Germanwings-Katastrophe Die Wahrheit des Günter Lubitz

Am zweiten Jahrestag der Germanwings-Katastrophe tritt der Vater des Kopiloten vor die Presse. Er zweifelt die offizielle Version der Ermittler an: Sein Sohn sei zum Zeitpunkt des Unglücks nicht depressiv gewesen.

Von Oliver Klasen

Um 10.41 Uhr an diesem Freitag sitzen in der Kathedrale im französischen Digne-les-Bains etwa 500 Menschen beisammen. Sie alle wollen heute in der Nähe des Ortes sein, an dem vor genau zwei Jahren ein ihnen geliebter Mensch sein Leben verlor. Sie schöpfen Kraft daraus, diesen Moment gemeinsam zu begehen. Vielleicht weinen sie, vielleicht beten sie. Man weiß es nicht, denn die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen bei diesem Termin, damit die Hinterbliebenen der Opfer von Germanwings-Flug 4U9525 in Ruhe gedenken können.

Um 10.41 Uhr an diesem Freitag - etwa 1400 Kilometer nordöstlich in einem Berliner Hotel - warten Journalisten auf die Pressekonferenz eines Vaters. Als dieser kurze Zeit später vor die Anwesenden tritt, erklärt er, dass die Version der Wahrheit, von der die 500 Menschen in dem Trauergottesdienst und der Rest der Welt überzeugt sind, nicht stimmt. Er erklärt, dass Andreas Lubitz, der Kopilot von Flug 4U9525, das Flugzeug nicht mit Vorsatz und in suizidaler Absicht gegen ein Bergmassiv gelenkt habe. Und er erklärt, dass die zuständigen Staatsanwaltschaften und Flugsicherheitsbehörden sich zu schnell auf eine bestimmte Version festgelegt hätten.

Germanwings-Absturz Germanwings-Copilot trägt alleinige Schuld
Germanwings-Absturz

Germanwings-Copilot trägt alleinige Schuld

Fast zwei Jahre nach dem Absturz stellte die Staatsanwaltschaft fest: Weder der Familie noch Vorgesetzten oder Ärzten von Andreas Lubitz kann ein Vorwurf gemacht werden.   Von Hans Leyendecker

Niemand versteht, was Günter Lubitz, den Vater von Andreas Lubitz, bewogen hat, sich ausgerechnet am Jahrestag der Katastrophe zu Wort zu melden. Es ist kein kleiner Auftritt, Lubitz spricht in einem Konferenzsaal vor mehr als 100 Journalisten. Der Termin wurde ein paar Tage zuvor angekündigt, außerdem hat Lubitz der Zeit ein Interview gegeben, in dem er die Öffentlichkeit vorbereitet hat auf das, was er an diesem Freitag sagen würde.

"Geschmacklos" nennt Opferanwalt Elmar Giemulla Lubitz' Verhalten. Giemulla vertritt mehrere Hinterbliebene des Unglücks und sagt, es sei unverantwortlich, "sich genau auf die Sekunde zu dem Zeitpunkt äußern zu wollen".

Lubitz spricht trotzdem. Seine Familie müsse damit leben, dass der Sohn in den Medien als "dauerdepressiv dargestellt" werde. Zum Zeitpunkt des Absturzes habe Andreas Lubitz allerdings gar nicht an einer Depression und an suizidalen Absichten gelitten. Er sei im Gegenteil "lebensbejahend" gewesen. Die Ärzte habe er Ende 2014/Anfang 2015 "ausschließlich wegen seines Augenleidens" aufgesucht. Lubitz wirkt äußerlich gefasst bei dem Auftritt. Er spricht ruhig, liest das Statement vom Blatt ab, einmal ringt er mit sich. Alles an ihm sagt: Ich muss das Bild meines Sohnes geraderücken.

Dieses Bild entstand schnell nach der Katastrophe: Zwei Tage nach dem Absturz hatte sich Brice Robin, der zuständige Staatsanwalt von Marseille, festgelegt. Die Auswertung des Stimmenrekorders lasse nur eine Interpretation zu: Andreas Lubitz habe gezielt gehandelt. Sein Verhalten in den letzten Minuten vor dem Absturz zeige, dass er "den Willen hatte, das Flugzeug zu zerstören", so der Staatsanwalt damals.

Isoliert von den anderen Angehörigen

Wochenlang wurde das Haus der Familie Lubitz im rheinland-pfälzischen Montabaur in der Zeit danach von Reportern und Kamerateams belagert. In Zeitungsartikeln wurden private Fotos, Familiengeschichte, Liebesleben und Krankenakten ausgebreitet, man suchte nach Anzeichen, aus denen sich die monströse Tat ableiten ließ. Familie Lubitz hat das alles stumm ertragen. Sie hat akzeptiert, dass sie in ihrer Trauer isoliert ist von den anderen Angehörigen. Bei der großen Gedenkveranstaltung im Kölner Dom, wenige Wochen nach der Katastrophe, brannten zwar 150 Kerzen, auch eine für den Kopiloten, doch Günter Lubitz und seine Frau erschienen nicht.

Vor knapp einem Jahr, kurz nach dem ersten Jahrestag der Katastrophe, schalteten sie dann in einer Regionalzeitung eine Traueranzeige und bedankten sich "bei allen Menschen in Montabaur" für die Unterstützung und Anteilnahme am Tod ihres Sohnes. Die anderen 149 Menschen, die an Bord von Flug 4U9525 saßen, kamen nicht vor in der Anzeige. Von "Ignoranz und Pietätlosigkeit" sprach anschließend einer der anderen Hinterbliebenen.

Die Pressekonferenz ist das zweite Mal, dass Günter Lubitz an die Öffentlichkeit geht. Den Fragen der Journalisten stellt er sich nicht alleine, sondern zusammen mit zwei Anwälten und dem Berliner Luftfahrtexperten Tim van Beveren. Den hat Lubitz hat ein paar Monaten um Hilfe gebeten. Van Beveren, Autor, Fachjournalist, Gutachter und selbst Pilot, hat sich durch Akten gewühlt, Ärzte befragt und Nachforschungen bei Germanwings und bei der Bundestelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig angestellt. Akribisch referiert er vor den Journalisten jedes Detail, das seiner Meinung nach Fragen aufwirft in den Ermittlungsergebnissen. Seine Schlussfolgerung: Für die Schuld von Andreas Lubitz am Absturz der Germanwings-Maschine gibt es keinen Beweis.