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Medizinische Hochschule Hannover:Der rätselhafte Patient aus Montenegro

Polizei schützt Patienten in der MHH

Gut bewachter Patient: In der Medizinischen Hochschule Hannover wird derzeit ein Mann unter massivem Polizeischutz behandelt.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)
  • In Hannover gibt es Gerüchte über einen angeblichen Mafiaboss, der in der dortigen Universitätsklinik behandelt wird.
  • Der Mann stammt aus Montenegro und wurde nahe der Hauptstadt Podgorica angeschossen.
  • Die Behandlung findet unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Politiker fragen, wer den teuren Einsatz bezahlt.

Am Freitag vorvergangener Woche landete auf Hannovers Flughafen Langenhagen ein Privatflugzeug, darin ein schwer verletzter Mann. Er kam aus Montenegro und soll dort Ende Januar angeschossen worden sein. Igor K., so sein abgekürzter Name, wurde mit Polizeieskorte in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) gebracht. Dort wird er seither behandelt, inzwischen ebenfalls streng bewacht. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei stehen vor der Klinik.

Wer ist der Patient? Warum wird so gut auf ihn aufgepasst? Und wer soll das am Ende alles bezahlen? Solche Fragen stellen sich nun zahlreiche Beobachter, darunter niedersächsische Politiker.

Schnell machte die Meldung die Runde, es handele sich um einen montenegrinischen Mafiaboss. Demnach gibt es einen Montenegriner namens Igor K., der in seiner Heimat wegen Drogenhandels verurteilt worden war. Er soll 35 Jahre alt sein und am 28. Januar in der Nähe der Hauptstadt Podgorica unter Beschuss genommen worden sein. Mindestens zwanzig Kugeln hätten seinen Geländewagen durchbohrt und Igor K. lebensbedrohliche Verletzungen zugefügt, heißt es. Die Wunden seien notversorgt worden, die Uniklinik in Hannover sei ihm empfohlen worden. Deren Unfallchirurgie erhielt offenbar Anfang Februar per Mail eine Anfrage aus einem Krankenhaus in Montenegro, ob sie einen Patienten "mit multiplen Schussverletzungen" übernehmen könne. Das Geld für die Behandlung wurde dem Vernehmen nach überwiesen.

Mit seiner Rolle als hochrangiges Mitglied eines Clans wurde dann das massive Aufgebot von Hannovers Polizei erklärt, dessen Aufwand und Kosten erhebliche Diskussionen auslösen. Auch die Ehefrau von Igor K., in einem nahe gelegenen Hotel untergebracht, steht unter Polizeischutz.

An diesem Montag allerdings meldete sich ein Rechtsanwalt aus Hannover, der Suzana K., die Gattin des mutmaßlichen Clanchefs, vertritt. Der Jurist Harald Lemke-Küch teilte dem NDR und der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung mit, dass der Mann seiner Mandantin mit der Mafia in Montenegro nichts zu tun habe und auch nicht vorbestraft sei. Er heiße ebenfalls Igor K. und sei tatsächlich nahe von Podgorica unter Feuer genommen und dabei verwundet worden. Aber laut Lemke-Küch handelte es sich schon bei dem Anschlag um eine Verwechslung. Der andere Igor K., also das mutmaßliche Mafiamitglied, ist gemäß dieser Version 15 Jahre älter.

Ihr Mann, so habe es dem Anwalt zufolge die Frau erzählt, sei dagegen ein gut situierter Unternehmer mit mehreren Firmen. Das Attentat könne sie sich nicht erklären. Den Polizeieinsatz rechtfertige sie mit der Tatsache, dass die Hintergründe des Vorfalls bei Podgorica unklar seien. Jetzt ist die Verwirrung fürs Erste komplett.

Selbst Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte sich angesichts der Aufregung eingeschaltet und dem NDR gesagt, es gehe bei dem Großeinsatz der Polizei "vor allem um den Schutz unbeteiligter Dritter". Einen internationalen Haftbefehl gegen den Mann gebe es nicht, er sei aber dem Bundeskriminalamt bekannt. "Wir haben ihn nicht hergeholt, wir haben ihm keinen roten Teppich ausgerollt", so Pistorius, "er ist jetzt da, und die Ärzte müssen ihn behandeln." Von 27 Schüssen in Arme und Beine ist die Rede.

In Niedersachsens Landtag wird Ärger nicht zuletzt über das behandelnde Krankenhaus und die teuren Sicherheitsvorkehrungen laut, ein Chirurg räumt inzwischen Fehler ein. In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wird Matthias Karsch zitiert, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter: "Es kann doch nicht sein, dass sich die MHH einen Privatpatienten einfliegen lässt, gut daran verdient und der Steuerzahler muss draufzahlen". Er findet, dass die Klinik einen Teil der Kosten übernehmen solle. Der Bund der Steuerzahler meinte im NDR, dass vor allem der Patient selbst oder seine Familie finanziell belangt werden müssten. Die Polizeidirektion Hannover glaubt nicht, dass es sich um eine Verwechslung handelt. "Die Gefährdungsbewertung", so ein Sprecher, werde "kontinuierlich fortgeschrieben", die Maßnahmen würden bisher "für unbedingt erforderlich gehalten." Irgendwann wird man vermutlich wissen, wer genau dieser Igor K. ist.

© SZ/olkl
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