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Zum Tod von Gottlieb Wendehals:Die letzte Polonäse

Werner Böhm gestorben

Der Sänger und Musiker Werner Böhm war als Kunstfigur Gottlieb Wendehals bekannt.

(Foto: dpa)

Als Gottlieb Wendehals ließ Werner Böhm die Löcher aus dem Käse fliegen. Nun ist der Schlagersänger gestorben. Ein Nachruf.

Von Violetta Simon

Wer Gottlieb Wendehals googelt, erfährt unter "Nutzer fragen auch", was Menschen sonst noch über ihn wissen wollen: "Wie heißt Gottlieb Wendehals richtig" oder "Was macht eigentlich Gottlieb Wendehals"? Hingegen fragt niemand, wie man als gelernter Polsterer und Kaufhaus-Dekorateur auf die Idee kommt, sich so einen Namen zu geben. Oder warum jemand mit Gummihuhn und Aktentasche unterm Arm als Handlungsreisender in Sachen Entertainment über deutsche Bühnen zieht.

Für seine Fans waren Schachbrett-Sakko, Hochwasserhose und die Fliege mit dem ungelösten Kreuzworträtsel ein Markenzeichen. Wendehals aber, der mit bürgerlichem Namen Werner Böhm hieß, sollte diese Erscheinung in seiner Autobiografie später als "Das karierte Verhängnis" bezeichnen.

In der Nacht zum Dienstag, drei Tage vor seinem 79. Geburtstag, ist der Schlagersänger in seiner Wahlheimat Gran Canaria gestorben. Erst im Januar war der Musiker von Hamburg auf die Insel gezogen. Seine Freundin Helga hatte ihn in seinem Apartment gefunden, man vermutet Herzversagen.

Im Club mit Ella Fitzgerald

Nur wenige wissen, dass Wendehals bis Anfang der Sechziger als Jazz-Pianist in legendären Clubs auftrat und dort unter anderem Louis Armstrong und Ella Fitzgerald begleitete. Nun ja, von den Wildecker Herzbuben wissen auch nur wenige, dass sie richtig gute Jazz-Trompeter sind. Aber als adipöse, "Herzilein" singende Gartenzwerge nun mal sehr viel mehr verdienen. So gesehen war der Künstlername "Wendehals" durchaus eine gelungene Anspielung - und ein Beleg für seine Fähigkeit zur Selbstironie.

In seiner Mission als Schunkel-Animateur brachte er Menschen zum Klatschen und Mitsingen: "Und Erwin fasst der Heidi von hinten an die Schulter". Er ruhte nicht eher, bis "Das Chaos tobt und der Boden schwankt". Er spielte "Walzer, Diskosalaaad", wie es im Song "Herbert" von 1979 heißt, und landete damit in den Charts. "Wir sind uns're Gage wert", sang er über sich und die Rhythmusmaschine - und das ist wörtlich zu nehmen: Ein stattliches Vermögen von zehn Millionen Mark hatte Wendehals angehäuft. Und er hatte drei Söhne, von drei Ehefrauen, unter anderem von Sängerin Mary Roos.

Anfang der 80er Jahre gelang ihm dann mit "Polonäse Blankenese" der Durchbruch: Der Song landete auf Platz eins der deutschen Hitparade, Millionen kannten ihn jetzt, oder besser gesagt, die Kunstfigur. Selbst Stephan Remmlers Song "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" schaffte es in die Charts - als Wendehals ihn coverte.

Dann kamen die Neunziger, und nichts ging mehr. Den Leuten war nicht mehr nach Konfetti-Stimmung. Jetzt war Musikfernsehen dran, Boygroups, Neue Deutsche Welle. Das Vermögen war schnell durchgebracht. Weil er mit Geld nicht umgehen konnte, sagte er in "Menschen bei Maischberger". Dann war da noch der Alkohol, mit dem er ebenfalls schlecht umgehen konnte, wie er in seiner Autobiografie gestand. Bei ihm klang das ungefähr so: "Ich trank gern mal einen, wenn es mir gut ging. Und ich soff, wenn es mir schlecht ging."

Versuch eines Comebacks

2004 ging er für RTL ins Dschungelcamp, ein Jahr später in den Container von Big Brother. Geholfen hat es nichts - 2008 war der Sänger offiziell pleite, hatte mehr als eine halbe Million Euro Schulden. Da war es wieder, das karierte Verhängnis: Etwas anderes als den Wendehals im Schachbrett-Sakko wollte man nicht von ihm. Ohne Gummihuhn und Schnauzer erkannte man ihn nicht einmal mehr.

Es wäre nicht nötig gewesen, doch Dieter Bohlen, klar, sagte ihm genau das ins Gesicht, als Wendehals 2014 im Alter von 73 Jahren einen letzten Versuch bei "Supertalent" unternahm. Es bereitet beinahe körperliches Unbehagen, mitanzusehen, wie er - in schwarzem Sakko, aber mit näselnder Wendehals-Stimme, untermalt von Swing und "Schniffedischnuff" - sein musikalisches Leben und Scheitern besingt. Titel: "Und wenn was schief geht". Nun, es ging schief, das Comeback war abgesagt.

Und doch: Wendehals war der Mann, der die Löcher aus dem Käse fliegen ließ. Weil er sich selbst nicht so ernst nahm. Das immerhin hatte er Dieter Bohlen voraus.

© SZ/vwul
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