Gewalt in Flüchtlingsheimen "Ich hab' ihm mit dem Ellenbogen in die Magengegend gegeben"

Wegen Körperverletzung angeklagt: Fünf ehemalige Wachleute stehen wegen Misshandlung von Flüchtlingen vor Gericht.

(Foto: dpa)
  • Vor dem Amtsgericht Essen sind fünf ehemalige Sicherheitsleute einer Asylunterkunft wegen gefährlicher gemeinschaftlich begangener Körperverletzung angeklagt.
  • Sie sollen im September 2014 zwei Bewohner eines Flüchtlingsheims wegen Kleinigkeiten verprügelt haben.
  • Die Angeklagten geben Schläge zu, wollen aber aus Notwehr gehandelt haben.
Von Jannis Brühl, Essen

Der Algerier springt vom Zeugenstuhl auf. Er packt den Mann, der seine Aussage aus dem Arabischen übersetzt, im Nacken, dreht ihm den Arm auf den Rücken und tut, als würde er ihm wieder und wieder in die Kniekehle treten. Der Zeuge ist aus seiner Heimat geflohen, in einem Gerichtssaal in Essen demonstriert er nun, wie ihn ein Wachmann in der örtlichen Asylbewerberunterkunft die Treppe herunter geprügelt haben soll. Vor dem Amtsgericht sind fünf ehemalige Sicherheitsleute im Alter zwischen 22 und 37 Jahren wegen gefährlicher gemeinschaftlich begangener Körperverletzung angeklagt.

Es ist der erste größere Prozess, in dem die mutmaßliche Gewalt gegen Asylbewerber aufgearbeitet wird, die im September 2014 die Zustände in den Unterkünften zum landesweiten Thema machte. In den nordrhein-westfälischen Orten Bad Berleburg, Burbach und Essen sollen Wachmänner Flüchtlinge misshandelt haben. Die Privatisierung der Flüchtlingshilfe geriet in die Kritik, den Sicherheitsunternehmen wurde gekündigt. Gegen den Heimbetreiber European Homecare wird ermittelt. Das Unternehmen und Politiker versprachen bessere Kontrollen.

Ellenbogen in den Magen - aus Notwehr, sagt der Angeklagte

In Essen geht es um zwei Fälle. Einmal um das, was Zeuge H., 34, als Überfall schildert. Die Angeklagten erzählen etwas anderes: Ein Bewohner soll wegen einer Kleinigkeit Hausverbot für mehrere Stunden erhalten haben. Als er kurz darauf im Zimmer seines Freundes H. erwischt worden sei, mit einem Joint in der Hand, sei dieser sofort auf die Wachleute losgegangen.

Der Angeklagte Christopher K. gesteht: "Ich hab' ihm mit dem Ellenbogen in die Magengegend gegeben." Das sei aber Notwehr gewesen. "Eine Lüge!", ruft der Zeuge H.. Er selbst habe die Zimmertür geöffnet und sofort Faustschläge gegen den Brustkorb bekommen. "Alles an der Brust war blau."

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Ein gefesselter Mann liegt am Boden - den Fuß eines Wachmanns im Nacken: In einer Notunterkunft für Asylbewerber in Nordrhein-Westfalen sollen Sicherheitskräfte einen Flüchtling schwer misshandelt haben. Es ist nicht der einzige Fall, die Polizei ermittelt gegen vier Verdächtige.

Im zweiten Fall zwei Tage später wollte ein marokkanischer Bewohner vergeblich Kaffee aus der bereits geschlossenen Kantine. Weil er sich beim Heimleiter beschwert habe, hätten ihn die Wachleute verprügelt und dann getreten, als er schon auf dem Boden lag. Die behaupten dagegen, sie seien von ihm als Faschisten beschimpft und mit Steinen attackiert worden.

Die Bewohner empfinden die Wachleute als Besatzungsmacht

Die Angeklagten schildern auch ihren Alltag: Neun Euro die Stunde verdienten sie, fünf Wachmänner seien für 400 Bewohner zuständig gewesen. Einer sagt, er habe schon in mehreren Asylbewerberheimen gearbeitet. Aber die Essener Einrichtung sei "extrem" gewesen: "Dort haben die Bewohner mehr dominiert als das Personal." Die Angeklagten seien nicht ausländerfeindlich, sagt ein Verteidiger.

In der Tat wirken sie nicht wie typische Vertreter der rechten Szene. Einer ist arabischstämmig, einer Pole, einer Belgier mit tschetschenischen Wurzeln, einer ein in Kiew geborener Deutscher. Der fünfte trägt ein Tattoo auf dem Handrücken: Hammer und Sichel. Heute sind sie arbeitslos, machen eine Ausbildung zum Tankwart oder arbeiten weiter bei Sicherheitsdiensten - nur nicht in Flüchtlingsheimen.

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Die Richterin wirkt skeptisch. Sie wundert sich, dass der Zeuge H. sich nicht mehr an Schläge gegen seinen Kopf erinnert, die er 2014 zu Protokoll gegeben hat. Zudem ordnete er vor Gericht ein Vergehen einem anderen Wachmann zu als noch vor einem Jahr. Als die Richterin ihn bittet, die Szene auf der Treppe zu beschreiben, bringt er einen überraschenden Vergleich: "wie ein Israeli und ein Palästinenser". Zurück bleiben verstörende Eindrücke aus einem Asylbewerberheim in Deutschland 2014: Wachmänner, die sich völlig überfordert fühlen, und Bewohner, die diese Wachmänner empfinden wie eine Besatzungsmacht.