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Fund im Rathaus:Der Schatz von Lübeck

Stadt Lübeck öffnet vergessene Tresore im Rathaus

Hört man was? Bürgermeister Jan Lindenau schüttelt einen Tresor.

(Foto: dpa)
  • Am Dienstag wurden zwei Tresore geöffnet, die seit Jahrzehnten unbeachtet in einem Nebenzimmer des Lübecker Rathauses standen.
  • Niemand wusste, was sie beherbergen.
  • Grundsätzlich sei alles möglich, sagte der Bürgermeister.

Es ist erst Viertel vor acht, aber Jan Lindenau hat schon einiges hinter sich. Jetzt sucht er erst mal einen Platz, wo er seine Banane ablegen kann. Er hat sie extra mitgebracht, eingepackt in eine ökologisch nicht sehr korrekte Plastiktüte. Er wird eine Stärkung brauchen. Das ist ja nicht irgendein Tag. "Ich gebe schon seit sechs Uhr morgens Interviews", sagt er.

Lindenau, 40, ist der Bürgermeister von Lübeck. Das ist normalerweise kein Job, in dem man schon früh morgens von Reportern belagert wird, aber an diesem Dienstag drängen sich die Kamerateams dicht an dicht im ersten Stock des Rathauses. Nichts weniger als eine Sensation wird erwartet. Oder zumindest erhofft. Denn heute sollen zwei Tresore geöffnet werden, die seit Jahrzehnten unbeachtet in einem Nebenzimmer des Lübecker Rathauses standen. Niemand weiß, was sie beherbergen. Niemand hat einen Schlüssel.

Es sei grundsätzlich alles möglich, sagt Lindenau. "Ein paar Goldbarren, die uns bei der Sanierung des Haushalts helfen, wären natürlich nicht schlecht." Das ist als Scherz gedacht, aber die Stimmung erinnert tatsächlich an eine Schatzsuche.

Eine ziemlich staubige Angelegenheit

Die zwei Tresore, ein kleiner grüner und ein sehr großer weißer, stehen also in dem Zimmer, um sie herum ist alles leer geräumt und mit Plastikfolie ausgelegt. Das könne eine ziemlich staubige Angelegenheit werden, hört man. Sogar gefährlich, wegen des Funkenflugs. Aber die Jungs von der Spezialfirma werden das schon machen. Wenn sie denn da wären. Der Bürgermeister Lindenau steht nun also ein wenig verloren da, er hat mit den Tresoren für Fotos posiert, sogar ein bisschen an der großen Tresortüre gerüttelt - das kommt super bei den Aufnahmen - und er hat jedem ein Interview gegeben, der ihm ein Mikrofon hingehalten hat.

Jetzt könnte es losgehen, aber die Spezialfirmajungs lassen sich Zeit. Handwerker kommen manchmal zu spät, das ist an einem großen Tag auch nicht anders als sonst. Gespanntes Warten. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Dann, endlich, kommen sie daher. Die Spezialfirma entpuppt sich als der örtliche Schlüsseldienst. "Tag und Nacht" steht auf ihren Shirts. Irgendwer ruft trotzdem: "Da sind ja unsere Panzerknacker!".

Dann kurze Ernüchterung. Bei der Arbeit dürfe man nicht zusehen, heißt es. Die Panzerknacker nehmen die Sicherheitsbestimmungen sehr ernst. Sogar der Bürgermeister muss draußen warten. Nicht einmal die Tür darf offen bleiben. Bei dem kleinen Grünen werde es nicht allzu lange dauern. Der große Weiße dagegen, uh. Das könnte auch bis morgen dauern.

Bürgermeister Lindenau isst jetzt die Banane

Die Tür geht zu, man hört dann nur noch allerlei Gequietsche und Gesäge. Die Radioreporter machen schon mal erste Beiträge: "Es wird jetzt am ersten Tresor gearbeitet." Irgendwer schreibt einen Liveblog. Der Bürgermeister Lindenau isst jetzt die Banane. In der Zwischenzeit ist der Direktor des Stadtarchivs eingetroffen. Er hofft, dass im Tresor vielleicht ein paar Seiten aus dem Goldenen Buch der Stadt liegen. Da fehlten nämlich welche, und das könne man als Archivar nicht gutheißen. Er berichtet außerdem, dass immer wieder erstaunliche Fundstücke auftauchen in Lübeck. In einem Schulgebäude habe man zum Beispiel einen Stockdegen aus dem Jahr 1933 gefunden. Offenbar schaut man in dieser Stadt nicht gern in Schränke.

Dann ist es so weit. Die Tür zum Tresorzimmer geht auf. Der kleine Grüne ist geknackt, aber noch geschlossen. Das Recht auf die erste Öffnung hat der Bürgermeister. Es dauert ein bisschen, bis er so vor dem Tresor kniet, dass die Kameras alles gut einfangen können. Lindenau öffnet die Tür. "Oha!", ruft er. "Oha!" Er zieht ein paar Schatullen heraus und präsentiert: Silbermünzen mit Thomas-Mann-Prägung. 20 Stück. Offenbar habe die Stadt die mal an Ehrenträger verschenkt. Dann geht es weiter.

Eine Goldmünze! Ein besonders schönes Exemplar, da ist man sich hier einig. Mit großem phonetischem Engagement - "Ei! Eijeijeijeijei!" - befördert Lindenau außerdem ans Licht: einen Großvorrat Siegelwachs. Nicht zu unterschätzen, kann man immer brauchen. Dann ein Schriftstück. "Das ist ja in einer Schrift, die kann ich gar nicht mehr lesen!" Der Archivar wird gerufen. Es ist dann doch nur ein Übergabeprotokoll für Armbinden, verfasst in den 1950er-Jahren von irgendwem mit einer, Verzeihung, Sauklaue. Dennoch allgemeine Erleichterung. "Das war ja schon mal einiges", bilanziert der Bürgermeister. Und vielleicht komme ja noch mehr.

Einige Stunden später, als die Journalisten wieder weg sind, ist dann auch der zweite Tresor endlich geknackt. Er enthält leere alte Briefumschläge. Macht aber nichts: Er hat Lübeck ein echtes Abenteuer geschenkt.

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