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Frost in Europa:Kuriose Kämpfe gegen die Kälte

Es ist kalt in Europa, so kalt, dass auf Seen Enten festfrieren und Paddler auf Flüssen. Warum Faschingskostüme unter Umständen besser gegen Kälte schützen als Fön, Feuer und Wodka: kuriose Nachrichten der aktuellen Eiszeit.

Der Schnee-Schlamassel, der derzeit weite Teile Europas erlahmen lässt, stellt nicht etwa den Konsens über die globale Erwärmung in Frage. Nein, die langfristige Klimaentwicklung ist sogar schuld an den frostigen Temperaturen: Wissenschaftlern des Potsdamer Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Potsdam zufolge liegt eine Ursache für den frostigen europäischen Winter in einem besonders warmen arktischen Sommer (der viertwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen): Weil ungewöhnlich viel Eis geschmolzen ist, kam mehr warme Luft in die Atmosphäre. Die üblichen Wettersystem-Mechanismen wurden durcheinandergebracht - und die Hochs Cooper und Dieter konnten so sibirische Luft nach Europa tragen.

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Taufpate für Dieter, der auf das BMW-gesponsorte Hochdruckgebiet Cooper folgte und die Temperaturen unten hält, ist übrigens die Karnevalsgesellschaft Narhalla aus dem baden-württembergischen Philippsburg. Die konstant zweistelligen Minusgrade lassen die Nachfrage nach plüschigen Kostümen in die Höhe schnellen, vermeldet derweil der Fachhandel. "Tiere gehen besser als sonst, besonders Tiger und Löwen", gab der Betreiber eines Kölner Fachgeschäfts zu Protokoll.

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Vielleicht hätte Scarlett Johannson ein künstliches Tigerfell in Betracht ziehen sollen, ehe sie im dünnen, schwarzen Abendkleid zur Verleihung der Goldenen Kamera über den Roten Teppich lief. "Ich glaube, ich muss wiederkommen, wenn ich die Temperaturen besser vertrage", sagte Johansson am Rande der Preisverleihung am vergangenen Samstag. "Ich habe gehört, dass es hier eine aufregende Kunst- und Musikszene gibt." Dabei wäre eine Scarlett im Schafspelz sicher der absolute Hingucker.

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Nicht nur die Produzenten von flauschigen Bären- und Hasenoveralls, auch die tschechischen Winzer jubeln ob der klirrenden Kälte: "Gottseidank! Heute hat es minus 13 Grad", diktierte Antonin Zatloukal einem Reporter der Nachrichtenagentur AP in den Block (wobei zu hoffen ist, dass der Journalist einen Bleistift bei sich hatte, können Kugelschreiber bei diesen Temperaturen doch schon mal den Geist aufgeben). Für den teuren, süßen Eiswein bietet der Winter 2012 genau das richtige Wetter. Wenigstens ein Landwirtschaftszweig, der sich über die Kälte freut.

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Andere Branchen hadern hingegen mit dem Frost: Ein mobiler Würstchen-Griller aus dem fränkischen Hof etwa musste den Betrieb einstellen, nachdem Senf, Ketchup und Brötchen eingefroren waren. Der Weg zur letzten Ruhe ist derzeit auf vielen Friedhöfen äußert geräuschvoll: Dort heben die Bestatter Gräber mithilfe von Presslufthammern aus. Leiser funktioniert es in Berlin: Dort wird auf neuen Gräbern ein Feuer entfacht, "eine Haube über die Glut gestülpt und gewartet, bis der darunter liegende Boden schmilzt", erläuterte Michael Albrecht vom deutschen Friedhofsverwalterverband Spiegel Online.

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Die Feuerwehren müssen bei Löscharbeiten zur Zeit nicht nur darauf achten, dass das Wasser am Laufen bleibt - wenn es fließt, kann das auch fatale Folgen haben: "Das Löschwasser läuft meist direkt auf angrenzende Straßen und gefriert dort sehr schnell zu einer dicken Eisschicht", erläutert Heino Kalkschies, Landesbrandmeister in Mecklenburg-Vorpommern. Kalkschies' Kollegen in Bayern haben ihr Tätigkeitsfeld dem Wetter angepasst: In Niederbayern wurden sie am Wochenende gerufen, um eine festgefrorene Ente am Ufer des Flusses Rott zu befreien. Als die Feuerwehr an der Unglücksstelle eintraf, hatte sich das Tier allerdings bereits durch Gezappel und Getrete selbst vom Eis gelöst. Nicht ohne fremde Hilfe konnte sich dagegen am Samstag ein Paddler auf der Elbe in Sicherheit bringen: Er blieb in den Eismassen einfach stecken und musste von der Küstenwache gerettet werden.

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Neue Einsatzgebiete auch für Polizisten und Bahnangestellte in München: Dort sind Lokführer derzeit auch nachts im Einsatz, um Züge auf ihren Abstellgleisen hin und her zu rangieren, damit wichtige Maschinenteile nicht festfrieren.

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Polizisten, ganz Freund und Helfer, unterstützten einen feierfreudigen 16-Jährigen in der bayerischen Haupstadt indes bei der Suche nach seiner verlorenen Jacke - auf dass der Heimweg nicht ganz so frostig wurde. Vollkommen abhängig von wintertauglicher Hightechfaser ist allerdings nicht nur der verwöhnte Mensch (was den Einzelhandel freut): Auch wärmende Hundekleidung findet reißenden Absatz. Besonders beliebt seien derzeit Jacken mit Kapuzen und Fellkragen, berichtet Annette Meißner-Klein, Hundebedarfshändlerin aus Berlin-Schöneberg, die sich über die explodierende Nachfrage freut.

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Wer schon das ein wenig bizarr findet, der dürfte bei Berichten aus Moskau erst recht ins Staunen geraten. Im dortigen Zoo sollen die Elefanten zum Schutz vor dem Frost gleich eimerweise verdünnten Wodka erhalten (obgleich auch in Russland der wärmende Schnaps ein Mythos ist und Alkoholgenuss noch stärker frieren lässt). So manches scheint in Russland anders zu funktionieren - zumindest, wenn man den Erinnerungen des britischen Reporters Michael Hanlon an seine Sibirien-Reise Glauben schenkt: "Menschen machen nachts Feuer unter ihren Autos, um Öle und Benzin flüssig zu halten", schreibt Handlon in der Daily Mail, "manchmal mit den vorhersehbaren und bedauernswerten Folgen." Eine ganz ähnliche Idee hatte ein Mann im niederbayerischen Feldkirchen. Er versuchte, eine eingefrorene Dieselleitung mit einem Fön aufzutauen - und jagte sein Auto in die Luft. Die bedauernswerten Folgen: leichte Brandverletzungen, eine Rauchvergiftung - und 25.000 Euro Schaden.

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Bei all diesen verborgenen Gefahren, die neben den offensichtlichen (Knochenbrüche, Erfrierungen) derzeit draußen lauern, bleibt nur: Ab ins Warme! Dumm nur, wenn der nächsten Skihütte schon am Vormittag die Gläser ausgehen - wegen der Flut ausgefrorener Wintersportler. So geschehen am vergangenen Wochenende im Zillertal. Also am besten gleich zu Hause bleiben. Die Heizung ist kaputt? "Wer als Mieter plötzlich in der Kälte sitzt, sollte sofort seinem Vermieter Bescheid geben", sagt Dietmar Wall. Ist weder der noch ein Handwerker zu erreichen, dürfe man notfalls auch in ein Hotel umziehen - auf Kosten des Vermieters.

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Solche Nachrichten dürften in Indonesien für große Erleichterung sorgen. Dort sorgt man sich nämlich sehr um das Wohlergehen der Expats im eisigen Europa. "Es gibt 55 Menschen indonesischer Nationalität in der Ukraine", berichtete die dortige Botschafterin des fernöstlichen Landes der Jakarta Post. "Aber - Gott sei Dank - es geht ihnen allen gut. Wir haben ein Auge auf sie." Auch der russische Botschafter gibt in dem ausführlichen Bericht Entwarnung: Unter den vielen Kältetoten im Land befinde sich keiner der 400 Indonesier. In Jakarta werden derzeit 27 Grad gemessen. Über null.

© Süddeutsche.de/leja/jobr/gba
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