Studie Mehr als Angela Merkel, Disziplin und Nationalsozialismus?

Die deutsche und die französische Flagge kreativ von einer Obst- und Gemüsefachkraft in Szene gesetzt - gesehen in einem Stuttgarter Supermarkt anlässlich eines Fußballspiels der Nationen gegeneinander.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)
  • Eine Umfrage hat untersucht, welches Image Deutschland in Frankreich hat.
  • Häufigste Assoziation der Franzosen mit ihrem Nachbarland ist demnach Kanzlerin Angela Merkel, gefolgt von Begriffen wie "Europa", "Strenge", "Disziplin", "Krieg" und "Hitler".
  • Bei den befragten Franzosen im Alter unter 24 Jahren bahnt sich ein Imagewandel Deutschlands an - hin zu einem Bild, das mehr von Sympathie und Attraktivität getragen ist als von distanziertem Respekt.
Von Leo Klimm

"Angela Merkel macht alles platt", sagt Jérôme Fourquet. Angela Merkel ist Deutschland, Deutschland ist Angela Merkel. Jedenfalls in den Köpfen der Franzosen: Als der Demoskop Fourquet mit seinem Team vom Pariser Institut Ifop jüngst eine repräsentative Umfrage zum Image Deutschlands in Frankreich machte, da kam den Befragten am häufigsten die Bundeskanzlerin in den Sinn. Mit weitem Abstand führt sie das Ranking der Assoziationen an, die Franzosen spontan zu Deutschland einfallen.

Aus deutscher Sicht sollte man damit vielleicht ganz zufrieden sein - bedenkt man, welche weiteren Begriffe sich auf den vorderen Plätzen finden. Neben "Europa" sind das vor allem Worte wie "Strenge", "Disziplin", "Krieg" und "Hitler". Besonders auffallend: Bei den jungen Franzosen im Alter unter 24 Jahren, deren Ansichten seperat erfasst wurden, ist das Image eines strengen, freudlosen Landes zwar viel weniger verbreitet als in der Gesamtbevölkerung. Dafür denken sie deutlich häufiger an die Nazi-Zeit, wenn von Deutschland die Rede ist.

Fourquet hat dafür eine simple Erklärung: "Solche Assoziationen werden vom Geschichtsunterricht bestimmt, der frischer im Gedächtnis ist." Was wiederum die Frage aufwirft, ob an Frankreichs Schulen auch andere Dinge zu Deutschland gelehrt werden als das Nazi-Kapitel. Tröstlich immerhin: Knapp hinter den bösen Worten tauchen bei den Jungen mit "Berlin" und "Bier" zwei positiv besetzte Begriffe auf. Und trotz allem ist es die junge Generation, die die deutsch-französische Beziehungen auffrischen könnte.

Wirtschafts- und Finanzpolitik Deutschland ist mit schuld an der Misere in Paris
Französisches Defizit

Deutschland ist mit schuld an der Misere in Paris

Frankreich musste mehr neue Schulden machen als erwartet. Das liegt auch an der Bundesregierung: Sie rivalisiert mit dem Nachbarland statt gemeinsam am Erfolg der EU zu arbeiten.   Kommentar von Cerstin Gammelin

Die Umfrage, die im Auftrag der deutschen Botschaft in Paris erhoben wurde, wird zu einem Schlüsseltermin dieser Beziehungen öffentlich gemacht. Am 22. Januar unterzeichnen Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron in Aachen einen Vertrag, mit dem sie die Freundschaft der zwei für Europa so zentralen Staaten ganz offiziell erneuern und vertiefen wollen. Er ergänzt den Elysée-Vertrag von 1963, mit dem einst die Aussöhnung besiegelt wurde. Aus der Umfrage wird klar, dass das frühere Powerpaar Europas neuen Elan dringend braucht.

Nicht unbedingt, weil in französischen Köpfen das Klischee der ordnungsliebenen, arbeitsamen Deutschen so dominant wäre. Auch nicht, weil der Aufstieg der AfD zu einer Abkehr führen würde, selbst wenn er in Frankreich Sorge auslöst; das Land, in dem Marine Le Pen die derzeit stärkste politische Kraft anführt, hat in Sachen Rechtsextremismus wenig Lektionen zu erteilen. Die Umfrage zeichnet insgesamt außerdem ein viel positiveres Deutschland-Bild der Franzosen, als es die spontanen Assoziationen erwarten lassen: 84 Prozent geben an, sie hätten alles in allem eine gute Meinung zum Nachbarn jenseits des Rheins, mit dem sie eine wechselvolle Geschichte verbindet. Dieser Wert ist seit Jahren stabil.

Imagewandel Deutschlands

Doch wenn Meinungsforscher Fourquet die Umfrageergebnisse speziell zum deutsch-französischen Verhältnis auswertet, stellt er auf lange Sicht eine gewisse Ermüdung fest, auch auf der Ebene der Bürger. "Die Dinge haben sich normalisiert - vielleicht ein bisschen zu sehr", sagt Fourquet. "Der besondere Charakter des Verhältnisses als zentrale Antriebskraft in Europa erscheint manchen nicht mehr so wichtig." In Deutschland, sagt Fourquet, sei diese Tendenz noch stärker - wenngleich die Deutschen in einer ähnlichen Umfrage vor ein paar Jahren mit "Paris, Stadt der Liebe" und "Wein" spontan noch ganz und gar positive Frankreich-Klischees nannten. Vor allem junge Menschen seien es, die dem jeweiligen Partnerland nicht mehr unbedingt eine privilegierte Stellung einräumen wollten. Die Statistiken zeigen auch, dass die Sprache des jeweils anderen Landes in den Schulen immer weniger gelernt wird.

Von einem Bruch der jungen Franzosen mit Deutschland kann trotzdem keine Rede sein. Im Gegenteil. Die Dinge sind komplex, um nicht zu sagen paradox: Gerade bei den Befragten im Alter unter 24 Jahren bieten sich Ansatzpunkte für einen Imagewandel Deutschlands - hin zu einem Bild, das mehr von Sympathie und Attraktivität getragen ist als von distanziertem Respekt. Vor allem die Szene-Metropole beeinflusst die Wahrnehmung schon in diese Richtung, sagt Fourquet. Zwar gelten weiter wirtschaftliche und politische Macht in Frankreich generell als die Stärken Deutschlands. Die Jungen sehen es aber viel häufiger auch als ein Land mit kultureller Strahlkraft als die Bevölkerung insgesamt. Zugleich würden immerhin elf Prozent der Jugendlichen "sehr gern" in Deutschland arbeiten. Unter allen Befragten liegt dieser Wert bei nur sechs Prozent. Mit 35 Prozent haben auch mehr Junge "sehr viel" Lust, Deutschland zu bereisen.

"Das Image Deutschlands in Frankreich verändert sich," sagt Fourquet. "Das muss begleitet werden." Ersatz für Angela Merkel muss her. Für den Moment, an dem sie imagemäßig nicht mehr alles plattmacht.

Studie Deutschland hat die besten Jobs - und die unfreundlichste Bevölkerung

Studie

Deutschland hat die besten Jobs - und die unfreundlichste Bevölkerung

Die Bundesrepublik liegt einer Studie zufolge nur auf Platz 17 der beliebtesten Ziele für Auswanderer. Es werden zwar sehr gute Jobs angeboten, die Eingewöhnung fällt aber schwer.   Von Titus Arnu