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Jesuitenorden: Missbrauchsfälle:Lebenslüge eines Paters

Ein Jesuitenpater, der sich des sexuellen Missbrauchs an drei Kindern bekannt hat, leitete jahrelang die von Schauspielerin Maria Furtwängler unterstützte Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt.

Er hatte sein Leben vermeintlich ganz in den Dienst christlicher Werte gestellt: Als Neunzehnjähriger trat Bernhard E. 1958 in den Jesuitenorden ein, zehn Jahre später erhielt er die Priesterweihe. Lange Jahre war er danach in der katholischen Jugendarbeit tätig, bevor ihn die Mitarbeit bei Flüchtlingsprojekten in Somalia dazu bewegte, Anfang der achtziger Jahre die Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt ins Leben zu rufen.

Screenshot: www.aerzte-dritte-welt.de

Auf ihrer Homepage zeigte sich die Hilfsorganisation

Ärzte für die Dritte Welt

tief betroffen über das Geständnis ihres Gründers, des Jesuitenpaters Bernhard E.

(Foto: Screenshot: www.aerzte-dritte-welt.de)

Nun hat sich der Jesuitenpater dazu bekannt, in den siebziger Jahren drei Kinder sexuell missbraucht zu haben.

Furtwängler äußert Mitgefühl für Opfer

Die Mitglieder seiner Organisation zeigten sich tief betroffen von dem Geständnis ihres Gründers - allen voran Schauspielerin Maria Furtwängler, die Präsidentin des Kuratoriums der internationalen Hilfsorganisation ist. "Bei aller Verantwortung für den Fortgang unserer Arbeit steht das Mitgefühl mit den Opfern im Mittelpunkt", sagte sie der Frankfurter Rundschau. Furtwängler, die in zahlreichen Tatort-Episoden als Kommissarin auf Verbrecherjagd geht, ist selbst studierte Ärztin.

Die Erschütterung, die das Geständnis innerhalb der Organisation ausgelöst haben dürfte, wird auch in der Erklärung deutlich, die die Ärzte für die Dritte Welt auf ihrer Homepage veröffentlichten: "Am 2. Februar 2010 erreichte uns die erschreckende Nachricht, dass der Gründer und langjährige Leiter der Ärzte für die Dritte Welt, Bernhard E., im Zuge der innerhalb des Jesuitenordens laufenden Ermittlungen ebenfalls einen von ihm begangenen sexuellen Missbrauch während der siebziger Jahre gestanden hat", heißt es da.

Die mutmaßlichen Missbrauchstaten des heute 70-Jährigen E. sollen seinem Orden laut Frankfurter Rundschau bereits seit 2005 bekannt gewesen sein.

Die Jesuiten selbst sprechen auf ihrer Homepage - ohne namentliche Nennung - von einem Jesuitenpater, der "über zwanzig Jahre lang Projektleiter eines anerkannten Hilfswerkes" gewesen sei und gegen den bereits zu einem früheren Zeitpunkt der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden habe. Man habe daraufhin ein internes Verfahren eingeleitet und das betreffende Hilfswerk darüber informiert, dass der Pater die Leitung der Organisation abgeben müsse - was auch geschehen sei.

Wer wusste wann Bescheid?

Wer, wann und inwieweit über die Vergehen E.s, der im Auftrag der Jesuiten lange Jahre als Jugendseelsorger und Lehrer in Hannover, Berlin und Hamburg arbeitete, informiert war, ist allerdings unklar: Zwar trat E. 2006 tatsächlich als Geschäftsführer der Ärzte für die Dritte Welt zurück, allerdings blieb er der Organisation als leitendes Mitglied erhalten.

Erst seit dem 2. Februar sei man über die Taten E.s informiert, vermeldet das Hilfswerk auf seiner Homepage und teilt mit, E. sei "mit sofortiger Wirkung als Vorstand zurückgetreten und auch nicht mehr Vereinsmitglied".

Gegenüber der Frankfurter Rundschau räumte der Generalsekretär der Organisation, Harald Kischlat, ein, ein Vorstandsmitglied von Ärzte für die Dritte Welt habe bereits vor fünf Jahren über die Hintergründe für E.s Rücktritt als Geschäftsführer Bescheid gewusst. Allerdings habe der Mediziner über die Missbrauchsvorwürfe gegen E. Stillschweigen bewahrt.

Der geständige E. ist der wohl bislang prominenteste Täter innerhalb des Ordens der Jesuiten. Die katholische Brudergemeinschaft war in jüngster Vergangenheit in die Schlagzeilen geraten, nachdem Missbrauchsfälle am renommierten Berliner Canisius-Kolleg in den siebziger und achtziger Jahren bekanntgeworden waren. Im Laufe der Ermittlungen kam heraus, das es auch an weiteren Schulen des Ordens zu sexuellen Übergriffen von Lehrern auf Schüler gekommen war.

"Er ist einer von uns - wir stehen zu ihm!"

Die Missbrauchsfälle, die zumeist mehrere Jahrzehnte zurückliegen, sind strafrechtlich zwar verjährt, ein juristisches Nachspiel könnten die Taten dennoch haben: Die auf Missbrauchsfälle spezialisierte Rechtsanwältin Manuela Groll sagte dem Berliner rbb-Sender Radio eins, die Schulleitung des Canisius-Kolleg habe möglicherweise trotz Anzeichen und Hinweisen nicht verhindert, dass weitere Opfer geschädigt worden seien. Dementsprechend könne ein zivilrechtlicher Anspruch bestehen. Dem von ihr vertretenen Opfer gehe es sowohl um "wirkliche" Aufklärung als auch um Genugtuung.

Ein weiterer Opfer-Anwalt will zudem eine Sammelklage gegen den Jesuiten-Orden in den USA prüfen. "Sollte sich bestätigen, dass ehemalige Schüler die amerikanische Staatsbürgerschaft haben, wäre eine Sammelklage in den USA, anders als in Deutschland, möglich", erläuterte der Berliner Jurist Lukas Kawka. "Die finanziellen Konsequenzen wären dann für den Jesuitenorden desaströs."

Der Superior der Jesuiten in Deutschland, Werner Löser, sagte der Frankfurter Rundschau unterdessen, Pater E. sei für ihn "ein absolut respektabler Mann", der auch weiterhin den Rückhalt des Ordens habe: "Er ist einer von uns - wir stehen zu ihm!"