Krankenpfleger Niels Högel - Geschichte einer beispiellosen Mordserie

Niels Högel Ende 2014 im Landgericht Oldenburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Krankenhäusern in Delmenhorst und Oldenburg soll der Krankenpfleger mindestens 90 Menschen getötet haben. Die Rekonstruktion des mutmaßlich größten Verbrechens eines Einzelnen in der Nachkriegszeit.

Wie viele Menschen Niels Högel getötet hat, ist bis heute nicht klar. Mindestens 90 Fälle können ihm nun nachgewiesen werden. Schon jetzt steht damit fest, dass der heute 40-Jährige wohl für die größte Mordserie eines Einzelnen in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich ist.

Der Täter

Niels Högel wurde in Wilhelmshaven zum Krankenpfleger ausgebildet. Danach, ab 1999, arbeitete er zunächst im Krankenhaus Oldenburg auf der Intensivstation, von 2002 an dann im Klinikum Delmenhorst.

Vor Gericht Niels Högel soll mindestens 84 weitere Menschen getötet haben
Krankenpfleger

Niels Högel soll mindestens 84 weitere Menschen getötet haben

Der ehemalige Krankenpfleger hat das mutmaßlich größte Verbrechen eines Einzelnen in der Nachkriegszeit begangen. Er sitzt bereits eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

Er soll ein engagierter Krankenpfleger gewesen sein, manchmal auf seltsame Art engagiert, sagten seine Kollegen später bei Gericht. Einem Arzt sei einmal aufgefallen, dass Niels Högel vor einer Wiederbelebung erst auf den Gang gelaufen sei und zwei Lernschwestern herbeigerufen habe, bevor er mit der Reanimation des Patienten begann.

"Die Menschen waren Spielfiguren für Sie - in einem Spiel, in dem nur Sie gewinnen und die anderen alles verlieren konnten", sagte der Vorsitzende Richter in einem Prozess gegen Niels Högel im Jahr 2015.

Die Taten

Seine Taten verübte Högel auf die jeweils gleiche Art und Weise: Mit insgesamt fünf verschiedenen Medikamenten brachte er Patienten in einen "reanimationspflichtigen Zustand", um anschließend bei der Wiederbelebung seine Fähigkeiten zu beweisen. Immer wieder gab er an, die Mittel nur Patienten injiziert zu haben, die bereits in einem kritischen Zustand waren. "Auch das ist noch wie vor zweifelhaft", sagt Arne Schmidt, der Leiter der Sonderkommission "Kardio".

Zunächst hatte Högel ausgesagt, im Jahr 2002, also erst im Klinikum Delmenhorst, zum ersten Mal auf diese Weise mit Menschenleben experimentiert zu haben. Später gab er auch Tötungen in seiner vorangegangenen Zeit in Oldenburg zu. Seinen ersten Mord hat Högel im Februar 2000 begangen, sagte Soko-Leiter Schmidt nun. Taten davor, die Högel eingeräumt habe, können ihm nicht mehr nachgewiesen werden.

Insgesamt untersuchten die Ermittler mehr als 200 Fälle. Mehr als 130 Leichen wurden exhuminiert. Bei 27 der mehr als 100 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst wurden Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt. Diese 27 Taten hat Niels Högel "pauschal gestanden", wie die Staatsanwaltschaft sagt. Pauschal bedeutet, dass er sich nicht an jede einzelne Tat erinnern kann.

Die Ermittler vermuten, dass die Zahl der Getöteten wesentlich höher liegt. "Es ist schlichtweg nicht möglich zu sagen, wie viele Menschen Högel insgesamt getötet hat", sagte Schmidt. Auch seine Versuche ließen sich nicht nachweisen. Die belegbaren Tötungen in Oldenburg und Delmenhorst seien nur die Spitze des Eisbergs. "Das grauenhafte Wirken von Niels Högel sprengt jegliche Vorstellungskraft", sagte Johann Kühme, der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg. Noch stehen 41 weitere Untersuchungen an Kliniken aus. Nachweisbar ist bei der Exhumierung nämlich nur das gegen Herzrhythmusstörungen eingesetzte Antiarrhythmikum namens Gilurytmal. Etliche Male hat Niels Högel aber vermutlich auch mit Kalium getötet, und das findet sich in jeder Leiche.

Die Prozesse

Im Juni 2005 wurde Högel zum ersten Mal festgenommen, Kollegen aus Delmenhorst hatten Verdacht geschöpft. 2006 wurde er wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft verurteilt. Während er im Gefängnis saß, wurde er wegen weiterer Taten angeklagt: wegen zweifachen Mordes sowie dreifachen versuchten Mordes zwischen 2003 und 2005 am Klinikum Delmenhorst.

Im Februar 2015 wurde Niels Högel wegen dieser Fälle zu lebenslanger Haft verurteit, schon als das Urteil gesprochen wurde, war jedoch klar, dass es einen weiteren Prozess geben würde. Der Krankenpfleger hatte im Lauf der Verhandlungen gestanden, insgesamt 90 Menschen in Delmenhorst Gilurytmal gespritzt zu haben.

Im Urteil wurde auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt - und damit ausgeschlossen, dass Högel nach 15 Jahren auf Bewährung freikommt.

Niels Högel wird sich wegen der weiteren Fälle nun erneut vor Gericht verantworten müssen. Die Anklage werde immer Mord lauten, die rechtliche Konsequenz wird am Ende aber dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern.