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Lokalreporter in Neapel:Der Chronist der Camorra

29 Festnahmen, ein Mord, ein Überfall: alles ganz normal, findet Luigi Sannino. Der Italiener ist Reporter einer Lokalzeitung in Neapel - und für das organisierte Verbrechen zuständig.

Wenn mal man bei simplen Klischees bleiben will, gehört zu den Berühmtheiten Neapels sicher dieses: seine Schönheit, der Vesuv, Pizza, Weihnachtskrippen, das Müllproblem und das Verbrechen. Letzteres ist das Metier von Luigi Sannino. Der große, schlaksige Mann mit der randlosen Brille hat eher etwas von einem nachsichtigen Mathelehrer an sich. Doch der 50-Jährige schreibt "Cronaca Nera", schwarze Nachrichten, wie in Italien die Berichterstattung über Kriminalität heißt.

Italienische Carabinieri untersuchen den Bunker des Mafiabosses Pasquale Russo. Mit dabei: die Presse. Camorra-Kenner wie Luigi Sannino nennt man "Camorrologo".

(Foto: AFP)

Für die konservative Lokalzeitung Il Roma, deren Anfänge fast 150 Jahre zurückreichen, verfolgt der Journalist bereits seit 1996 die Aktivitäten von Unterwelt und Polizei in Neapel. Seine Stadt sorgt dafür, dass ihm die Arbeit nicht ausgeht. Überregionale Medien berichten nur über spektakuläre Fälle, wenn wichtige Camorra-Bosse gefasst, große Rauschgiftmengen beschlagnahmt werden oder Clans besonders blutig aneinandergeraten. "Wir hier müssen alles berichten", sagt Sannino, von bewaffnetem Raub an wird es für die Cronisti der Lokalzeitungen interessant.

Auch so ein Mord zum Beispiel, wie der erste des Jahres 2011, bei dem ein Vorbestrafter im berüchtigten Stadtteil Secondigliano vor wenigen Tagen durch ein paar Kugeln des Kalibers 9 gestorben ist, macht im Rest Italiens keine Schlagzeilen. In Neapel herrscht bekanntlich die höchste Kriminalitätsdichte in Italien - was also soll daran besonders sein? 30 Prozent derer, die die Polizei hier überprüft, sind vorbestraft.

Kriminalität ist in vielen Facetten im Alltag präsent. So sagen Kenner, dass die allermeisten Geschäfte den Pizzo abgeben, Schutzgeld, das die Clans erpressen. Die, die nicht zahlen, gehörten sowieso schon der Camorra. Damit leben die Menschen hier genauso wie mit all jenen Vierteln, welche Hochburgen der Camorristi sind. Wenn man nicht gerade eine teure Uhr zur Schau stellt, kann man zwar normalerweise unbehelligt durch die pittoresken Gassen der berühmten Quartieri Spagnoli mitten in der Altstadt streifen. Wer es jedoch wagt, als Fremder mit dem Auto dort durchzufahren, der kann ganz schnell Begleitung bekommen. Zum Beispiel von drei Motorrädern, auf denen unübersehbar bewaffnete Kerle sitzen und signalisieren, dass man hier nicht erwünscht ist.

Mit solchen Drohgebärden wollen Clans ihren Anspruch auf das Territorium demonstrieren. Aus den Quartieren mit 60 und mehr Prozent Arbeitslosigkeit speist sich reichlich Nachwuchs für die Unterwelt und Stoff für Luigi Sanninos Berichte. In der Redaktion ist er praktisch nie, sein Arbeitsplatz befindet sich im Polizeipräsidium in der Via Medina, einem mächtigen Kasten aus der Zeit des Faschismus. Dort gibt es einen Presseraum, in dem sechs, sieben akkreditierte Polizeireporter verschiedener Blätter ihre Schreibtische haben. Das zusammengewürfelte Mobiliar ist abgenutzt, die Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen, die Computermonitore sind 20 Jahre alt. Drei Telefone hat Sannino auf seinem Tisch und zwei Handys. Leider funktioniert gerade die Übertragung des Polizeifunks nicht, den sie sonst hier mithören, obwohl es eigentlich nicht erlaubt ist.

In der aktuellen Ausgabe von Il Roma finden sich an diesem Tag vier Texte von Sannino. Sie berichten von der Verhaftung von 21 Personen. Alle diese Verhaftungen haben zu tun mit einer der mehrjährigen großen Clanfehden, es geht um zwölf Morde. "So haben wir einen guten Jungen ermordet", heißt eine Überschrift, eine andere "Der, der auf Bruno Maltese schoss". Es wimmelt in den Texten nur so von Namen der Clans und Verdächtigen. Es sind keine reißerischen Geschichten, sondern nüchterne Faktenstücke. Sannino ordnet ein und erklärt Zusammenhänge. Für ihn ist die Mafia keine geheimnisvolle Macht, nichts wird mystifiziert. "Camorrologo", nennt man so einen Camorra-Kenner wie ihn. Sannino ist Experte für die mehr als 100 Clans der Stadt.

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