Haiti Entlassene Oxfam-Mitarbeiter heuerten bei anderen Hilfsorganisationen an

  • Oxfam entließ 2011 Mitarbeiter, weil sie im Einsatz nach dem Erdbeben auf Haiti 2010 Partys mit Prostiuierten gefeiert haben sollen.
  • Oxfam verschwieg den Vorfall, deshalb fanden die Helfer schnell ähnliche Jobs bei anderen Organisationen. Die kritisieren: Sie seien von Oxfam nicht gewarnt worden.
  • Eine Sprecherin von Premierministerin Theresa May verlangte eine "umfassende und schnelle Untersuchung".
Von Björn Finke, London

Es geht um Sex mit Prostituierten, möglicherweise mit minderjährigen, und es geht vor allem um den Ruf einer der größten britischen Hilfsorganisation: Sieben Mitarbeiter von Oxfam, die nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 als Aufbauhelfer auf die Insel gekommen waren, sollen ausschweifende Sexpartys gefeiert haben, was gegen den Verhaltenskodex der Organisation verstößt. Übers Wochenende kamen weitere pikante Details ans Licht. Die Verfehlungen der sieben längst nicht mehr für Oxfam tätigen Mitarbeiter sind das eine Thema, das andere ist das Verhalten der Führungsspitze der Hilfsorganisation in der Causa. Warum informierte die Stiftung weder die Öffentlichkeit noch die Behörden, geschweige denn andere Hilfsorganisationen, dass sexuelle Fehltritte hinter dem Abschied der Mitarbeiter steckten?

Die Stiftungsaufsicht und das Entwicklungshilfeministerium in London wollen das Vorgehen von Oxfam überprüfen. Ministerin Penny Mordaunt kündigte für diesen Montag ein Treffen mit Verantwortlichen an. Sollten diese nicht alle Informationen zu der Affäre übergeben, werde ihr Ministerium nicht mehr mit Oxfam zusammenarbeiten. In einem Interview mit der BBC drohte sie damit, die Zuwendungen zu streichen, wenn Oxfam und andere Hilfsorganisationen Schutzvorkehrungen gegen solche Vorfälle nicht ordentlich umsetzten. Haitis Botschafter in London nannte die Enthüllungen "schockierend, beschämend und inakzeptabel". Die Organisation teilte mit, sie nehme die Anschuldigungen ernst und prüfe die Vorwürfe gründlich. Bei den sieben Männern handelt es sich um Mitglieder des damaligen Führungsteams in Haiti, alle Ausländer. Die Oxfam-Zentrale in Oxford erhielt im Sommer 2011 Hinweise auf das Fehlverhalten. Nach einer internen Untersuchung trennte sich die Organisation schnell von den Männern. Oxfams Pressemitteilung von September 2011 nennt Machtmissbrauch und Regelverstöße als Gründe, nicht jedoch, dass es um Prostitution und Sexpartys ging. Das wurde erst jetzt bekannt, nachdem der Tageszeitung The Times der nie veröffentlichte Untersuchungsbericht zugespielt worden war und Mitarbeiter mit der Zeitung gesprochen hatten. Die Verschwiegenheit der Hilfsorganisation nutzte den Geschassten: Sie heuerten einfach bei anderen Agenturen an. So war der Haiti-Organisationschef von 2012 bis 2014 Missionsleiter der französischen Gruppe "Action contre La Faim" in Bangladesch. Mehrere Hilfsgruppen klagen, sie seien von Oxfam nicht gewarnt worden, einige Männer hätten sogar Empfehlungsschreiben präsentiert. Ein Oxfam-Sprecher sagte, solche Briefe hätten Manager keinesfalls für die sieben Männer verfasst.

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Er legte nahe, dass Empfehlungen gefälscht sein könnten. In der Times schildern anonyme Oxfam-Beschäftigte, wie die Sexpartys abliefen. Junge Prostituierte sollen halb nackt herumgelaufen sein, mit wenig bekleidet außer mit Oxfam-T-Shirts. Die Männer sollen ihr von Oxfam gemietetes Haus als "Puff" bezeichnet haben, ihre Sexorgien nannten sie "Frischfleisch-Grillpartys". Einige der zitierten Mitarbeiter äußerten die Sorge, dass unter den Prostituierten 14- bis 16-Jährige gewesen sein könnten. Die Stiftung betonte in einer Stellungnahme, dass die Anwesenheit von Minderjährigen nicht belegt sei. In Haiti ist Prostitution verboten, jedoch weit verbreitet. Die Stiftung zeigte ihre ehemaligen Mitarbeiter allerdings nicht an. Zur Begründung sagte ein Sprecher, dass die Polizei solche Vorwürfe wegen des Chaos nach dem Beben ohnehin nicht verfolgt hätte.

Oxfam ist eine der größten britischen Hilfsorganisationen. Auch in Deutschland betreibt die Stiftung 52 Läden, die gebrauchte Kleidung, Bücher und Haushaltsgeräte verkaufen. Die Erlöse kommen der Arbeit in armen Ländern zugute.

Barbara Stocking, Oxfam-Chefin bis 2013, verteidigt ihre Entscheidung, die Gründe für die Entlassungen nicht veröffentlicht zu haben. Andernfalls hätte sie unschuldige haitianische Mitarbeiter zu Angriffszielen gemacht, sagte Stocking in einem Fernsehinterview. Ihr Nachfolger an der Spitze, Mark Goldring, sieht das anders: "Im Nachhinein betrachtet wäre es mir viel lieber gewesen, wenn wir über sexuelle Verfehlungen gesprochen hätten", sagte er.

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