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Interview am Morgen:"Das sind hilflose Versuche von Politikern"

Silvester - Polizeischutz in Stuttgart

Polizeibeamte auf dem Schlossplatz in Stuttgart

(Foto: dpa)

Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer spricht im Interview am Morgen über die Attacken auf Polizisten und Feuerwehrleute an Silvester. Und erklärt, warum härtere Gesetze fehl am Platz sind.

Von Thomas Hummel

Nach der Silvesternacht debattiert die deutsche Öffentlichkeit über Gewalt gegen Polizisten und Feuerwehrleute. In Leipzig, Stuttgart und Berlin wurden Einsatzkräfte mit Böllern und Flaschen beworfen, teilweise mit der Schusswaffe bedroht. Wilhelm Heitmeyer, 72, ehemaliger Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, spricht über Gewalt-Tendenzen in der Gesellschaft.

SZ: Herr Heitmeyer, können Sie bestätigen, dass Polizei und Feuerwehr häufiger Ziel von Attacken werden?

Wilhelm Heitmeyer: Gewalt gegen Polizei ist ein altbekanntes Phänomen. Gewalt gegen Rettungskräfte ist neu. Belastbare Zahlen gibt es aber nicht. Die Polizei gibt Zahlen heraus, sie interpretiert auch die Ereignisse, etwa die Anzahl der Verletzten. Doch hierin liegt das Problem. In der Statistik macht es keinen Unterschied, ob ein Beamter von einer Flasche getroffen wird, oder zum Beispiel einen Verdächtigen verfolgt und dabei umknickt.

Dennoch verwenden Polizei und Politik die Zahlen und verurteilen die Vorkommnisse scharf.

Sie erreichen damit auch die Öffentlichkeit, denn grundsätzlich ist jeder Angriff auf Polizisten oder Feuerwehrleute problematisch, weil diese Institutionen in der Bevölkerung das höchste Ansehen genießen. Insofern handelt es sich gewissermaßen um Gewalt gegen die Gesellschaft.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Wer übt diese Gewalt aus?

Sie kommt von Gruppen, in denen höchstes Misstrauen gegen den Staat oder die Polizei herrscht. Die Gesellschaft ist heute sehr zersplittert, es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit. Gerade im Internet schotten sich Gruppen ab und entwickeln auch eigene Feindbilder. Gewalt kann innerhalb dieser Gruppen ein sehr wirksamens Mittel von Stärke sein.

In Berlin haben Jugendliche mit Schreckschusswaffen auf Polizeiautos geschossen.

Sie erhoffen sich von ihren Mitstreitern Anerkennung, nach dem Motto: Ich bin der Größte.

Der Bundestag hat im April ein Gesetz verabschiedet, wonach bei tätlichen Angriffen auf Polizisten und andere Sicherheitskräfte bis zu fünf Jahre Haft drohen. Nach den Ereignissen an Silvester fordern Politiker noch höhere Strafen. Was halten Sie davon?

Das ist wirklich fehl am Platz. Respekt entsteht nicht durch Drohungen. Härtere Strafen führen nicht zu stärkerer Abschreckung. Wie oft soll man das eigentlich noch sagen. Wir haben es hier mit lernenden Systemen zu tun. Das heißt die linken, rechten oder sonstigen Gruppen entwerfen immer wieder neue Strategien, um Sanktionen zu unterlaufen. Repression erzeugt hier Innovation. Das sind hilflose Versuche von Politikern, dem Unheil entgegenzutreten, weil sie nur einen kleinen Werkzeugkoffer haben: Gesetze, Geld und Appelle.

Was würde helfen?

Gesetze sind natürlich nötig. Aber allein die ständige Verschärfung dieser Gesetze bringt nichts ohne eine Debatte über Werte und Normen. Und zwar nicht nur bei denen, die auf der Straße randalieren. Da denke ich etwa an die Banker, die während der Finanzkrise gegen allerlei Werte verstoßen haben. Das alles vergiftet die Gesellschaft. Zudem konstruieren viele Gruppen eine Opferrolle für sich, wodurch Wut und Abneigung entsteht. Am Ende stehen immer öfter Entweder-Oder-Situationen - Wir oder Die! Das funktioniert auch in der Politik.

Haben Sie die Befürchtung, dass die Gewalt in der Gesellschaft zunimmt?

Ich vermute, dass die Härte der Gewalt zunimmt, weil man immer heftiger agieren muss, um noch wahrgenommen zu werden. Auf der anderen Seite ist es erfreulich, dass weite Teile der Gesellschaft viel sensibler auf Gewalt reagieren. Wobei wir uns nichts vormachen dürfen: Eine gewaltfreie Gesellschaft wird es nicht geben. Sie hat es auch noch nie gegeben.

Im Großraum Paris sind an Silvester mehrere Polizisten verprügelt worden. Das Problem ist offenbar nicht auf Deutschland begrenzt.

Nein, überhaupt nicht. In Schweden geht es in den Vorstädten zur Sache wegen einer missratenen Immigrationspolitik. In Frankreich ist es noch schlimmer, auch in Großbritannien - da besteht ja teilweise das Bild einer rassistischen Polizei. Dagegen sind die Probleme in Deutschland noch geringer.

© SZ/afis/olkl/mane
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