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Zum Tod von Larry Flynt:Der "Perverse" ist nicht mehr da

Er nannte sich "Schmutzhändler": Pornografie-Verleger Larry Flynt.

(Foto: Raoul Gatchalian/STAR MAX/AP)

So nannte sich Larry Flynt in einem Film über sich selbst. Nicht nur als Verleger des Erotik-Magazins "Hustler" war er eine streitbare Figur: Flynt kämpfte gegen Homophobie und für die freie Meinungsäußerung.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt diesen Moment im Film "Larry Flynt - Die nackte Wahrheit" von Oscar-Preisträger Miloš Forman. Der Protagonist rollt nach seiner Operation, er war vom Serienmörder Joseph Paul Franklin angeschossen worden und von der Hüfte abwärts gelähmt, in das von ihm gegründete Verlagshaus. Er trägt ein T-Shirt, auf dem steht, dass Jesus ein Anarchist gewesen sei, und er will, dass alle Leute erfahren, dass er nun wieder die Verantwortung übernehme. "Der Perverse ist wieder da", brüllt der Flynt-Darsteller. Als niemand so recht zuhört, fordert er eine Sekretärin auf, es doch bitteschön über Lautsprecher mitzuteilen: "Der Perverse ist wieder da!"

Der "Perverse", das ist Larry Flynt, und er hätte sicherlich nichts dagegen, wenn man ihn nun, kurz nach dem Tod, so nennen würde. Es gibt ganz andere Bezeichnungen für ihn, schließlich hat er Geld vor allem damit verdient, Frauen zu Objekten zu degradieren, ob nun in Strip-Clubs oder im Magazin Hustler - nur gibt es da diese Regel, über Tote nichts außer Gutes zu sagen. Ach was, egal: Flynt war ein Sexist. Er dürfte auch mit dieser Bezeichnung kein Problem haben, schließlich hat er bis zum Supreme Court der Vereinigten Staaten erfolgreich geklagt, dass man solche Sachen auch über Prominente sagen darf. Er war einer der wichtigsten Streiter für das Recht auf freie Meinungsäußerung.

"Ich bin Hinterwäldler"

Flynt kam vor 78 Jahren in einem Kaff in Kentucky zur Welt, und es wäre eine Untertreibung, seine Kindheit als schwierig zu bezeichnen. Sein Vater kam aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, als Flynt schon drei Jahre alt war. Seine Schwester Judy starb an Leukämie, da war er fünf. Nur ein Jahr später ließen sich die Eltern scheiden, er zog zunächst mit seiner Mutter weg; kehrte indes zwei Jahre später in eine der ärmsten Gegenden der USA zurück, weil er den neuen Freund der Mutter nicht leiden konnte. Er schlug sich als Fälscher durch, diente in der Navy und kaufte im Jahr 1965 die Bar seiner Mutter im Bundesstaat Ohio. Dort hatte er eine Erleuchtung: Die Leute prügelten sich, weil sie betrunken nichts anderes zu tun hatten.

Larry Flynt im Jahr 2014 mit Ausgaben des "Hustler"-Magazins, das seit 1974 im Monatsrhythmus erscheint.

(Foto: Mark Ralston/AFP)

Seine Strategie: Gäste brauchen Ablenkung, und seiner Meinung nach starren besoffene Männer auf nichts lieber als auf nackte Frauen. Er gründete elegante Strip-Clubs, die er Hustler Club nannte, und um sie zu bewerben, brachte er einen Newsletter heraus, der bis August 1973 so beliebt wurde, dass er auf 32 Seiten anwuchs. Wegen der Ölkrise gingen die Umsätze in den Klubs zurück, also baute Flynt den Newsletter zum pornografischen Magazin Hustler aus. Im Gegensatz zu anderen Magazinen waren darin die Vulven der Models zu sehen.

Das sorgte für Ärger und Aufsehen, immer wieder wurden ihm und seinen Zeitschriften widerwärtiges und obszönes Verhalten vorgeworfen. Die Feministin Gloria Steinem nannte ihn einen "widerlichen und sadistischen Pornografen" wegen eines Fotos, das so aussah, als würde eine Frau durch einen Fleischwolf gedreht werden. Auch das fasste Flynt nicht als Beleidigung auf, in seinem Buch "Sex, Lies & Politics: The Naked Truth" beschreibt er sich selbst so: "Ich bin Hinterwäldler. Leute wie ich kommen mit Sex ohne die heuchlerische Moral der Mittelklasse in Berührung. Wenn gute Christen mir sagen, dass Sex schmutzig sei, dann antworte ich: 'Ja genau, wenn man es richtig macht!' Für mich ist Sex eine Möglichkeit, diesen Leuten zu sagen, dass sie mir nichts anhaben können."

Der Durchbruch kam mit Jackie Kennedy Onassis

Der Mainstream-Durchbruch folgte im August 1975: Was die Centerfold-Bilder der nackten Marilyn Monroe für den Playboy im September 1953 gewesen waren, das waren für Hustler die von Paparazzi geschossenen Nacktaufnahmen der sonnenbadenden Jackie Kennedy Onassis. Mehr als zwei Millionen Mal verkaufte sich diese Ausgabe, Flynt war spätestens jetzt reich. Er bot eine Million Dollar für Hinweise auf den Mörder von John F. Kennedy - erfolglos. Er bot während des Amtsenthebungsverfahrens gegen den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton erneut eine Million Dollar für Hinweise auf untreue Politiker. Der Abgeordnete Bob Livingston musste zurücktreten und sagte beim Abschied zu seinen Kollegen: "Ich wurde geflyntet."

Vor der US-Präsidentschaftswahl 1984 startete Larry Flynt eine Quatsch-Bewerbung. Als Donald Trump 32 Jahre später für das Amt kandidierte, glaubten nicht wenige zunächst an einen ähnlichen Scherz.

(Foto: Wally Fong/AP)

Im Wahlkampf 2016 bot er eine Million Dollar für weitere entlarvende Videos über Trump, nachdem der in einem anderen geprahlt hatte, Frauen zu begrapschen ("Grab'em by the pussy"), später bot er beim Amtsenthebungsverfahren gar zehn Millionen für brauchbares Material gegen Trump. Im Jahr 1984 übrigens hatte Flynt, der sich selbst "Schmutzhändler" nannte, eine Gaudi-Bewerbung um das Amt des Präsidenten gestartet, woran 2015/16 immer wieder erinnert wurde, weil zu Beginn der Bewerbung Donald Trumps viele glaubten, das sei ebenfalls nur ein Witz.

Flynt wurde immer wieder wegen der Fotos, aber auch wegen beleidigender Karikaturen verklagt, und das führte zu einer Reihe skurriler Momente vor Gericht. Er trug zum Beispiel die US-Flagge als Windel oder kippte Unmengen von Bargeld vor die Füße des Richters, der ihn zwingen wollte, eine Quelle offenzulegen. Er schien das Streiten zu genießen. Unvergessen, was er im Film seinem Anwalt entgegnet, als der das Mandat abgeben will: "Ich bin doch ein Traum-Klient: Ich mache am meisten Spaß, ich bin stinkreich, und ich habe immer Ärger am Hals."

Dann kam die Klage des Pastors Jerry Falwell: In der Parodie einer Campari-Werbung wurde nahegelegt, dass Falwell seine Jungfräulichkeit beim Sex mit seiner Mutter auf einem Plumpsklo verloren habe. Der Fall ging bis zum Supreme Court, und der entschied in einem noch heute oft zitierten Urteil zugunsten von Flynt mit der Begründung, dass Geschmack kein Kriterium sei. Die Kontrahenten wurden später Freunde, Flynt schrieb anlässlich des Todes von Falwell im Jahr 2007: "Er wusste, was ich verkaufe, und ich wusste, was er verkauft. Wir waren beide immer ehrlich, deshalb sind wir Freunde. Egal, wie sehr du jemanden hassen magst: Wenn du jemanden kennenlernst, findest du etwas, das du magst."

Er bot der LGBTQ-Gemeinde eine Heimat

Seit dem Attentat im Jahr 1978 war Flynt von der Hüfte abwärts gelähmt. Der Rassist und Serienkiller Joseph Paul Franklin hatte ihn über den Haufen geschossen, aber nicht, weil er nackte Frauen zeigte, sondern wegen eines Fotoshootings mit Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. Flynt setzte sich nicht nur für freie Meinungsäußerung ein, er kämpfte auch gegen Rassismus und bot der LGBTQ-Gemeinde eine Heimat, als er in seinem Haus Magazine für Homosexuelle vertrieb, die andere Verlage abgelehnt hatten. 2003 kaufte er Nacktfotos der Soldatin Jessica Lynch, die während des Irakkriegs in Gefangenschaft geraten war, und er versprach, dass niemand jemals diese Fotos sehen werde.

Am Mittwoch verstarb Flynt in seiner Villa in den Hollywood Hills an Herzversagen. Oder, wie er sagen würde: "Der Perverse ist jetzt nicht mehr da."

© SZ/kit
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