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Istanbul unter Wasser:Die versiegelte Stadt

Das ökologische jüngste Gericht: Jahrelang hat man in Istanbul Flussbetten einfach zubetoniert - nach der Flutkatastrophe mit mehr als 30 Toten wächst nun die Kritik.

K. Strittmatter

Istanbul - "Istanbul funkt SOS". Die Schlagzeile der Hürriyet am Donnerstag. Auf der Straße zu einem der größten Flughäfen Europas stehender Verkehr; immerhin: Die Straße ist wieder offen. Noch am frühen Mittwochmorgen hatte sich ein Teil der Autobahn in einen reißenden Fluss verwandelt. Hier, im Ortsteil Ikitelli. In einer Senke unterhalb der Autobahn, zwischen einem Gewirr von Zubringern: ein Lkw-Parkplatz, vorgestern noch.

Heute Schlamm, Schrott, Brocken von Beton, umgekippte Laster und Anhänger, die die Fluten gegen den Hang und eine Unterführung gedrückt haben - als habe ein Bulldozer Müll zusammengeschoben. 13 Leichen haben die Retter allein hier gefunden. "Da sind noch mehr begraben", sagt Arif Ucar. Er schüttelt den Kopf. "Das kann nicht der Regen gewesen sein", sagt er. "Das war Gottes Wille. Sie sagen, der Staudamm sei geborsten. Wo sonst soll mit einem Mal so viel Wasser herkommen?"

Wilde Gerüchte, Unglauben, Fassungslosigkeit. Einst floss hier ein Fluss, der Ayamama. Sie haben seinen Lauf begradigt, sein Bett verengt und betoniert, das gewonnene Land mit Häusern, Läden und Werkstätten bebaut. Illegal. Den Lkw-Parkplatz, wo viele Fahrer oft die Nacht verbrachten, bevor sie über den Bosporus nach Asien fuhren, gibt es seit zehn Jahren.

Der 25-jährige Arif Ucar ist erst später hierher gekommen, aus dem Osten Anatoliens, aus Gaziantep, fürs "Brotgeld", wie er sagt - um dieser Stadt ein wenig Leben abzuringen, wie Millionen andere auch, die in den letzten Jahrzehnten nach Istanbul zogen. Und weil ihnen noch nie einer etwas gegeben hatte, nahmen sich all diese Neuankömmlinge ihr Stück der Stadt einfach selbst und bebauten es, und die Bürgermeister schauten jeweils ein paar Jahre später vorbei, hatten Strom und Leitungswasser im Gepäck und holten sich dafür die Stimmen ab, und so wurde aus Istanbul ein Moloch, der heute 15, 16, 17 Millionen zählt, so genau weiß das keiner.

Das ökologische jüngste Gericht

Wo einst der Bach war hier in Ikitelli, da gibt es heute eine von Apartmentblocks gesäumte "Bachstraße" und eine "Grüner-Bach-Sackgasse", aber vom Bach selbst waren schon lange nichts mehr zu sehen - bis zum Mittwochmorgen. Da holten sich die Wasser den Raum zurück, der ihnen einst gehört hatte.

Arif Ucar hatte hier eine Schlosserwerkstatt. Wo? Er deutet auf einen umgekippten Lkw. "Unter dem Laster." War er versichert? "Bruder, die Versicherung kostet 1000 Lira im Jahr. Das Geld kann man für Wichtigeres sparen." Er sagt, die in ihren Kojen schlafenden Fahrer hätten keine Chance gehabt: "Drei Meter hoch stiegen die Fluten in nur wenigen Sekunden." Und dann noch einmal: "Das kann kein Regen gewesen sein."

Es war nicht Gott, und es war nicht der Staudamm. Es waren der Regen und der Mensch. 220 bis 250 Liter pro Quadratmeter in nur zwei Tagen - normalerweise fallen im ganzen Monat September 35 Liter. Der stärkste Regen seit 80 Jahren, sagte der Bürgermeister im Fernsehen. "Es war ein ökologisches jüngstes Gericht." Und dann sagte er, gegen eine solche Macht hätte keiner etwas tun können. Diese Worte hauen sie ihm um die Ohren am Donnerstag, die Presse und die Opposition. Diese Fluten hatte Komplizen: die Bürger, die ohne Rücksicht auf die Natur den Boden versiegelten. Und die Behörden, die ihnen dabei halfen.

Professor Hizir Önsoy von der Schwarzmeer-Universität macht die chaotische Urbanisierung und miserable Infrastrukturplanung verantwortlich: "Wo vor zehn Jahren 10000 Menschen lebten, leben heute 100000. Alles ist zubetoniert. Regenwasser kann nirgends abfließen." Was sie Bürgermeister Kadir Topbas zusätzlich übelnehmen: Einen Tag vor der Katastrophe in Istanbul schon hatte es tödliche Überschwemmungen im 150 Kilometer entfernten Tekirdag gegeben, und die Meteorologen hatten gewarnt, der Regen würde nach Istanbul ziehen. "Wir müssen diesen Staat endlich verwandeln von einem, der Leben nimmt, zu einem, der Leben schenkt", forderte die Zeitung Taraf. "Sonst werden wir bald wieder sterben, im nächsten Regen, im nächsten Erdbeben oder im nächsten Krieg."

Selbstkritische Worte waren auch zu hören. Premier Tayyip Erdogan sagte, man werde in Zukunft keine neuen Bauten in Flussbetten mehr dulden. Die Einsicht kommt spät: Es gibt kaum mehr unbebaute Flussbetten. Kritiker erinnern zudem daran, dass Erdogan selbst von 1994 bis 1998 Oberbürgermeister von Istanbul war - und sich seine Stimmen in jener Zeit stets aus den Gecekondu, den illegal über Nacht hochgezogenen Armensiedlungen holte. In Erdogans Amtszeit fiel die letzte große Flutkatastrophe, 1995 war das. Gelernt haben die Stadt und die Regierenden nichts. Verkehrsminister Binali Yildirim gibt das zu: "Wir machen noch immer dieselben Fehler. Wir bauen zuerst die Gebäude und dann die Infrastruktur. Die Reihenfolge stimmt nicht. Erst seit kurzem kommen wir zu Bewusstsein. Aber es ist zu spät."

Bis zum Donnerstag wurden in Istanbul 32 Tote geborgen. Die Polizei nahm 70 mutmaßliche Plünderer fest. Der Istanbuler Gouverneur Muammer Güler warnte am Donnerstag vor neuen sintflutartigen Regenfällen, die für Freitag und das Wochenende angekündigt seien: "Allah steh uns bei."

© SZ vom 11.09.2009
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