Cold Case:Klingelt es?

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Cold Case: Ein Telefonbuch aus dem Jahr 1978/89. Ein altes Exemplar aus Hamburg hatte gerade die Polizei im Fall Göhrde gesucht.

Ein Telefonbuch aus dem Jahr 1978/89. Ein altes Exemplar aus Hamburg hatte gerade die Polizei im Fall Göhrde gesucht.

(Foto: Christoph Soeder/picture alliance/dpa)

Im Göhrde-Wald bei Lüneburg werden 1989 kurz hintereinander zwei Paare getötet. 2017 wird der Täter ermittelt, aber er ist seit Jahren tot. Doch es gibt Hinweise, dass er einen Komplizen hatte. Ein altes Telefonbuch soll den Ermittlern nun weiterhelfen.

Von Anna-Lena Jaensch

Es war der Sommer 1989, als Beerensammler inmitten der Göhrde, einem großen Waldgebiet südöstlich von Lüneburg, die verwesten Überreste eines Ehepaars fanden. Noch heute, 33 Jahre später, wird über die Todesursache gerätselt, fest stand jedoch schon damals: Die Frau und der Mann wurden ermordet. Und noch während die Polizei am Tatort Spuren sicherte, tötete der Mörder im selben Staatsforst, 800 Meter entfernt, ein weiteres Liebespaar. Dem Mann schoss er in den Kopf, der Frau zertrümmerte er den Schädel.

Lange Zeit blieben die "Göhrde-Morde" ungelöst. Erst 2017 kamen die Ermittler dem Täter mithilfe neuester DNA-Analysen auf die Spur. Es handelte sich um einen Friedhofsgärtner namens Kurt-Werner W., der zu dem Zeitpunkt längst gestorben war. Bis heute ist allerdings nicht klar, ob noch weitere Mordfälle auf sein Konto gehen - und ob er einen Komplizen hatte. Nun hat ausgerechnet ein altes Telefonbuch die Polizei erneut weitergebracht.

Doch der Reihe nach: Kurt-Werner W. war 1993 in Untersuchungshaft gekommen, nachdem Polizisten nach einem Verkehrsunfall Teile einer Maschinenpistole in seinem Wagen gefunden hatten. Aufgrund seiner Verbindung zu einer verschwundenen Fotografin durchsuchten die Ermittler sein Grundstück und fanden Waffen, Elektroschocker, Spritzen, Fesseln und ein im Garten vergrabenes Auto. Kurt-Werner W. beging daraufhin in seiner Zelle Suizid.

Ein Abgleich mit 1989 am Tatort gefundenen Haaren brachte Gewissheit

Vor fünf Jahren wurde der Fall wieder aufgerollt, nach jahrzehntelanger Pause. Als Ermittler das Grundstück von W. erneut inspizierten, fanden sie Leichenteile der Fotografin, vergraben unter der Garage. Ein Abgleich mit 1989 am Tatort gefundenen Haaren brachte dann Gewissheit: Der Friedhofsgärtner ist auch der Mörder der beiden Paare aus der Göhrde.

Cold Case: Polizeibeamte durchsuchen 1989 den Wald in der Göhrde nach Spuren.

Polizeibeamte durchsuchen 1989 den Wald in der Göhrde nach Spuren.

(Foto: Michael Behns/dpa)

Ein erfolgreich abgeschlossener Cold Case also? Offensichtlich nicht, das zeigen die jüngsten Ermittlungen der Polizei. Denn seit einiger Zeit gehen die Beamten von einem Mittäter aus - und von weiteren Opfern. "Bereits im Alter von 21 Jahren vergewaltigte Kurt-Werner W. eine Anhalterin, 20 Jahre später beging er die Göhrde-Morde. Selbstverständlich drängt sich da der Gedanke auf, dass ihm auch weitere Verbrechen zuzuschreiben sind", sagt die Lüneburger Polizeisprecherin Julia Graefe am Telefon der SZ.

Die "Ermittlungsgruppe Göhrde" verschickte nach der Identifizierung des Täters ein Profil von Kurt-Werner W. an sämtliche Polizeibehörden im In- und Ausland. Der Rücklauf war enorm, mehr als 100 ungelöste Fälle erinnerten zumindest in Teilen an sein Vorgehen. Spuren wurden abgeglichen, bislang habe sich aber keine der Vermutungen bestätigt, sagt die Polizeisprecherin.

Kurt-Werner W. kann für seine Taten nicht mehr belangt werden. Ein möglicher Mittäter schon

Auf der Website der Polizeidirektion Lüneburg sind die Gegenstände abgebildet, die die Ermittler auf W.s Grundstück fanden und nicht zuordnen konnten. Vier Handtaschen sind da zu sehen, mehrere Paar Stöckelschuhe, eine Sonnenbrille. Auch ein Zettel soll bei ihm gefunden worden sein, auf dem eine Hamburger Nummer handschriftlich vermerkt war. So berichteten es verschiedene Medien. Die Ermittler sprechen lediglich von einer Telefonnummer, die sie keiner Person zuordnen konnten.

Deshalb spielt nun ein eher ungewöhnlicher Gegenstand eine zentrale Rolle bei den Ermittlungen: ein altes Hamburger Telefonbuch aus dem Jahr 1989. Weil die Beamten kein entsprechendes Telefonbuch hatten, baten sie die Bevölkerung vor einigen Monaten um Mithilfe. Das habe nun zu neuen Ansätzen geführt, sagt Polizeisprecherin Graefe. Wer damals wen anrief, will sie aber nicht sagen, noch laufen die Ermittlungen.

Nach dem Aufruf wurden auch Telefonbücher aus dem Jahr 1990 und 1991 eingesendet, die wurden nun archiviert, um sie bei anderen Fällen nutzen zu können. Es sei immer wichtig zu wissen, so Graefe, mit wem Täter und Opfer eines Verbrechens in Kontakt standen. Da jahrzehntealte Nummern oft neu vergeben worden sind oder ins Nichts führen, könne ein altes Telefonbuch hilfreich sein. Nicht immer führt eben neue Kriminaltechnik zu neuen Erkenntnissen in einem Cold Case. Bisweilen reichen akribische Polizeiarbeit und ein ganz alltäglicher Gegenstand.

Der Fall Göhrde ist mit dem alten Telefonbuch noch nicht gelöst, aber, so erklärt es Graefe: "Es hilft uns bei der Weiterverfolgung einer Spur, die wir vorher schon hatten." Bereits 2017 gab es Hinweise auf den Mittäter, ein Mann sei als Beschuldigter im Strafverfahren aufgeführt. Medienberichten zufolge soll Kurt-Werner W. mit seinem Wagen ins Waldgebiet Göhrde gefahren und anschließend mit dem Auto der ersten Opfer geflüchtet sein, der Komplize könnte den Wagen des Täters umgeparkt haben. Und so ermittelt die Polizei weiter. Friedhofsgärtner Kurt-Werner W. kann für seine Taten nicht mehr belangt werden. Ein möglicher Mittäter schon.

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