des Verschwindens habe es dann einen zweiten Hinweis auf denselben Mann gegeben - doch auch jetzt brauche es noch weitere Belege zum Tatnachweis oder Verdachtsausschluss. Trotz dieser Formulierung scheint sich Hoppe sicher, hinter dem richtigen Mann her zu sein. "Die Informationen, die wir bei unseren Ermittlungen gewinnen können, führen uns immer mehr zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um den Täter handeln könnte."

Auch er spricht wie dann am Donnerstag Staatsanwalt Wolters von einem Verfahren "wegen des Verdachts des Mordes". Die britische Seite will Madeleine allerdings noch nicht aufgeben: Ein Scotland-Yard-Ermittler sagte der Daily Mail, es handele sich immer noch um einen Vermisstenfall. Federführend bei den aktuellen trinationalen Ermittlungen ist allerdings das BKA.

Dass das Verfahren in Niedersachsen initiiert wurde, hat bürokratische Gründe: Der Tatverdächtige war zuletzt in Braunschweig gemeldet. Es handelt sich den Angaben zufolge um einen 43-Jährigen, der aktuell in Deutschland wegen eines Rauschgiftdelikts in Haft sitzt. Er soll wegen Marihuana-Handels auf Sylt zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden und derzeit in Kiel inhaftiert sein. Nach Informationen der Braunschweiger Zeitung war der Mann Ende 2019 außerdem wegen der Vergewaltigung einer 72-jährigen Amerikanerin in Praia de Luz 2005 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden - eben jenem Ort, aus dem auch Madeleine verschwand. Weil das Urteil in Schleswig-Holstein davor datiert, soll der Mann dort untergebracht sein. Die Bild-Zeitung berichtet außerdem von einer Vorstrafe wegen Verbreitung kinderpornografischer Schriften.

Nach Erkenntnissen von BKA und Staatsanwaltschaft hielt sich der Verdächtige zwischen 1995 und 2007 fast ausschließlich in Portugal auf und lebte dort in einem Haus zwischen den Orten Praia da Luz und Lagos. Ein britischer Ermittler beschrieb den Verdächtigen gegenüber der Daily Mail als etwa 1,80 Meter großen Mann mit kurzen, blonden Haaren und hellem Teint. Er wirke jünger, als er tatsächlich sei. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig wollte sich auf SZ-Nachfrage "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht dazu äußern, warum sich die Spur zu dem 43-Jährigen gerade jetzt konkretisiert hat. Auch den Bericht der Braunschweiger Zeitung wollte Sprecher Wolters nicht kommentieren. Für den Beschuldigten gelte nach wie vor die Unschuldsvermutung.

Auffällig geworden mit Rauschgiftdelikten und Diebstählen

Aus diesem Grund hatte BKA-Ermittler Hoppe am Vorabend auch keinen Namen genannt - dafür Details aus dem Leben des Mannes zum Zeitpunkt von Maddies Verschwinden. Der damals 30-Jährige habe sich an der Algarve mit Gelegenheitsjobs in der Gastronomie ernährt. Er sei aber auch mit Rauschgiftdelikten und Einbruchdiebstählen in Hotels und Ferienwohnungen auffällig geworden. Der Mann sei zudem zweimal wegen sexuellen Missbrauchs von Mädchen vorbestraft gewesen - dieser Umstand "dürfte aber den meisten Kontaktpersonen in Portugal verborgen geblieben sein", so der Ermittler.

Ein sexuelles Motiv sei im Fall Maddie nicht ausgeschlossen, sagte Hoppe, es sei aber auch möglich, dass der Mann ursprünglich nur in das Apartment der McCanns habe einbrechen wollen, und dann die Gelegenheit für einen sexuellen Übergriff gesehen habe. Dass sich der heute 43-Jährige am fraglichen Abend in der Nähe der Ferienanlage aufhielt, belegen demnach Handydaten.

Zum Tatzeitpunkt habe der Tatverdächtige mit seinem Mobiltelefon mit der portugiesischen Nummer +351 912 730 680 einen Anruf von einem anderen portugiesischen Anschluss erhalten. Die Nummer des Anrufers lautete: +351 916 510 683. Dieser Gesprächsteilnehmer habe sich während des Telefonats nicht in Praia de Luz aufgehalten, sei für die Ermittler aber dennoch "ein sehr, sehr wichtiger Zeuge" und werde dringend gesucht. Wer Informationen zu diesen beiden Nummern habe, möge sich an das BKA wenden, appellierte der Ermittler. Für Hinweise hat das Bundeskriminalamt eine eigene Webseite eingerichtet: bka.hinweisportal.de. Zudem gibt es einen offiziellen Fahndungsaufruf.

Der Verdächtige nutzte auffällige Fahrzeuge

Mit diesem Fahrzeug soll der verdächtige 43-Jährige im Frühjahr 2007 in Praia da Luz und Umgebung unterwegs gewesen sein.

(Foto: AFP)

Auch bei weiteren Tatdetails hofft die Polizeibehörde auf die Mithilfe der Bevölkerung, unter anderem beim mutmaßlichen Tatfahrzeug. Demnach fuhr der verdächtige 43-Jährige im fraglichen Zeitraum zwei auffällige Fahrzeuge - einen auberginefarbenen Jaguar XJR6 mit deutschem Kennzeichen sowie einen weiß-gelben VW-Bus, Modell T3 Westphalia, mit portugiesischem Kennzeichen. Der Jaguar soll mal eine Münchner, mal eine Augsburger Zulassung gehabt haben. Der VW-Bus gehörte nicht dem Verdächtigen, er nutzte ihn aber offenbar mit Einverständnis des Halters. Wer Angaben zu Aufenthaltsorten und Nutzern dieser Fahrzeuge rund um den 3. Mai 2007 machen kann, wird ebenfalls gebeten, sich beim BKA zu melden.

Zum Ende seines etwa 20-minütigen Auftritts in der Aktenzeichen-XY-Sendung wandte sich Hoppe direkt an die Zuschauer. Er bat Personen, die ebenfalls Opfer geworden seien und den 43-Jährigen als möglichen Täter erkannt hätten, sich zu melden. Es sei zudem nicht auszuschließen, dass es neben dem eigentlichen Täter Personen gebe, "die Wissen zum Tathergang, vielleicht sogar zum Ablageort der Leiche haben, ohne selbst Mittäter zu sein". "Bitte teilen Sie uns Ihr Wissen mit", appellierte der Ermittler. Jedes noch so kleine Detail sei von immenser Bedeutung. "Denken Sie bitte an die Schwere der Tat und an die Folgen für die Opfer und Angehörigen." Auf Wunsch könnten Hinweise vertraulich behandelt werden.

Maddies Eltern wurden in einer aktuellen Mitteilung von Scotland Yard mit den Worten zitiert: "Wir werden niemals die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber was auch immer herauskommen sollte, wir müssen es wissen, weil wir Frieden finden müssen." Weiter wollten sich Kate und Gerry McCann nicht äußern, sagte ein Sprecher in London - "sie wollen, dass sich nun alles auf die Ermittlungen konzentriert".

© SZ.de/ick
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Die Netflix-Dokumentation "The Disappearance of Madeleine McCann" zeigt, dass die Suche nach einem verschwundenen Kind Antworten bringen kann, die unerträglich sind.

Von Johanna Bruckner

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