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Neue Studie:Mehr Tote durch schmutzige Luft als durch Rauchen

Dunstglocke über Berlin

Dunstglocke über Berlin.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)
  • Eine neue Studie bemisst den gesundheitlichen Schaden durch Luftschadstoffe weitaus höher als bisher angenommen wurde.
  • Allein in Europa seien demnach mit nahezu 800 000 zusätzlichen Todesfällen jährlich durch Luftverschmutzung zu rechnen.
  • Die Umweltgifte beschädigen die Blutgefäße und begünstigen Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetes und erhöhten Blutdruck.

Wer sich demnächst an Unterschriftenlisten beteiligen und - trotz fehlender Expertise, aber dafür mit Rechenfehlern - die Grenzwerte zur Reinhaltung der Luft anzweifeln will, sollte vorher besser die aktuelle Fachliteratur zur Kenntnis nehmen. Dort findet sich eine neue, umfangreiche Studie, die den gesundheitlichen Schaden durch Feinstaub und Co. weitaus höher bemisst, als bisher von Experten angenommen wurde. Kardiologen, Umweltmediziner und Chemiker der Universität Mainz und des dortigen Max-Planck-Instituts für Chemie zeigen im European Heart Journal von dieser Woche, dass allein in Europa mit nahezu 800 000 zusätzlichen Todesfällen jährlich durch Luftverschmutzung zu rechnen ist. Weltweit sind demnach 8,8 Millionen Extra-Todesfälle auf die Schadstoffemissionen zurückzuführen.

"Um das in ein Verhältnis zu setzen: Es bedeutet, dass durch Luftverschmutzung mehr Menschen sterben als durchs Rauchen, wofür die Weltgesundheitsorganisation 7,2 Millionen zusätzliche Todesfälle jährlich angibt", sagt der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel, der an der Studie beteiligt war. "Rauchen kann der Einzelne vermeiden, Luftverschmutzung nicht." Den Forschern zufolge liegt die Zahl der vermuteten Todesopfer höher als das, was bisherige Berechnungen ergaben. Statistisch bedeuten die neuen Zahlen eine Verringerung der Lebenserwartung um durchschnittlich etwas mehr als zwei Jahre.

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Die Weltgesundheitsorganisation prüft derzeit die Grenzwerte für Luftschadstoffe. Experten rechnen damit, dass die Empfehlungen noch strenger ausfallen als bisher.

Die Krankheitslast betrifft keineswegs nur die Atemwege. Der größte Anteil der Todesfälle geht demnach auf verengte Koronargefäße (40 Prozent) und Schlaganfälle (8 Prozent) und damit fast zur Hälfte auf Herzkreislaufleiden zurück. Todesfälle durch Lungenkrebs, Lungenentzündungen und chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen machen zusammen ungefähr 20 Prozent aus.

Die Wissenschaftler hatten zahlreiche Parameter in ihre Studie einbezogen und die chemischen Prozesse simuliert, die in verschiedenen Regionen an Land und über dem Meer stattfinden, wenn die Luft dort mit Schadstoffen aus der Industrie, dem Verkehr, zur Energiegewinnung und der Landwirtschaft reagieren. Zusammen mit Daten zur Bevölkerungsdichte, anderen Risikofaktoren und lokalen geografischen Gegebenheiten kamen sie zu ihrer Hochrechnung, die sich besonders auf Feinstaub mit einer Partikeldichte von 2,5 Mikrometern oder kleiner konzentriert, weil diese PM-2,5-Partikel bis in die feinsten Lungenverästelungen vordringen und deshalb besonders gefährlich sind.

Weltweit ist nach Berechnungen der Mainzer Wissenschaftler mit 120 zusätzlichen Todesfällen pro 100 000 Einwohnern zu rechnen, in Europa beträgt die Quote 133 pro 100 000 Einwohner, in Deutschland sogar 154 pro 100 000. "Die vielen zusätzlichen Todesfälle in Europa ergeben sich aus der Kombination von schlechter Luft und großer Bevölkerungsdichte, was zu einer der höchsten Expositionen in der Welt führt", sagt Jos Lelieveld vom MPI für Chemie, der federführend an der Studie beteiligt war. "In Osteuropa ist die Zahl der zusätzlichen Todesfälle wahrscheinlich deswegen höher, weil die Gesundheitsversorgung in Westeuropa besser und die Lebenserwartung generell höher ist." Die Luftverschmutzung dort sei nicht wesentlich schlimmer.

Die Bezifferung konkreter Todesfälle durch Luftschadstoffe wurde zuletzt von einigen Statistikern kritisiert. Letztlich handele es sich bei epidemiologischen Studien wie die der Mainzer um eine statistische Abschätzung. Die so ermittelten Zahlen gelten als Indikatoren für den Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung und geben nicht klinisch identifizierbare Todesfälle wieder. Als exakter gilt in der Forschung die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch einen Risikofaktor.

Dünge- und Pflanzenschutzmittel sind in Deutschland wesentliche Quelle der Luftverschmutzung

PM-2,5-Partikel gelten als eine Hauptursache für Erkrankungen der Atemwege und des Herzkreislaufsystems, daran besteht in der Wissenschaft kein Zweifel mehr. Doch während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grenzwert zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft angibt, gilt in der EU noch der zweieinhalbfache Wert von 25 Mikrogramm; und auch der wird von vielen Ländern regelmäßig überschritten. "Der gegenwärtige Grenzwert in Europa sollte gesenkt werden auf das WHO-Niveau", sagt Kardiologe Münzel. "Viele Länder wie Kanada, die USA und Australien richten sich danach, aber die EU hinkt hier weit hinterher."

Aus gesundheitlicher Sicht wären strengere Schutzmaßnahmen längst angemessen. "Die Verbindung zwischen Luftverschmutzung und Leiden von Herz und Atemwegen ist klar belegt", sagt Münzel. "Die Umweltgifte beschädigen die Blutgefäße durch oxidativen Stress und das begünstigt wiederum Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und erhöhten Blutdruck."

Diverse politische Entscheidungen wären naheliegend, um die Menschen nicht unnötig weiteren Gesundheitsrisiken auszusetzen. "Wenn der Wechsel von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien gelingen würde, könnte der Anteil der zusätzlichen Todesfälle durch Luftverschmutzung um bis zu 55 Prozent gesenkt werden", rechnet Lelieveld vor. Aber auch in der Landwirtschaft wird viel Feinstaub produziert."Ammoniak aus der Landwirtschaft trägt in Deutschland beispielsweise zu bis zu 45 Prozent der Belastung durch PM-2,5-Partikel bei", so Lelieveld. Die chemischen Reaktionen der auf die Felder aufgebrachten Substanzen in der Atmosphäre tragen zu einer gefährlichen Mischung bei. Dass unter Luftverschmutzung und gesundheitlichen Nachteilen besonders Minderheiten und Menschen aus den untersten sozialen Schichten zu leiden haben, hat in dieser Woche eine Studie im Fachblatt PNAS gezeigt. Die Armen und Unterprivilegierten sind es, die in den besonders belasteten Regionen leben.

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