Interview "Es müsste höchste Priorität haben!"

Sie will erreichen, dass die wohlhabenden Länder endlich ihre Emissionen verringern: Greta Thunberg.

(Foto: Hanna Franzen/Reuters)

Die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg über ihren Schulstreik für das Klima, mit dem sie weltweit für Aufsehen gesorgt hat.

Von Nadja Schlüter

Die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg ist in den vergangenen Monaten zu einer Galionsfigur der Klimabewegung geworden: Im August hat sie beschlossen, nicht mehr zur Schule zu gehen, bis ihr Land die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllt. Mit einem Plakat, auf dem "Schulstreik für das Klima" stand, setzte sie sich wochenlang vors schwedische Parlament. Das hat viele Menschen beeindruckt. Mittlerweile streikt sie zwar nur noch freitags, doch kann man unter dem Twitter-Hashtag #FridaysForFuture sehen, dass viele Menschen weltweit sie unterstützen. Und zum Teil sogar selber streiken. Als wir sie zum Interview erreichen, sitzt Greta mit ihrem Vater im Auto auf dem Weg zur UN-Klimakonferenz, die vom 3. bis zum 14. Dezember im polnischen Katowice stattfindet.

SZ: Wo bist du im Moment?

Greta Thunberg: Wir sind in Dänemark und werden in elf oder zwölf Stunden in Katowice sein. Wir sind im Elektroauto unterwegs und müssen etwa alle zwei Stunden anhalten und aufladen.

Bist du schon mal geflogen?

Ja, als ich kleiner war. Aber 2016 habe ich gelesen, wie hoch die CO₂-Emissionen von Flugzeugen sind, und beschlossen, es nie wieder zu machen.

War das die Zeit, als du anfingst, dich mit dem Klimawandel zu beschäftigen?

Nein, das war früher. Als ich acht Jahre alt war, hat ein Lehrer uns von der Erderwärmung erzählt und ich dachte: Wenn das wirklich passiert, dann würden wir doch über nichts anderes mehr sprechen, es müsste höchste Priorität haben! Aber niemand hat darüber geredet. Also habe ich mich informiert, habe Schulbücher und Artikel gelesen, Filme angeschaut, meine Eltern gefragt, bis ich verstanden habe, was gerade passiert. Und dann habe ich angefangen, bei uns daheim immer das Licht auszuschalten. Das war der erste Schritt.

Vor der schwedischen Parlamentswahl in diesem Jahr hast du mit deinem Streik begonnen. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich habe von den Jugendlichen in den USA gehört, die nicht mehr zur Schule gegangen sind, um gegen die Amokläufe zu protestieren, und jemand sagte: Was wäre, wenn Kinder genau das fürs Klima machen würden? Der Gedanke hat mir gefallen. Anfangs wollte niemand mit mir streiken. Also musste ich es alleine machen.

Was haben deine Eltern gesagt?

Die hielten das für keine gute Idee. Sie fragten, ob es nichts anderes gibt, was ich machen könnte, und haben gesagt: Wenn du es machen willst, wirst du dabei alleine sein, wir werden das nicht unterstützen. Das ist immer noch so, aber mittlerweile sind sie froh, dass ich nur noch freitags streike, und helfen mir bei allem anderen.

Was forderst du konkret?

Dass Schweden das Pariser Klimaabkommen erfüllt. Auch alle anderen wohlhabenden Länder müssen ihre Emissionen jährlich um 15 Prozent reduzieren, wenn sie klimagerecht sein wollen, so steht es im Pariser Abkommen und nur so können wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen. Aber wir wissen mittlerweile auch, dass nur bei einer Erwärmung bis zu 1,5 Grad der Einfluss auf das Klima erheblich verringert würde. Die Emissionsreduzierung müsste also noch viel größer sein, um das zu schaffen.

Was rätst du jedem Einzelnen, der das Klima schützen will?

Informiere dich, bilde dich weiter, versuche, die Klimakrise zu verstehen. Sprich mit anderen, trage die Botschaft weiter, fordere, dass etwas dagegen getan wird. Im Alltag solltest du vegan leben, nicht mehr fliegen und Auto fahren und weniger konsumieren.

Was wirst du während der Klimakonferenz machen?

Ich halte ein paar Reden, treffe ein paar Leute, auch den UN-Generalsekretär António Guterres. Ansonsten möchte ich vor allem zuhören und mitkriegen, was passiert.

Wie geht es dir beim Blick in die Zukunft? Bist du optimistisch, dass sich etwas ändern wird, oder eher besorgt?

Ich denke nicht besonders viel darüber nach. Anstatt sich Sorgen über die Zukunft zu machen, sollte man versuchen, sie zu verändern, solange man es noch kann. Und genau das müssen wir jetzt tun. Wir haben gar keine andere Wahl.