Prozess in Köln Wem gehört Gerhard Richters Müll?

Gerhard Richters wertvollstes Gemälde wurde für knapp 29 Millionen Euro versteigert.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Ein Gericht verurteilt einen Mann, weil er vier Skizzen aus der Papiertonne des teuersten noch lebenden Malers gefischt hat.

Von Jana Stegemann, Köln

Richterin Katharina Potthoff holt eine Schere, anders bekommt sie das verklebte und mit Luftpolsterfolie umwickelte Paket nicht auf. Dann liegen zwei postkartengroße Skizzen auf dem Tisch. Was diese wert seien, fragt die Richterin Dietmar Elger, der seit 2006 das Gerhard-Richter-Archiv an der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden leitet. "Auf dem seriösen Kunstmarkt sind sie wertlos", antwortet der 61-Jährige, ergänzt aber: "Ich hätte sie vielleicht nicht weggeschmissen."

Der teuerste noch lebende Künstler der Welt, Gerhard Richter, tat aber genau das an einem Julitag 2016; er empfand vier Skizzen als "misslungen" und entsorgte sie in seinem Altpapiercontainer, den er dann sogar persönlich auf seinem Grundstück im Kölner Villenviertel Hahnwald für die Müllabfuhr bereitstellte.

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Donnersmarck hatte sich für seinen Film "Werk ohne Autor" lose an der Lebensgeschichte des Malers angelehnt. Richter wirft ihm nun vor, seine Biografie missbraucht zu haben.

Was dann passierte, war am Mittwoch Gegenstand einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Köln, wo es strafrechtlich um die beiden Fragen ging: Ist es Diebstahl, den Müll anderer Leute mitzunehmen? Und wem gehört Gerhard Richters Müll? Der 49 Jahre alte Angeklagte wurde wegen Diebstahls zu 3150 Euro Strafe verurteilt.

Seine Version: Wegen eines Sturms sei Richters Papiertonne umgekippt

Die Version des angeklagten Michael W. aus München ging so: Wegen eines Sturms sei Richters Papiertonne umgekippt, Altpapier habe auf dem Boden gelegen, auch die vier Skizzen. Er habe die Tonne aufgehoben ("Ich wollte etwas Gutes tun, im Sinne von Aufräumen") und die Bilder an sich genommen. Bei seiner Vernehmung sagte W., dass er sich keiner Schuld bewusst sei. Was ihn zu der Villa führte? Er habe die Ehefrau des Künstlers treffen wollen, die Malerin Sabine Moritz, weil er der Familie eine Kunstmappe mit frühen Werken von Moritz habe verkaufen wollen. Er habe aber nur den Sohn zu Hause angetroffen. Von einem anderen Gespräch mit Gerhard Richter sei er "erbost" nach Hause gefahren, hatte der Angeklagte ausgesagt.

Ein Jahr später bot W. zwei der Skizzen bei einem Münchner Auktionshaus zum Verkauf an; auch mit dem Gerhard-Richter-Archiv in Dresden trat W. in Kontakt und behauptete, drei Skizzen von einem Künstler bekommen zu haben, der sie wiederum von Richter als Geschenk erhalten habe. Doch Dietmar Elger glaubte W. nicht: "Es kam mir von Anfang an komisch vor, weil solche Skizzen niemals Richters Atelier ohne Rahmung und Signatur verlassen hätten." Die Staatsanwaltschaft Köln schätzt den Wert der Skizzen auf 60 000 Euro.

Richter ist bekannt dafür, sehr streng mit seiner Kunst zu sein. Er müsse an einem Bild arbeiten, bis es die Wahrheit erzähle, hat der gebürtige Dresdner einmal gesagt. Allein in den Sechzigerjahren zerstörte Richter 100 Bilder, weil sie seinen hohen Ansprüchen nicht genügten. Dass diese Werke heute wahrscheinlich mehr als eine halbe Milliarde Euro wert wären, interessiert ihn nicht. "Der Kunstmarkt hat sich irrsinnig entwickelt", sagte Richter 2015 der Zeit. Es sei beängstigend, dass sogar von ihm signierte Postkarten Höchstsummen erzielten. 2013 war Richters bisher teuerstes Gemälde "Domplatz, Mailand" aus dem Jahr 1968 für knapp 29 Millionen Euro versteigert worden.

"Ich bin kein Verbrecher. Ich wollte es friedlich lösen"

Über die vier Skizzen aus dem Papiermüll sagte der 87-Jährige bei seiner polizeilichen Vernehmung: "Ich möchte einfach nicht, dass sie auf dem Kunstmarkt existieren." An einer strafrechtlichen Verfolgung habe er jedoch kein Interesse, ließ der Künstler mitteilen, der aus gesundheitlichen Gründen nicht als Zeuge vor Gericht erschien. Er bat um Herausgabe der Bilder.

In seinem Schlusswort sagte der Angeklagte: "Ich habe mehrmals versucht, mit dem Künstler Kontakt aufzunehmen, um mit ihm zu klären, ob mein Vorgehen so in Ordnung ist. Ich bin kein Verbrecher. Ich wollte es friedlich lösen." Richterin Potthoff begründete ihr Urteil so: "Die Skizzen standen auch im Papiermüll noch im Eigentum des Künstlers. Er hatte den Willen, die Bilder zu entsorgen." Drei der Skizzen werden eingezogen.

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