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Interview am Morgen:"Ich habe Angst, dass im Gericht die Panik wieder hochkommt"

Loveparade Duisburg

Kerzen stehen am Jahrestag der Loveparadekatastrophe im Tunnel zum damaligen Festivalgelände. Nadine Lange hat hier ihr Zeitgefühl verloren.

(Foto: dpa)

Mehr als sieben Jahre nach der Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten und 650 Verletzten startet heute der Prozess. Nadine Lange war damals dabei. Im "Interview am Morgen" erzählt sie, warum sie die Verhandlung nervös macht - und was sie sich von den Angeklagten wünscht.

SZ: Frau Lange, Sie haben die Loveparadekatastrophe miterlebt. Nach mehr als sieben Jahren gibt es nun doch noch einen Prozess. Wie fühlt sich das an?

Nadine Lange: Einerseits bin ich froh. Es gab damals so viele Verletzte, so viele Tote - und niemand wollte Verantwortung übernehmen. Alle haben jahrelang nur versucht, den anderen die Schuld zu geben. Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, dass es diesen Prozess noch gibt. Anderseits bin ich sehr nervös. Ich mache mir vor allem Gedanken darüber, wie voll es wird. Das klingt komisch, weil es natürlich normal ist, dass es bei so einem Prozess voll wird. Aber wenn zu viele Menschen in einem Raum sind, wenn zu viel durcheinandergeredet wird, dann ist mir das immer noch zu viel. Ich habe Angst, dass im Gericht die Panik wieder hochkommt. Das geht nicht nur mir so. Ich habe viel mit anderen Betroffenen darüber geredet.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was haben Sie damals erlebt?

Auf der Loveparade hatten wir viel Platz, bis zu dem Zeitpunkt, als wir um kurz nach 16 Uhr gehen wollten. Vor uns wurde eine Polizeikette aufgelöst, plötzlich gab es ein Gedränge. Unser Glück war, dass wir die Treppe (Anmerkung der Redaktion: hier kamen viele Menschen ums Leben) nicht als Fluchtweg wahrgenommen haben, sondern in den Tunnel gegangen sind. Wir waren zu dritt, ich hatte meinen Mann an der Hand, an seinem Rucksack hat sich mein Bruder festgehalten. Aber ich hab ihn nicht gesehen. Es war so eng, ich konnte noch nicht einmal meinen Kopf drehen. Die Luft wurde immer knapper. Es war dunkel, es war laut und ich wusste nicht, wo mein Bruder ist. Wenn man über etwas gestolpert wäre, wäre es wohl vorbei gewesen. Ich habe ein Mädchen umkippen sehen, aber ich konnte ihr nicht helfen. Ich konnte mich nicht bewegen.

Wie lange waren Sie in dem Tunnel?

Ich weiß es nicht. Es hat sich ewig angefühlt. Irgendwann hat uns eine Welle von hinten rausgedrückt. Dass es Tote gab, haben wir erst im Hotel erfahren. Ich bin dann rausgerannt, ich habe keine Luft mehr bekommen. Stundenlang saßen wir auf der Straße und haben die Sirenen gehört. Polizei, Krankenwagen, Hubschrauber, das ging die halbe Nacht so. Wenn ich darüber rede, zittere ich immer noch. Dann ist alles wieder da: Die Enge, die Laustärke. In der ersten Zeit konnte ich nicht auf die Straße gehen, weil mir sogar der Straßenlärm zu laut war.

An diesem Freitag werden Sie als eine von 60 Nebenklägerinnen und Nebenklägern den ersten Prozesstag verfolgen.

Heute, mit 34, geht es mir zum Glück besser. Ich kann wieder schlafen, wieder Bus und Bahn fahren, ich gehe sogar wieder aus. Nur Großveranstaltungen, auf denen es eng wird, meide ich noch. Den Weihnachtsmarkt zum Beispiel. Und ich weiß nicht, ob ich es aushalten werde, wenn im Gericht die Videos von damals gezeigt werden. Vielleicht muss ich dann rausgehen.

Angeklagt sind sechs Mitarbeiter der Stadt und vier des Veranstalters. Viele sagen: Das sind nicht die wahren Schuldigen. Wie sehen Sie das?

Die, die auf der Anklagebank sitzen, sitzen da sicherlich zu Recht. Sie haben die Genehmigungen unterschrieben. Auch wenn man unter Druck steht, muss man seine Arbeit richtig machen. Aber ich erhoffe mir natürlich von dem Prozess, dass der ein oder andere Name fällt. Dass einer der Angeklagten sagt, wer von oben Druck gemacht hat. Und dass meine Fragen beantwortet werden. Mir fehlen bis heute so viele Antworten.

Welche Fragen sind das?

Als wir damals aus dem Tunnel rausgekommen sind, haben wir stundenlang um Hilfe gerufen, zumindest hat sich das so angefühlt. Wir haben Polizisten angesprochen, wir haben Mitarbeiter des Veranstalters alarmiert, dass das, was in dem Tunnel gerade passiert, nicht normal sein kann. Wir haben erzählt, dass neben uns ein Mädchen umgekippt ist. Aber wir wurden nicht ernstgenommen. Erst als wir später nochmal eine Polizistin angesprochen haben, hat sie das weitergeben. Irgendwann sind dann die Einsatzwagen an uns vorbei Richtung Tunnel gefahren. Ich wüsste zum Beispiel gerne, wann das war. Wie lange es gedauert hat, bis jemand reagiert hat. Ich will mein Zeitgefühl zurück. Und ich will endlich wissen, wie die Planung genau ablief.

Werden Sie zu jedem Verhandlungstag kommen?

Ich hoffe es, aber ich muss jedes Mal aus Hamburg anreisen. Und ich fürchte, es wird sehr lange dauern, bis das Gericht einen Überblick hat, was damals passiert ist. Es gibt so viele Zeugen, so viele Opfer, so viel Bildmaterial. Eine Angst ist natürlich, dass es der Verteidigung nur darum gehen wird, Zeit zu gewinnen. Dass bis Sommer 2020 kein Urteil fällt und die Taten dann endgültig verjährt sind.

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