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Toiletten in Japan:Wenn das WC "Willkommen" sagt

Wenn alles gut geht, müssten sich gleich die Glaswände dieser neuen Design-Toiletten in einem Park in Japan eintrüben - sobald der Benutzer die Tür verriegelt.

(Foto: Philip Fong/AFP)

Mit einer Serie neuer öffentlicher WCs feiert Japan seine auf der ganzen Welt bekannte "Toilettenkultur". Und schon das Wort Kultur zeigt: Von Notdurft kann hier nicht die Rede sein.

Von Thomas Hahn, Tokio

Im kleinen Yoyogi-Fukamachisho-Park von Shibuya muss gerade keiner. Trotzdem können die Leute nicht so einfach an der Toilette vorbeigehen. Nebenan wird auf Kunstrasen Fußball gespielt, an der Kletterburg bei den Bäumen ruft ein Mädchen nach seinem Vater. Aber das größte Interesse zieht das stille Örtchen des Parks auf sich: Ein dreiteiliges Klohaus, welches der Architekt Shigeru Ban mit bunten Glaswänden hat bauen lassen. Von außen kann man ins Innere schauen und sehen, ob die Toilette sauber und unbesetzt ist. Sobald jemand die Tür von innen abschließt, werden die Wände undurchsichtig, und das Geschäft kann beginnen. Praktisch.

Die durchsichtige Toilette von Shibuya ist das benutzbare Ausstellungsstück einer ganzen Serie von Klohäusern, mit der Japan seinen Umgang mit der Notdurft feiert. Geldgeber ist die gemeinnützige Nippon-Stiftung, die Toiletten-Firma Toto beriet. Anlass waren die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio, die wegen der Pandemie von diesem Sommer auf den nächsten verlegt wurden. An mehreren Orten der Stadt sollen architektonisch und hygienisch besonders wertvolle Klohäuser zur allgemeinen Erleichterung beitragen. Die Ban-Toilette in Shibuya gehört zu den ersten, weitere folgen. Der Toto-Sprecher Hirofumi Matsutake sagt: "Wir wollen ausländischen Gästen unsere Toilettenkultur vorstellen."

Meisterwerke der Reinlichkeit

Toto ist die größte Firma ihrer Art auf der ganzen Welt. Werbung ist sicher auch ein Grund für das Projekt. Trotzdem: Die Selbstverständlichkeit, mit der Hirofumi Matsutake das Wort "Toilettenkultur" ausspricht, zeigt schon, dass die Sanitäranlage im Inselstaat einen besonderen Stellenwert genießt.

Sicher zu Recht. Kein Ort im Alltag ist so unvermeidlich wie die Toilette. Die Entsorgung der Ausscheidungen ist ein entscheidender Faktor für Hygiene und Gesundheit einer Gesellschaft. Es ist nicht nur PR, wenn zum Beispiel ein Start-up aus San Francisco sein Toiletten-Konzept in der Pandemie als besonders wichtig anpreist; die App Good2go vermittelt saubere Klos für Passanten mit Harndrang. Und Japan gehört zu den Hygiene-Vorbildern weltweit. Sauberkeit erscheint hier wie eine nationale Ehrensache. Öffentliche Klos sind oft Meisterwerke der Reinlichkeit - ohne dass Benutzer dafür etwas zahlen müssen, wie das in Deutschland längst üblich ist. Auch Japans Privattoiletten sind Hightech-Geräte, die mit speziellem Desinfektionswasser, sparsamer Spülung und intelligenter Belüftung Dreck und Gerüche bekämpfen.

Inspiriert von europäischen Keramik-Kloschüsseln

Totos Firmengründer Kazuchika Okura ließ sich einst von europäischen Keramik-Kloschüsseln inspirieren. Er baute sie in Japan nach und trug so dazu bei, dass sie die alten in den Boden eingelassenen Senken ablösten. Hirofumi Matsutake sagt, dass auch die Vorläufer für Japans moderne Standardtoilette aus dem Ausland kamen, aus den USA und der Schweiz. Medizinische Geräte waren das, die man bei der Körperpflege bettlägeriger Patienten einsetzte.

Japanische Ingenieure vereinten sie mit dem herkömmlichen Lokus. 1980 präsentierte Toto sein erstes Klo mit Gesäßdusche und Wassertemperatureinstellung. "Am Anfang wurde das nicht sehr gut angenommen", sagt Matsutake. Aber die Toiletten-Technologen ließen nicht locker, und heute will kaum mehr jemand verzichten auf beheizte Klobrillen und Genital-Spülung. Laut Toto haben 80 Prozent aller japanischen Haushalte ein Klo mit Zusatzprogramm.

Der Deckel hebt sich automatisch

Ob es das braucht? Das ist eine sehr europäische Frage. Japans Industrie ist nun mal spezialisiert darauf, den Komfort durch immer neue elektronische Gags auf die Spitze zu treiben. Längst gibt es die Toilette, die selbsttätig den Deckel hebt, wenn man sich ihr nähert. "Als Willkommensgruß", wie Matsutake erläutert. Manche Toilette in Firmengebäuden macht außerdem Spülgeräusche, während jemand auf ihr sitzt; diese sollen jene Laute übertönen, die ein Mensch auf dem Klo nicht immer vermeiden kann. Von edleren Haushaltstoiletten geht in der Dunkelheit ein sanftes Licht aus, damit beim nächtlichen Austreten der Halbschlaf nicht gestört wird. Japans Toiletten-Industrie denkt wirklich an alles.

Kommt irgendwann die Toilette, die ihre Besucher mit filigranem Deckel-Aufschlag anspricht, Getränke reicht, Klopapier faltet? Hirofumi Matsutake glaubt eher, dass die Toilette der Zukunft eine Rolle beim Gesundheitsmanagement spielt. Indem sie nämlich automatisch Urin- oder Stuhlproben analysiert.

So weit ist es noch nicht. Der letzte Schrei des Sanitärbetriebs ist im Rahmen des Tokioter Toiletten-Projekts zu sehen. Die Kreuzung von Klo und Kunst im Yoyogi-Fukamachisho-Park ist tatsächlich ein Blickfang mit allem, was eine japanische Toilette bequem macht. Und sie ist leicht auszuwischen, wie der Toto-Sprecher Matsutake versichert. Das optimierte Material von Schüssel und Boden soll eine Freude für Reinigungskräfte sein.

© SZ/vwu
Tobias Schlegl

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