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Jugendliche und Sexualität:Wenn der "Richtige" fehlt

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Erst mal nur küssen: Jugendliche sind, wenn sie ihren ersten Sex erleben, im Schnitt deutlich älter als füher.

(Foto: Imago/Mito)

Laut einer Studie haben Jugendliche deutlich später ihren ersten Geschlechtsverkehr als noch vor fünf Jahren - auch weil sie sich für die große Liebe aufheben wollen.

Von Edeltraud Rattenhuber, München

Trotz des Internets und der Übersexualisierung der Gesellschaft sind Jugendliche heutzutage später sexuell aktiv als früher. Und der Großteil von ihnen weiß ziemlich genau, wie er sich schützen kann. Diese Ergebnisse hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in ihrer neunten Folge der repräsentativen Studie "Jugendsexualität" zutage gefördert, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Befragt wurden 2019 mehr als 6000 junge Menschen.

Laut den Befragungen zeichnet sich auch ein neuer Trend bei der Verhütung ab. So ist das Kondom beim ersten Geschlechtsverkehr für 77 Prozent der 14- bis 17-Jährigen Verhütungsmittel Nummer eins. Auch mit zunehmender sexueller Erfahrung wird es häufig verwendet. Die Pille dagegen scheint bei vielen eher out zu sein. Nur noch 30 Prozent der Befragten gaben an, sie beim "ersten Mal" verwendet zu haben. Bei der letzten Befragung 2014 waren es noch 45 Prozent. Ein Grund könnte laut BZgA sein, dass Mädchen die gesundheitlichen Risiken der Pille mittlerweile höher einschätzen als früher.

"Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht", sagte die Leiterin der BZgA, Heidrun Thaiss. "Im Gegenteil: Im Alter zwischen 14 und 16 Jahren geben deutlich weniger Mädchen und Jungen an, sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, als noch vor zehn Jahren." So seien sexuelle Aktivitäten unter den 14-Jährigen insgesamt mit durchschnittlich vier Prozent noch die Ausnahme. Und beispielsweise bei 16-jährigen Mädchen deutscher Herkunft ging der Anteil derer, die bereits Sex hatten, in den vergangenen fünf Jahren von 50 Prozent auf 35 Prozent zurück.

Beim Thema Partnerschaft ist die Jugend eher konservativ

Im Alter von 17 Jahren dagegen hatte bereits mehr als die Hälfte Erfahrung mit Geschlechtsverkehr. Laut der Studie haben knapp 70 Prozent der jungen Frauen ohne Migrationshintergrund mit 17 bereits das "erste Mal" erlebt, bei den gleichaltrigen Jungen sind es 64 Prozent, bei 17-jährigen jungen Frauen mit ausländischen Wurzeln 37 Prozent. 17-jährige Jungen mit Migrationshintergrund haben das "erste Mal" zu 59 Prozent bereits hinter sich.

Aus den Gründen, die Jugendliche für ihre sexuelle Zurückhaltung angeben, lässt sich eine eher konservative Haltung gegenüber Paarbeziehungen herauslesen. So geben 14- bis 17-Jährige zu 55 Prozent an, dass der oder die "Richtige" noch fehle. 41 Prozent sagten, sie fühlten sich zu jung für Sex - vor allem die Mädchen sind vorsichtiger geworden. Während bei der Befragung 2014 insgesamt 35 Prozent der Mädchen angegeben hatten, sie hielten sich für "zu jung" für das "erste Mal", waren es nun 48 Prozent.

31 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund führen zudem "Angst vor den Eltern" als Grund für sexuelle Enthaltsamkeit an. Dass Sex vor der Ehe "nicht richtig" sei, sagten 23 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungs mit Migrationshintergrund. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund lag dieser Wert sowohl bei Jungs als auch bei Mädchen bei lediglich zwei Prozent.

Produktion Kondome bei ´Ritex"

Kondome sind unter Jugendlichen das häufigste Verhütungsmittel. Die Pille scheint hingegen out zu sein.

(Foto: dpa)

86 Prozent der Jugendlichen verhüten laut Studie sicher beim "ersten Mal". Neun Prozent verhüten gar nicht, weitere vier Prozent verlassen sich auf unsichere Methoden. Mit zunehmender sexueller Erfahrung verbessert sich laut Studie auch das Verhütungsverhalten, außerdem hängt es auch mit der Bildung zusammen: Höher gebildete Jugendliche verhüten im Durchschnitt sicherer als Jugendliche mit niedrigerem Bildungsgrad. "Das Elternhaus spielt bei der Sexualaufklärung eine wichtige Rolle", sagt BZgA-Leiterin Thaiss. "Eltern sind für ihre Kinder nach wie vor wichtige Vertrauenspersonen und zentrale Beratungsinstanz auch in Fragen rund um Sexualität und Verhütung." Meist ist es die Mutter, die hier zur Seite steht.

Für die sexuelle Bildung ist aber auch die Schule ein zentraler Ort, sie wurde von knapp 70 Prozent aller befragten Jugendlichen als Hauptquelle der Sexualaufklärung angegeben. Das Internet rangiert nach Gesprächen mit Vertrauten als Quelle erst auf Platz drei, die Nutzung des Internets zur Informationssuche stieg jedoch insgesamt weiter an, zum Beispiel wenden sich monatlich 16 000 Jugendliche an die Seite loveline.de der BZgA. "Fragen zu sexuellen Themen, Verhütung und zu Körpern und Entwicklung sind, trotz der medialen Offenheit zu diesen Themen, sehr privat und häufig auch schambehaftet für Jugendliche", so die Bundeszentrale. "Wie kann ich mich selbst befriedigen?", "Warum habe ich noch keine Monatsblutung?", "Bin ich schwul?" - dazu wollten die meisten Jugendlichen zunächst anonym im Internet Antworten finden.

© SZ/nas
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