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Loveparade-Prozess:Als die Bilder laufen, wird es still

Loveparade-Prozess Zeugen Beweisaufnahme Videos

Aus Platzgründen findet das Verfahren des Duisburger Landgerichts in der Düsseldorfer Messe statt.

(Foto: dpa)

Beim Loveparade-Prozess werden die ersten Zeugen vernommen. Während eine Frau mit emotionalen Worten die Erlebnisse schildert, schockieren Videoaufnahmen von Manfred B. den Saal.

Sie kämpft. Mit dem, was sie erlebt oder was sie verdrängt hat. Und um ihre Fassung. Rosalinda B. ist die erste Zeugin, die mehr als einen Monat nach Beginn des Strafprozesses um die Loveparade von 2010, aussagt. Und das erste Opfer, das endlich zu Wort kommt.

Zögerlich, mit gebrochener Stimme schildert die 31-jährige Frau mit den langen, schwarzen Haaren, wie damals Tausende im Tunnel und auf der Rampe am Duisburger Güterbahnhof zusammengequetscht wurden. Und wie 21 Menschen starben. Bis heute befällt die Zeugin manchmal Atemnot. Die Anfälle kommen plötzlich, "jedes Mal, wenn ich etwas rieche oder sehe, das mich erinnert".

Am tragischen 24. Juli 2010 war Rosalinda B. mit ihrer Schwester zur Techno-Party gefahren. Per Taxi. Rein kamen sie. Aber als sich die Schwester an einer Glasscherbe verletzte und die beiden einen Sanitäter suchten, gerieten sie ins Gedränge am einzigen Ein- und Ausgang. "Wir wurden von vorn und von hinten gedrückt", sagt die Zeugin, "wie Sardinen in einer Büchse." Eine Polizeikette versuchte, die Menge zu ordnen, und irgendwer sagte, man solle warten, bis es ruhiger werde: "Aber es wurde nicht ruhiger." Nur schlimmer.

Vor Gericht "Wer trägt die Verantwortung für den Tod meines Sohnes?" Video
Auftakt zum Loveparade-Prozess

"Wer trägt die Verantwortung für den Tod meines Sohnes?"

Die Angehörigen der Opfer hoffen, dass der Loveparade-Prozess für Gerechtigkeit sorgt. Aber die Symbolfiguren des Unglücks sitzen nicht auf der Anklagebank.

"Halt meine Hand fest, lass ja nicht los", schrie die Schwester. Aber die beiden wurden getrennt. Rosalinda, nur 1,58 Meter groß, rang um Luft, sah vor sich nur noch Oberkörper oder Rucksäcke. Ein junger Unbekannter half ihr, hielt ihren Kopf hoch, drängelte sich vor zu der kleinen Betontreppe, über die Menschen aus der Todesfalle flohen. Rosalinda B. stürzte bereits auf der zweiten Stufe, andere Flüchtende fielen auf sie.

Neben ihr, so erzählt die Zeugin unter Tränen, habe eine junge Frau gelegen, die auch nicht mehr hochkam. "Bitte hilf mir", habe das halbe Kind gefleht, doch: "Ich konnte mich nicht befreien, die Menschen waren auf mir drauf." Und wurden schwerer und schwerer. Aufgewacht ist B. damals Stunden später im Krankhaus, auf der Treppe war sie ohnmächtig geworden.

Mario Plein, der Vorsitzende Richter des Duisburger Landgerichts, versucht mit Fragen, der Zeugin gerichtsverwertbare Erkenntnisse abzuringen. Ob die Ordner, wie im Sicherheitskonzept der Loveparade vorgesehen, denn mit Anweisungen versucht hätten, "die Verdichtung von Menschen aufzulösen?" Rosalinda erinnert sich daran nicht ("Die standen da rum."), aber die Zäune nahe der Unglücksstelle seien wackelig gewesen. Ob die Polizei ihre Beamtenkette geordnet oder nur hilflos aufgab, weiß sie auch nicht genau: "Die wurde aufgerissen." Und Zeitangaben, wann genau sie was und wo erlebte, kann die Zeugin auch nicht machen. Nur dies: "Für mich hat es eine Ewigkeit gedauert."

Manfred B. filmt damals die Tragödie

Als zweiter Zeuge und Nebenkläger erscheint am Nachmittag dann Manfred B. Der 34-jährige Lehrer taumelte am Tag der Tragödie nur wenige Meter von Rosalinda B. entfernt in der Menge. Aber er hat, das wird nach wenigen Minuten seiner Vernehmung klar, das Unglück weitaus besser überwunden. Fast nüchtern klingen die Antworten des kräftigen Mannes, der präzise beschreibt, wie "die Leute ab einem gewissen Zeitpunkt keine Wahl mehr hatten, wo sie hingehen" - und von Wellenbewegungen der Masse hin und her geworfen wurden.

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Manfred B. hat damals die Nerven gehabt, bei der Loveparade mit seinem Handy zu filmen. Auch, als ihm schon klar war, "dass könnte hier jetzt gefährlich werden". Warum er das getan habe, will Richter Plein wissen. "Weil ich wusste, dass man irgendwann Beweismittel braucht."

Als "Pizzamanne" hat Manfred B. schon im Sommer 2010 eine vierteilige "Chronologie einer Katastrophe" über Youtube ins Netz gestellt. Am Donnerstag ist der Gerichtssaal sein Auditorium. Plötzlich ist es totenstill im Halbrund, Verteidiger wie Staatsanwälte starren auf die drei Großleinwände im Saal. Und sehen in Bildern, was in den Akten steht: Dass sich am 24. Juli 2010 gegen 16.30 Uhr die Lage an der Rampe zuspitzt, wie erste, offenbar ohnmächtige Körper, über die Menge zur rettenden Treppe gereicht werden. Und sie hören die Schreie der Menge schriller werden: "Ich will nicht mehr" oder "Holt uns hier raus!". Um 16.59 Uhr des Mitschnitts hört man eine Frau stöhnen: "Ich schaff's nicht." Da muss sich auch jener Angeklagte mit der Hand übers Gesicht fahren, der damals der Eventmanager der Loveparade war.

Für weitere Fragen hat niemand mehr Kraft

Der letzte, vierte Teil der Dokumentation zeigt nur noch wirre Bilder. Arme, Schultern, Köpfe, verkeilte Körper. Ordner oder Polizisten sind in der verzweifelten Menge unterhalb der Treppe nirgendwo auszumachen. Plötzlich ist das Bild schwarz, um 17.23 Uhr des Todes-Tages fängt die Kamera den Boden der Rampe ein: leere Bierdosen, Plastikbecher, Kleidungsfetzen, Leichen. Oben auf dem Podium im Gerichtssaal, neben Richter Plein, wo das Gericht sitzt, kommen einer Schöffin die Tränen. Zeuge Manfred B. hatte im Juli 2010 noch versucht, zwei Opfer wiederzubeleben. Vergeblich. Der Abspann des Videos zeigt noch kurz, wie die angeblich weltgrößte Party bis 22 Uhr weiterdröhnt.

Das Leid einer Parade im Namen der Liebe, es ist an diesem Donnerstag zum ersten Mal in den Gerichtssaal eingedrungen. Für weitere Fragen hat danach niemand mehr Kraft. Manfred B. wird (wohl im Februar) erneut geladen.

Rosalinda B., die erste Zeugin in diesem Mega-Prozess, ist am Donnerstag früher gegangen. Das Video braucht sie nicht. Sie ist seit Jahren in therapeutischer Behandlung. Organische Schäden erlitt sie nicht, die psychischen Folgen aber erdrücken sie. Während ihrer Aussage am Donnerstag hat sie nervös ihre Finger geknetet. Und manchmal presste sie ein weißes Taschentuch zusammen. Etwa, als sie preisgibt, was sie bis heute am meisten quält: "Ich weiß nicht, ob das Mädchen neben mir am Leben ist. Oder ob sie gestorben ist." Ihre Schwester hat überlebt.

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