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Hochwasser in Sachsen-Anhalt:"Drei Tage, aber volle Kanne"

Auf dem T-Shirt eines Helfers steht "Normal ist das nicht". Und in der Tat, seit drei Tagen und Nächten sind die Menschen am Großen Goitzschesee im Dauereinsatz und stapeln Sandsäcke zum Schutz vor den Wassermassen. Ablenkung ist da eigentlich unerwünscht - es sei denn, die Bundeskanzlerin kündigt sich an.

Manchmal hilft es, die Schriftzüge auf T-Shirts zu lesen, um den Charakter einer Menschenmenge zu erkennen. Das gelingt auch am Donnerstag am Großen Goitzschesee recht gut, der trügerisch still und starr hinter einem Wall aus Sandsäcken liegt. Es gibt auch bei den T-Shirts Ausreißer, klar. Wie der verwaschene grüne Lappen, der am Körper eines Mannes klebt, und auf dem tatsächlich zu lesen ist: "Ich bin Angler, willst Du meinen Wurm sehen?" Ganz in der Nähe stehen aber noch zwei andere Männer, die Front des einen behauptet "Normal ist das nicht" - von der Rückseite des anderen grüßt der "VfL Eintracht Bitterfeld".

Und das trifft ihn dann schon, den Geist dieser vom Hochwasser bedrohten Stadt in Sachsen-Anhalt, deren Einwohner nun seit drei Tagen und Nächten einen Deich errichten, der das Schlimmste verhindern soll. Es gibt dabei eine außergewöhnliche Eintracht, also "einen Zusammenhalt, wie man ihn selten sieht", wie es ein junger Mann formuliert.

"Drei Tage, aber volle Kanne!"

Bei einer solchen Arbeit ist man nicht für jedwede Ablenkung dankbar, aber für diesen Nachmittag hat sich die Kanzlerin angekündigt. Das ist einerseits schön, weil so ein Besuch Anerkennung signalisiert. Andererseits blockiert jetzt schon ein Vorauskommando aus Medien und Sicherheitskräften den schmalen Weg hinter dem Deich. Ob das wohl gutgeht, wenn Merkel selbst erst da ist?

Es geht gut. Es geht sogar ziemlich gut. Zwar wirkt Angela Merkel in diesem Treiben am Deich zunächst wie eine Projektion ihrer selbst - man kennt sie als Normalbürger ja in aller Regel nur aus dem Fernsehen. Aber die Menschen hier sind stolz auf ihren Deich. Dieser Stolz kann einen durchaus locker machen für das Gespräch mit Fremden, und sei es die Bundeskanzlerin.

Merkel: "Wenn man sich mal überlegt, wie viele Säcke das hier sind!" Mann mit Strohhut: "Das könn' se nich, das sind zu viele." Merkel: "Wie lange haben Sie jetzt daran gebaut?" Mann mit Strohhut: "Drei Tage, aber volle Kanne!" Merkel: "Volle Kanne, ne?" Mann mit Strohhut: "Volle Kanne!"

"Mein Bauchgefühl ist, dass wir das schaffen"

Volle Kanne. Merkel überprüft dies freundlich, sie schaut auf die Schwielen eines Soldaten, geht ein paar Meter, führt ein nächstes kurzes Fluthelfer-Gespräch, und zwischendurch dreht sie sich immer wieder um zu Claudia Elze, auf deren T-Shirt keine gewundene Botschaft steht, sondern schlicht: "Wasserwehr".

Elze leitet die Wasserwehr in Bitterfeld, sie hat die vergangenen fünf Nächte jeweils drei Stunden geschlafen: "Wobei, Schlaf kann man das nicht nennen, das Handy hat ja auch da ständig geklingelt." Und dann ist sie natürlich rangegangen, schließlich koordiniert Elze hier den Aufbau des Deiches. Vor lauter Arbeit haben ihr Mann und sie es nicht einmal geschafft, das eigene Haus für alle Fälle zu räumen. Das könnte einen in Unruhe versetzen, aber Claudia Elze ist am Morgen den nahen Muldedamm abgelaufen, sie sagt nun heiser: "Mein Bauchgefühl ist, dass wir das schaffen." Und wenn sie es schaffen, dann hat Claudia Elze für die Zeit danach keine großen Wünsche. Sie will "einfach nur ein bisschen Ruhe".

Daran ist jetzt freilich noch nicht zu denken, denn erstens ist die Kanzlerin noch da. Und zweitens sitzt da gerade eine junge Soldatin auf dem Deich und sagt erstaunlich unterkühlt: "Wenn die brechen, dann brechen die eben." Die Sache klärt sich allerdings schnell auf, der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff, hatte sie nämlich nicht auf die Haltbarkeit der Deiche angesprochen, sondern auf die bunten American Nails an ihren Fingern. Bis zum späten Nachmittag haben aber auch die gehalten - eine gute Nachricht, wenn auch eine kleine.

Wiedervereinigung, Hochwasser, Hochwasser

Ohnehin will Reiner Haseloff am Donnerstag ein Mann der guten Nachrichten sein. Drei Mal war er jetzt während des Hochwassers hier am Deich, gegenüber Merkel lobt er noch einmal die Helfer und diese "Aktivierungswelle, die man sich schöner nicht hätte wünschen können". Das kann man glücklicher formulieren, aber die Aussage, sie stimmt. Die vielen Helfer sind ja auch bitter nötig, angesichts der Dimension dieses Hochwassers. Man dürfe nicht vergessen, sagt Angela Merkel, dass die Flut "für die Menschen hier die dritte große Veränderung nach 1990 bedeutet". Sie meint, in dieser Reihenfolge: Wiedervereinigung, Hochwasser, Hochwasser.

Damit die Veränderung 2013 nicht allzu gravierend ausfällt, brauchen die Menschen den Deich. Er ist notwendige Prophylaxe, und darauf werden Merkel und die Medien-Entourage nach einer knappen Stunde auch hingewiesen. Ein Schlacks mit Sonnenbrille möchte das der Kanzlerin eigentlich direkt sagen. Er hat sich etwas Mut angetrunken, die leicht eingedrückte Dose Schlosspils hält er noch in der Hand. Für Merkel reicht der Mut dann allerdings nicht, stattdessen erhält Regierungssprecher Steffen Seibert einen freundlichen Abreisebefehl: "Könn' Se ma gehen, bitte? Das Wasser wartet ja nicht, weil Frau Merkel da is', ma janz ehrlich."

Merkel bekommt diesen Hinweis etwas freundlicher gesagt. Sie gibt einem Mann die Hand, er bedankt sich, dann dreht er wieder ab. "Es muss weitergehen", sagt er noch. Und das stimmt ja auch, für beide Seiten.

© Süddeutsche.de/sks
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