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Krankenpfleger:Der Staatsanwalt hätte nur noch unterschreiben müssen - er tat es nicht

Die Ermittlungspannen

Niels Högel konnte nach seiner Verurteilung 2006 noch drei Jahre seinem Beruf nachgehen - obwohl sich schon damals viele Menschen bei der Polizei meldeten, deren Angehörige im Klinikum Delmenhorst ungewöhnlich plötzlich verstorben waren. Doch die Vorwürfe verhallten lange Zeit, offenbar weil sich ein Oldenburger Staatsanwalt nicht kümmerte.

Zwischen 2006 und 2008 war er für den Fall zuständig - und unternahm so gut wie nichts. Sein Nachfolger war kaum aktiver. 2011, als Niels Högel schon im Gefängnis saß, ging der Fall wieder zurück an den zuerst mit dem Fall betrauten Staatsanwalt. Doch obwohl die Angehörigen nach einer Untersuchung verlangten und auch die Polizei drängte, zeigte er keinerlei Engagement. Die Beamten hatten dem Staatsanwalt sogar eine Liste möglicher Opfer vorgelegt und um Erlaubnis zur Exhumierung gebeten, der Staatsanwalt hätte nur noch unterschreiben müssen. Er tat es nicht.

"Jahrelanger Ermittlungsboykott" - mit diesen Worten bezeichneten Kollegen das Verhalten des Staatsanwalts. Im April 2015 wurde er wegen des Verdachts auf Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung angeklagt, im September entschied das Landgericht Oldenburg, die Anklage nicht zuzulassen.

Die Kliniken

Auch die Kliniken, in denen Högel tätig war, stehen in der Kritik: "Es mussten ständig Patienten reanimiert werden, wenn Niels Högel Dienst hatte", sagte Otto Dapunt, ehemaliger Chefarzt in Oldenburg, beim Prozess im Jahr 2015. Also wollte man den Krankenpfleger in Oldenburg schnell loswerden - aber geräuschlos.

"Das Klinikum hatte seinerzeit Hinweise, Auffälligkeiten, ein ungutes Gefühl und vereinzelt auch die Überzeugung, dass hier etwas nicht stimmt", sagte Dirk Tenzer, Geschäftsführer des Klinikums, vor Gericht. Bei vollen Bezügen stellte das Krankenhaus Oldenburg Niels Högel also frei, versprach ihm ein gutes Zeugnis, wenn er freiwillig gehe.

2002 wechselte er ins Klinikum Delmenhorst, bis er dort 2005 von einer Kollegin während einer Tat erwischt wurde. Ein Patient bekam plötzlich schwere Herzrhythmusstörungen, als Högel im Raum war. Die Kollegin entnahm eine Blutprobe, die positiv auf Gilurytmal getestet wurde. Innerhalb eines Jahres hatte der Verbrauch des Herzmittels im Krankenhaus Delmenhorst um mehr als 400 Prozent zugenommen. Die Polizei begann, gegen Niels Högel zu ermitteln.

In Delmenhorst lagen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft konkrete Hinweise vor, dass er Patienten tötete. Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch. "Die Morde hätten verhindert werden können", sagte Polizeipräsident Kühme. Die damals Verantwortlichen hätten aus Sicht der Ermittler schneller handeln und Unterstützung suchen sollen. "Im Klinikum Oldenburg wusste man um die Auffälligkeiten", sagte Kühme.

Mit Material der Agenturen

© SZ.de/jab/ick
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