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Hamburg:Verkehrsader: Friedhof

Hauptfriedhof Ohlsdorf

Trügerische Ruhe? Der Hauptfriedhof Hamburg Ohlsdorf (Archivbild).

(Foto: dpa)
  • In Hamburg gibt es zunehmend Beschwerden, weil Autofahrer den Ohlsdorfer Friedhof als Abkürzung nutzen und die Besucher stören.
  • Eigentlich ist die Zufahrt zum Friedhof nur Besuchern erlaubt. Um den Missbrauch zu bekämpfen, diskutiert die Stadt die Errichtung einer Schranke, die sich nur mit einem Chip oder Code öffnet.

Was müssen das für ruhige Zeiten gewesen sein, als sie früher mit ihrem Vater durch den Ohlsdorfer Friedhof fuhr. Heidi Anicic erinnert sich, wie sie schon als Kind im Leichenwagen die Musik ganz leise stellte, wenn sie das riesige Areal im Hamburger Norden erreichten. "Ich hatte das von meinen Eltern so gelernt", sagt die Leiterin des Bestattungsunternehmens Weber. "Das ist ein Ort des Respekts." Und jetzt? Jetzt sind hier dermaßen viele Zeitgenossen in ihren Autos dermaßen aufgeregt unterwegs, dass der Verkehr zwischen den Gräbern zum Ärgernis und Politikum geworden ist.

Anicic erzählt, wie Trauerzüge angehupt würden. Einmal habe sie sich einem Drängler mit erhobener Hand entgegengestellt, wie ein Stoppschild, da sei ihr das Fahrzeug fast über die Füße gerollt. "Erschreckend, richtig rabiat", sagt sie. Und es werde immer schlimmer.

Nun will die Hansestadt reagieren. Erst war von einer örtlichen Kfz-Maut die Rede, inzwischen gilt eine Schranke als geeigneter. Die Ohlsdorfer Ruhestätte ist immerhin der größte Parkfriedhof der Welt und die größte Grünfläche Hamburgs, größer als der Wiener Zentralfriedhof. Seit der Eröffnung 1877 fanden auf den 389 Hektar 1,4 Millionen Beisetzungen statt, derzeit sind es 4700 pro Jahr. 17 Kilometer Straßen verbinden die 235 000 Grabstellen, für Fußwege allein wäre das Gelände viel zu groß. Die Folge: Jeden Tag rauschen laut städtischer Statistik 6000 bis 8000 Pkw durch diese Toteninsel im Häusermeer, auf der unter anderem Helmut Schmidt, Hans Albers, Inge Meysel und Gustaf Gründgens begraben sind.

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Stau auf den Hauptstraßen an der Alster, in Steilshoop oder Bramfeld nebenan? Also rasch abbiegen, durch die schmiedeisernen Pforten auf die herrlichen Alleen im Friedhofspark, vorbei an Grabmälern, Mausoleen, Kapellen, Museum, Gärtnereien, 15 Teichen, 800 Skulpturen und 36 000 Bäumen. Obwohl ungefähr die Hälfte der Fahrer gar nicht hineindarf - Schilder erlauben die Zufahrt nur den (jährlich 1,2 Millionen) Besuchern der Verstorbenen sowie Bestattern, Personal und Linienbussen (es gibt 22 Stationen). Auch das Tempolimit 30 wird trotz vereinzelter Kontrollen massenhaft gerissen.

Zur Linderung der Malaise wurde bereits die Öffnungszeit für Kfz-Nutzer von 8.30 Uhr auf 9 Uhr verschoben, um der Rushhour auszuweichen. Dann äußerte die grün geführte Hamburger Umweltbehörde dieser Tage ihre Idee, für motorisierte Friedhofsgäste eine Gebühr zu erheben. Das kam außerhalb der Fraktion nicht gut an. Auch Angehörigen Geld abknöpfen für eine Autofahrt zum Grab? Das gehöre sich nicht, findet Hamburgs SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher. Ersatzweise sollen sich noch in diesem Jahr in der Mitte einer Hauptachse Schranken nur für Berechtigte öffnen, ausgestattet mit Chip oder Code. Man müsse den Durchgangsverkehr wirksam unterbinden, fordert der Staatsrat und Friedhofsbeauftragte Michael Pollmann. "Der Friedhof soll ein Ort der Trauer, des Gedenkens und der Ruhe sein."

Das findet seit jeher auch Heidi Anicic, die Bestattungsunternehmerin in dritter Generation. Bei Begegnungen mit einem Trauerzug empfiehlt sie: "Stehen bleiben. Motor aus."