Missbrauch in Lügde Staatsanwaltschaft wirft Hauptverdächtigem fast 300 Taten vor

Kinderschuhe, die die Initiative "Kinder von Lügde" abgelegt haben, um an das unendliche Leid im Missbrauchsfall von Lügde zu erinnern.

(Foto: Peter Steffen/dpa)
  • Nachdem diese Woche die Anklageschrift an den mutmaßlichen Haupttäter im Fall Lügde zugestellt worden ist, hat sich das Landgericht Detmold nun erstmals zum Inhalt geäußert.
  • Die Staatsanwaltschaft wirft Andreas V. 293 Fälle vor, verantworten muss er sich unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern.
Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Seit mehr als sieben Monaten sitzt Andreas V. in Untersuchungshaft. Auf dem Campingplatz Eichwald im nordrhein-westfälischen Lügde erinnert seit Mitte April nichts mehr an den 56-Jährigen, der dort mehr als drei Jahrzehnte lebte. Sein selbst zusammengezimmertes Zuhause wurde abgerissen, der Bauschutt entsorgt und verbrannt. Jetzt soll auf dem Grundstück Gras wachsen. Das, was Andreas V. in seinen beiden Wohnwagen kleinen Kindern angetan haben soll, dürfte aber ganz Deutschland für sehr lange Zeit im Gedächtnis bleiben. Der arbeitslose Dauercamper ist Hauptbeschuldigter im "Fall Lügde", dem schlimmsten Missbrauchsfall NRWs.

Nachdem V. diese Woche die Anklageschrift zugestellt worden ist, hat sich das Landgericht Detmold nun erstmals zum Inhalt geäußert. Auf drei kurzen, nüchternen Absätzen werden V.s monströse Taten zusammengefasst: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm in ihrer Anklage 293 Fälle vor, verantworten muss er sich unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern.

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Jahrzehntelanger Missbrauch

Seine Taten soll V. im Sommer 1998 - und seit Anfang des Jahres 2008 bis zu seiner Verhaftung am 6. Dezember 2018 - auf dem Campingplatz an der niedersächsischen Grenze begangen haben. Keines seiner 22 Opfer war zum Tatzeitpunkt älter als 13 Jahre, die meisten Grundschülerinnen und Grundschüler. "Einige waren so klein, dass sie sich nicht mal alleine die Schuhe zubinden konnten", hatte ein Opferanwalt gesagt.

In 226 der 293 angeklagten Fälle soll V. die Kinder vergewaltigt haben. In einem Fall soll er zwei kleine Kinder gezwungen haben, sexuelle Handlungen aneinander vorzunehmen. Weil auch seine Pflegetochter zu den Opfern gehört, muss sich V. zudem wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen verantworten. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont hatte dem alleinstehenden Mann das damals sechsjährige Mädchen Anfang 2017 noch offiziell zugesprochen, seit seiner Geburt soll das Kind aber schon von seiner Mutter regelmäßig bei V. abgegeben worden sein. Außerdem soll der Dauercamper laut Anklageschrift im Besitz von 879 Bild-und Videodateien mit kinderpornografischem Inhalt gewesen sein - darunter auch Selbstgefilmtes.

V.s Komplize Heiko V., mit dem er nicht verwandt ist, ist mitangeklagt, weil er in mindestens vier Fällen an Webcam-Übertragungen des Dauercampers teilgenommen haben soll. In zwei Fällen soll der 49-jährige Feuerwehrmann aus dem niedersächsischen Stade den Hauptbeschuldigten zuvor ausdrücklich zu sexueller Gewalt an Kindern aufgefordert haben. Bei ihm fanden die Ermittler mehr als 42 700 Bild- und Videodateien mit kinder- und jugendpornografischem Material.

Ebenfalls in Haft sitzt V.s anderer Komplize: Der 34-jährige Mario S. soll gesondert angeklagt werden. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass ihm ebenfalls eine dreistellige Fallzahl zur Last gelegt werden wird. In den vergangenen Monaten hatten die Lügde-Ermittler immer wieder von mutmaßlich tausendfachem Missbrauch gesprochen. Offensichtlich fokussiert sich die Staatsanwaltschaft aber nur auf Fälle, für die eindeutige Beweise und übereinstimmende Zeugenaussagen vorliegen. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass das aber nicht bedeute, dass es die mehr als tausend vermuteten Taten nicht gegeben hätte - es seien eben nicht alle anklagefähig.

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