Dokuserie über den Fall Madeleine McCann Wenn Eltern in Abgründe blicken

Seit knapp zwölf Jahren ist Madeleine McCann verschwunden - wenn sie noch lebt, ist sie heute eine Teenagerin. Im öffentlichen Bewusstsein bleibt sie ein dreijähriges, blondes Mädchen.

(Foto: dpa)

Die Netflix-Dokumentation "The Disappearance of Madeleine McCann" zeigt, dass die Suche nach einem verschwundenen Kind Antworten bringen kann, die unerträglich sind.

Von Johanna Bruckner, New York

In einer Episode der Dokumentation The Disappearance of Madeleine McCann sitzt eine Mutter vor einem Aktenordner mit Kinderfotos. Ihr Oberkörper ist tief über die Seiten gebeugt, teilweise sind die Gesichter stark verpixelt. Sie stammen aus kinderpornografischem Bildmaterial, das bei der Zerschlagung eines Pädophilenrings sichergestellt wurde. Mehr als 1200 Kinder­ge­sichter haben Ermittler aus 750 000 Aufnahmen gefiltert. Die Seiten mit den Fotos von Mädchen und Jungen stecken gegen die Ab­nutzung in Klarsichthüllen - die Datenbank existiert seit Jahren, bislang ist nur ein Bruchteil der Opfer identifiziert.

Die blasse Frau sucht in den Aktenordnern nach dem Gesicht ihres Sohnes. Rui Pedro, zuletzt gesehen am 4. März 1998 im portugiesischen Lousada, bei seinem Verschwinden elf Jahre alt. Die Mutter wird ihn finden auf diesen Bildern, die einen unerträglichen Horror dokumentieren. Die Szenen mit Rui Pedros Mutter sind die stärksten der achtteiligen Serie, die sich mitunter verliert in ihren vielen Nebensträngen.

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Am 3. Mai 2019 wird die namensgebende Madeleine McCann zwölf Jahre verschwunden sein. Wenn sie noch lebt, ist sie heute eine Teenage­rin - im öffent­lichen Bewusstsein wird sie wohl immer ein dreijähriges Mädchen bleiben. Blond, blaue Augen mit einem markanten Detail: vom Rand der rechten Iris verläuft ein brauner Strich bis zur Pupille. "Maddie", schreibt die britische Bou­levardpresse konsequent. "Madeleine" (ge­spro­­­­chen: "Ma-de-lin"), sagt ihr Vater Gerry McCann mit seinem schweren schottischen Ak­zent. Seine Tochter ist längst eine öffentliche Figur - The Disappearance of Madeleine McCann ist nur der jüngste Beweis. Dabei hatten Kate und Gerry McCann ihre Teilnahme am Filmprojekt verweigert.

Sie befürchten, die Dokuserie könnte Verschwörungstheorien be­feu­ern. Und tatsächlich lassen die Macher den Zuschauer noch einmal nacherleben, wel­che Wendungen der Kriminalfall und auch die öffentliche Meinung darüber genommen haben. Von der überwältigenden Anteilnahme, als bekannt wurde, dass das Mädchen aus einer Ferienwohnung an der portugiesischen Algarve verschwunden war. Über erste Zweifel an der Version von Kate und Gerry McCann, die zum Zeitpunkt des Verschwindens wenige Meter entfernt in einem Restaurant aßen und angaben, regelmäßig nach Madeleine und ihren Geschwistern geschaut zu haben. Bis zum scheinbar konkreten Verdacht gegen die Eltern: Blut- und Leichenspürhunde schlugen im Appartement der McCanns an, in ihrem Mietwagen wurden Blutspuren sichergestellt. Und schließlich ihre vollständige Entlastung, als herauskam, dass die entnommenen Proben überhaupt nichts aussagten.

Der Fall Maddie als Real-Life-Computerspiel mit Bösewichten und Helden

Es gibt Interviewsequenzen mit zwei Männern, die zu Beginn in Ver­dacht gerieten und jeweils mit zerstörtem Ruf zurück­blieben. Ein briti­scher Millionär kommt zu Wort, der im Bemü­hen, den McCanns zu helfen, einen Hochstap­ler mit privaten Ermittlungen beauftragte. Am Ende der knapp siebenstündigen Dokumentation sind mehr Fragen offen als zu Beginn. Zwei Dinge werden aber eindrücklich klar: wie ein medienträchtiges Verbrechen Beteiligte korrumpieren kann - und dass es mehr als nur ein Opfer gibt.

So beteiligte sich auch der Sohn des wohlhabenden Briten zwischenzeitlich an den Nachforschungen, vor der Kamera erzählt er schwärmerisch von Verfolgungsjagden auf portugiesischen Straßen. Für ihn ist der Fall Madeleine McCann ein Abenteuer, eine Art Real-Life-Computerspiel mit Bösewichten, Helden und jeder Menge Action. Es gibt mehrere solcher Figuren in der Geschichte, die nicht unempathisch gegenüber dem Leid der Familie sind, aber auch eine günstige Gelegenheit für sich selbst sehen. Boulevardjournalisten, Berater der McCanns - selbst in der Stimme von Ernie Allen, Mitbegründer des amerikanischen National Center for Missing & Exploited Children, schwingt Stolz mit, wenn er Madeleines Eltern eine neue Morph-Technologie vorführt, die lange vermisste Kinder künstlich altern lässt. Es sei emotional, ihre Tochter so anders zu sehen, als sie sie in Erinnerung habe, sagt Kate McCann in Archivaufnahmen von dem Treffen. "Wenn ich ehrlich bin, war es anfangs erschütternd."

Das Quälendste, so heißt es in der Berichterstattung über verschwundene Kinder, sei für die Eltern, nicht zu wissen, was ihrem Kind passiert ist. Die Mutter von Rui Pedro, die ihren Sohn in einer Kinderporno-Datenbank fand, würde dem vielleicht widersprechen. Es kann auch quälen, zu viel zu wissen.

The Disappearance of Madeleine McCann, acht Folgen, bei Netflix.

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