Hafiz al-Assad Um die Wette rechnen mit dem Diktatorensohn

Der älteste Sohn des syrischen Diktators al-Assad nimmt an der Mathematikolympiade 2017 in Rio teil. - Archivbild der Internationalen Mathematikolympiade in Amsterdam 2011.

(Foto: dpa)

Der älteste Sohn des syrischen Machthabers al-Assad tritt bei der Mathe-Olympiade in Rio an. Von dem Leid in seinem Land will er nichts mitbekommen haben.

Von Boris Herrmann

In Rio de Janeiro wird schon wieder um Gold, Silber und Bronze gekämpft. Knapp ein Jahr ist es her, dass die Olympischen Sommerspiele stattfanden und neben hübschen Fernsehbildern und strahlenden Siegern vor allem leere Kassen und marode Sportstätten hinterließen.

Gemessen daran sind die aktuellen Wettbewerbe von bescheidenem Zerstörungspotenzial. Die Jugend der Welt trifft sich diesmal in einem Tagungshotel im Vorort Barra da Tijuca. 623 Teilnehmer aus 100 Ländern sind gemeldet. Sie lösen mathematische Problemstellungen. Die Olympiastadt Rio ist schwer gebeutelt, aber sie hat noch genug Geld, um die Internationale Mathematikolympiade 2017 zu stemmen.

Das wäre jenseits der Mathe-Szene wahrscheinlich kaum einem aufgefallen, wenn die brasilianische Zeitung O Globo nicht über einen umstrittenen Gast berichtet hätte, der dem Team Syriens angehört. Es handelt sich um den 15 Jahre alten Hafiz al-Assad. Hafiz ist der älteste Sohn des Diktators Baschar al-Assad.

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Im Globo-Interview sagte er, er sei ein "ganz normaler Junge" und habe sich in der landesweiten Vorentscheidung wie jeder andere Bewerber für die Teilnahme in Rio qualifizieren müssen. Dem Bericht zufolge ist Hafiz al-Assad tatsächlich begabt auf dem Gebiet der Algebra, er habe auch schon an der Mathe-Olympiade im vergangenen Jahr in Hongkong teilgenommen.

Seine Reise nach Brasilien sollte zunächst geheim gehalten werden, die Organisatoren hätten die Identität des syrischen Rechenkünstlers auf Anfrage aber bestätigt. Ein offizielles Statement gibt es bislang nicht. Auch die brasilianische Bundespolizei will sich dazu "aus Sicherheitsgründen" nicht äußern. Umso redseliger zeigt sich der Diktatorensohn in der brasilianischen Presse.

Seine Teilnahme in Rio beweise, dass es um Syrien nicht so schlecht bestellt sei, wie viele behaupteten. Über seinen Vater könne er nur Gutes berichten. Von wiederholten Giftgasangriffen gegen die eigene Bevölkerung, von einem Bürgerkrieg, in dem Hunderttausende getötet und Millionen in die Flucht getrieben wurden, von dem unvorstellbaren Leid gerade von Kindern und Jugendlichen in seinem Land hat er scheinbar noch nichts mitbekommen. Hafiz al-Assad sagte stattdessen, Rio sei ungefähr so gefährlich wie Damaskus. Auf den Zuckerhut und den Corcovado hat er sich trotzdem schon gewagt.

Bislang gab es vor dem Tagungshotel keine Proteste

Eine Frage ist, ob sich der junge Mann tatsächlich mit herausragenden Zensuren für Rio qualifiziert hat oder ob er über den kleinen Dienstweg ins syrische Team geschlüpft ist. Noch dringender zu fragen wäre aber, ob er nicht das Grundprinzip dieser Veranstaltung verletzt, wenn er dort öffentlich Staatspropaganda betreibt.

"Bei der Mathe-Olympiade gilt wie bei den Spielen unter den fünf Ringen eigentlich das Gebot der politischen Neutralität", sagt der Leiter der bundesweiten Mathematikwettbewerbe, Hanns-Heinrich Langmann. Bislang gab es vor dem Tagungshotel keine Proteste. Nach dem Globo-Bericht wurden aber offenbar die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

Die Veranstaltung endet mit der Siegerehrung am Samstag. Die Aussicht, dass Assad junior dabei die Goldmedaille abräumt, ist gering. In aller Bescheidenheit hat er schon verraten: "Ich bin nicht der Beste."

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