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Diskriminierung:"Frauen sollen in dieser Gegend nicht verweilen"

"Frauen sollen in dieser Gegend nicht verweilen", heißt es auf diesem Schild.

(Foto: Oded Balilty/AP)

So steht es auf diskriminierenden Schildern, die in einer ultraorthodoxen Stadt in Israel hängen. Trotz eines Verbots werden sie nicht entfernt.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Beit Shemesh

Sicherheitshalber nutzt Miriam Saffer ihr Handy mit der amerikanischen Nummer. Denn auf ihrem israelischen Mobiltelefon hat sie Drohungen erhalten - wie vier weitere Frauen in Beit Shemesh auch. Gegen die Frauen wurde der jüdische Fluch Pulsa diNura ausgesprochen: ein Ritual jüdischer Radikaler, in dem Gott gebeten wird, den vermeintlichen Sünder zu verfluchen. Ihr und ihrer Tochter werden "böse Worte" auf der Straße nachgerufen, erzählt Saffer.

Die fünf Frauen haben gewagt, gerichtlich gegen Schilder und Beschriftungen in ihrer Umgebung vorzugehen. Auf denen wird ihnen vorgeschrieben, dass sie sich sittsam zu kleiden haben. Damit ist gemeint: Kopftuch, dicke Strümpfe, langärmelige Shirts und keine eng anliegende Kleidung. Beschriftungen an Boden und Wänden weisen darauf hin, dass Frauen hier nicht gehen dürfen, weil dieser Platz für Männer vorgesehen sei.

Diese Schilder gibt es schon seit Jahren in Beit Shemesh. Die Stadt, 30 Kilometer von Jerusalem entfernt, ist im ganzen Land als Hochburg der Ultraorthodoxen bekannt, die derzeit etwa die Hälfte der 110 000 Einwohner ausmachen. Ihr Anteil wächst stark, und dadurch hat sich auch das Klima in der Stadt verändert. "Wir waren so stolz darauf, was wir gemeinsam in dieser Stadt geschaffen haben. Aber dann brach dieser ideologische Kampf aus", schildert Saffer die Entwicklung der vergangenen Jahre.

Die gläubige Jüdin, von Beruf Brautmoden-Designerin, ist 1999 aus den USA nach Beit Shemesh übergesiedelt und hat sogar Verständnis für die Ultraorthodoxen, die sich nach den Erfahrungen der Judenvernichtung ganz dem Wiederaufbau der Religion widmen wollten. Aber dass man Frauen vorschreiben wolle, wie sie sich zu kleiden hätten, das gehe zu weit: "Wir wollten den religiösen Extremismus bekämpfen und setzten auf den Rechtsstaat."

Mithilfe des Israel Religious Action Center (IRAC), einer Organisation der jüdischen Reformbewegung, riefen die fünf Frauen das Oberste Gericht an und bekamen Recht. Der Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben könne in keiner israelischen Stadt geduldet werden, urteilte das Gericht. Es wurde angeordnet, dass die Stadtverwaltung alle Schilder entfernen und die Polizei sicherstellen müsse, dass nicht neue aufgestellt werden.

Das IRAC hatte bereits vor vier Jahren zum ersten Mal den Gerichtsweg beschritten und mehrere Urteile erreicht - ohne Folgen. Diesmal räumte das Oberste Gericht der Stadt eine Frist bis zum 18. Dezember ein und verhängte für den Fall der Nichtumsetzung eine Geldstrafe von umgerechnet 2400 Euro für jeden Tag, an dem die Schilder weiter hängen.

Diesmal wurden zwar Versuche unternommen, diese abzumontieren. Aber es gab heftige Proteste, und kurze Zeit später waren die Schilder wieder da - und neue kamen dazu. Bürgermeister Moshe Abutbul erklärte dem Gericht, dass er keine Macht habe, die Schilder zu verhindern. Die Anwältin Orly Likhovski vom IRAC will nun in den nächsten Tagen erneut eine Eingabe vor Gericht machen und darauf dringen, dass das Urteil umgesetzt wird.

Die Ultraorthodoxen seien auf dem Vormarsch, sagt eine Aktivistin

Wer sich vom auf einem Hügel gelegenen Zentrum Richtung Ella-Tal am Stadtrand nach Ramat Beit Shemesh Bet aufmacht, der sieht zwischen den Neubauten fast nur Menschen mit jener Kleidung, die ultraorthodoxe Juden tragen. Als Frau mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ist unmöglich; sie wechseln die Straßenseite. Anders erging es vergangenen Sonntag einer Gruppe von Parlamentariern, die sich vor Ort ein Bild machen wollten: Es gab verbale Auseinandersetzungen, und die überwiegend weiblichen Parlamentarier wurden aufgefordert zu gehen, weil sie nach Meinung der ultraorthodoxen Bewohner nicht sittsam genug gekleidet waren.

Aida Touma-Suliman, die die Delegation anführte, warf der Stadtverwaltung und der Polizei vor, nichts zu unternehmen. "Wir können nicht akzeptieren, dass es einen Staat innerhalb des Staates gibt und dass Frauen unterdrückt werden", sagte die Abgeordnete. Ein Abgeordneter der Partei Vereinigtes Thora-Judentum hatte versucht, beim Knesset-Präsidenten eine Absage des geplanten Besuchs zu erreichen; dieser stelle eine "Provokation" dar. Reformorientierten Frauen zu erlauben, durch eine ultraorthodoxe Nachbarschaft zu gehen, das sei so, als wenn man rechten jüdischen Radikalen erlaubte, durch eine arabische Stadt zu laufen. An der Visite in Beit Shemesh beteiligten sich nur Oppositionspolitiker.

Miriam Saffer sagt, sie kämpfe "nicht nur für Beit Shemesh, sondern für alle Frauen im Land". Sie sieht die Ultraorthodoxen auf dem Vormarsch, insbesondere in der Koalition hätten diese viel Macht. "Wir können stolz sein, was wir erreicht haben. Von Beit Shemesh geht das Signal aus, dass so etwas an anderen Orten nicht geschehen darf." Wegziehen will sie nicht: "Ich liebe dieses Land und diesen Ort. Aber ich will mich so anziehen können, wie ich will."

© SZ vom 30.12.2017/eca
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