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Unglück in Genua: "Die Brücke stand für die Moderne"

Ein Jahr nach dem verheerenden Brückeneinsturz von Genua

Nach dem Einsturz eines Teils der Morandi-Brücke wurde der Rest gesprengt.

(Foto: dpa)

Ein Jahr nach dem Einsturz des Ponte Morandi in Genua sind viele Fragen zum Unglück noch offen. Eine Architekturhistorikerin erklärt, was die Brücke für die Anwohner bedeutete - und für ganz Italien.

43 Menschen starben, als am 14. August 2018 ein Teil des Ponte Morandi in Genua zusammenstürzte. Ein Jahr danach sind die Reste der Autobahnbrücke abgerissen, der Bau der Nachfolger-Brücke läuft. Viele Fragen zum Unglück sind immer noch offen. Gegen 71 Personen wird mittlerweile ermittelt. Einig sind sich die meisten aber darin, dass der Bogen über das Polcevera-Tal mehr war als eine Brücke. Architekturhistorikerin Marzia Marandola arbeitet an der Universität La Sapienza in Rom und gilt als Expertin für den Bauingenieur Riccardo Morandi, nach dem das Bauwerk benannt war.

SZ: Frau Marandola, welche Bedeutung hatte die Morandi-Brücke für Italien?

Marzia Marandola: Sie war einzigartig. In den Sechzigerjahren, als die Brücke über das Polcevera-Tal gebaut wurde, gab es viel Experimentierfreude in Italien. Brücken hatten Namen statt Nummern, jede wurde anders gebaut. Sie sollten technisch innovativ sein und gleichzeitig elegant. Bei dem Entwurf Morandis für die Brücke in Genua ist das herausragend gelungen.

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Man war stolz darauf?

Absolut. Zudem gab der Autobahnbau vielen Menschen Arbeit. Der alles lähmende Krieg war vorbei, man blickte optimistisch in eine Zukunft, in der alles besser werden sollte. Damals stritten sich Orte darum, die Autobahn möglichst nah bei sich zu haben. Italien war ein landwirtschaftlich geprägtes Land, in dem man sich nicht so leicht vorwärts bewegte. Autobahn, das stand dafür, schnell in Neapel oder Mailand sein zu können, mit der Welt verbunden zu sein. Die Brücke stand für die Moderne.

Und was bedeutete sie für die Anwohner?

Die Brücke hat einer ganzen Gegend eine Identität gegeben. Sie wurde über Häuser gebaut, und am sichtbarsten ist sie natürlich von der Stadt aus. Nicht für den, der darüber fährt. Nach dem Einsturz war ich für eine Konferenz über Riccardo Morandi in Genua, ehrlich gesagt war mir etwas unwohl davor. Schließlich ist es eine unfassbare Tragödie. Aber dabei hat sich gezeigt: Die Anwohner identifizierten sich stark mit der Brücke. Die verstanden sich nicht als arme Leute unter der Brücke, sondern hatten einen gewissen Stolz, unter einem Meisterwerk zu wohnen. Die wenigsten von ihnen wollten wegziehen aus dem Viertel, auch wenn sie es sich längst leisten konnten. Viele waren auch für einen Wiederaufbau statt eines Neubaus.

Nach dem Unglück mussten sie wegziehen, ihre Häuser sind zerstört. Nun ist eine neue Brücke im Bau. Kann sie wieder ein Identifikationssymbol werden?

Wenn ich mir die Entwürfe so ansehe: nein. Aber es ist natürlich verständlich, dass man so schnell und einfach wie möglich einen Ersatz braucht. Das kann von vornherein kein so außergewöhnliches Projekt werden. Viele waren beruhigt, als man den Architekten Renzo Piano verpflichtete. Es gab schon Zweifel, ob und wann und wie überhaupt eine neue Brücke gebaut wird, aber Piano gilt vielen als Garant, weil er seine Bauwerke fertigstellt.

Blickt man heute einfach anders auf Betonbauten?

Man empfand das in der Nachkriegszeit nicht so, dass eine Brücke aus Beton die Landschaft verschandelt. Heute dagegen gilt Beton als Feind, der bekämpft werden muss. Und wir in Italien sehen die Zukunft nicht mehr so positiv. Man baut heute einfach und sicher, wofür es gute Gründe gibt. Es ist aber auch ein Zeichen für ein geringes Vertrauen in die Zukunft.

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Nach dem Einsturz wurde Kritik an der Bauweise laut, manche gaben Morandi die Schuld. Weitere seiner Bauwerke wurden überprüft.

Glücklicherweise! Aber man kann nicht den Ingenieur verantwortlich machen dafür, dass das allzu lang nicht passiert ist. So ein besonderes, experimentelles Bauwerk hat eben besondere Erfordernisse in der Erhaltung. Heute würde man anders bauen. Zuletzt floss ein Verkehr über die Brücke, mit dem Morandi nie gerechnet hätte, allein schon vom Gewicht her. Beton ist immer noch ein relativ neues Material für die Baugeschichte. Wie es altert, wissen wir nur durch diese Brücken. Das entbindet natürlich niemanden von der Verantwortung, sie zu erhalten. Wie sehr die Brücke in Genua vernachlässigt wurde, hat man auch in den Trümmern erkennen können. Und diese Vernachlässigung war eine politische Entscheidung.

Dabei müsste man meinen, dass Italien mit seinen vielen bedeutenden Bauwerken und Kulturgütern sich auskennt mit der Erhaltung.

Denkmalpflege ist sehr wichtig in der italienischen Kultur. Deswegen hat es etwas besonders tragisches, wenn ich heute an der Universität die Einzigartigkeit dieser Brücke unterrichte. Schon seit Jahren haben wir Forscher darauf hingewiesen, dass sie besondere Aufmerksamkeit braucht. Alle großen Bauwerke brauchen ständige Pflege und Kontrolle, nicht nur der Petersdom.

Bei einzigartigen Brücke in Italien denkt man auch eher erst mal an den Ponte Vecchio in Florenz oder den Ponte di Rialto in Venedig. Konzentriert man sich zu sehr auf die Antike?

Die hat eine gewisse Vorherrschaft in der öffentlichen Wahrnehmung Italiens. Abgesehen davon, dass diese Beispiele Fußgängerbrücken sind: Bei einer antiken römischen Brücke zieht niemand in Zweifel, dass sie ein schützenswertes Kulturgut ist. Aber da verschiebt sich in den vergangenen Jahren auch etwas. In der Forschung jedenfalls widmet man sich mehr und mehr der Nachkriegszeit.

Hat sich seit dem Einsturz etwas geändert?

Das ist meine einzige Hoffnung, wenn man aus der Katastrophe irgendetwas Positives ziehen kann: dass mehr Bewusstsein entsteht dafür, wie wichtig Instandhaltung ist. Dabei hätte jeder das auch ohne den Einsturz wissen können. Mit der Erhaltung von Kulturgütern ist es leider so wie mit Bildung auch: Es ist enorm wichtig, in sie zu investieren - nur sieht man den Effekt nicht sofort.

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