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Flüchtlinge in Deutschland:Wie Sara Mardini in die Freiheit schwamm

Die Schwimmerin Sara Mardini kann nun Wirtschaft und Politik in Berlin studieren.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Die Sportlerin floh aus Syrien nach Deutschland. Dann ging sie als Flüchtlingshelferin nach Lesbos und kam ins Gefängnis. Jetzt ist sie wieder nach Berlin zurückgekehrt und darf ihr Studium beginnen.

Die Studentin wirkt gelöst, als sie das erste Mal an ihrer Berliner Uni ist. Sie kann endlich das tun, was sie schon lange tun wollte, Wirtschaft und Politik studieren. Dass sie ihr Semester erst Mitte Dezember beginnt, liegt daran, dass die 23-Jährige keine gewöhnliche Studentin ist. Sara Mardini ist Schwimmerin und stammt aus Syrien, während ihrer Flucht in einem Schlauchboot rettete sie mehreren Menschen das Leben, wofür sie in Deutschland mit dem Bambi ausgezeichnet wurde, als "stille Heldin". Und zu ihrem ersten Unitag kommt Sara Mardini aus Griechenland, wo sie in den vergangenen Monaten im Gefängnis saß.

Sara Mardinis Geschichte ist so lang und hat so viele Wendungen, dass man am besten ganz hinten anfängt. An jenem Augusttag 2018, als sie auf der Insel Lesbos festgenommen wurde, wo sie ehrenamtlich für eine Hilfsorganisation arbeitete. Mardini nahm die Bootsflüchtlinge in Empfang, wenn sie an der Küste strandeten, brachte sie in eines der Lager auf der Insel, dolmetschte, spielte mit den Kindern. Doch für die griechischen Behörden war sie eine Kriminelle. Zusammen mit drei Dutzend Helfern kam sie in Untersuchungshaft, die Vorwürfe lauteten Menschenschmuggel, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche und Spionage. Mardini soll mit Schleusern zusammengearbeitet und sich mit ihnen auf verschlüsselten Kanälen ausgetauscht haben, um Menschen illegal nach Lesbos zu bringen.

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Gegen eine Kaution von 5000 Euro kam sie frei

Seit vergangener Woche ist klar, dass von den Vorwürfen nicht viel übrig ist. Mardini wurde gegen 5000 Euro Kaution auf freien Fuß gesetzt und durfte zurück nach Deutschland, wo sie mit ihrer Familie seit 2015 lebt. Und so kommt sie nun Mittwochmorgen in einen Seminarraum des deutsch-amerikanischen Bard College in Berlin-Pankow. Dort hat sie ein Stipendium. Erst aber beantwortet sie noch die Fragen von Journalisten, die aus aller Welt gekommen sind, um ihre Geschichte zu hören.

Mardini, kurzes schwarzes Haar, gepiercte Nase, sitzt neben ihrem griechischen Anwalt, immer wieder zieht sie ihre schwarze Lederjacke vor der Brust zusammen, als wolle sie sich vor der Öffentlichkeit wappnen. Denn eigentlich ist sie es nicht gewohnt, im Licht zu stehen, diese Rolle war immer ihrer kleinen Schwester vorbehalten. Die Schwimmerin Yusra Mardini startete ein Jahr nach der gemeinsamen Flucht bei den Olympischen Spielen, sie traf Barack Obama und den Papst, ist jüngste Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks. Sara Mardini wäre auch gerne Sportlerin geblieben, doch auf ihrer monatelangen Flucht über das Mittelmeer, den Balkan, Ungarn und Österreich verletzte sie sich und musste das Schwimmen aufgeben. Und so ging sie dorthin zurück, wo sie selbst 2015 als Flüchtling gestrandet war, nach Lesbos. Sie weiß noch gut, wie sie und ihre Schwester dort durchgefroren und ohne Schuhe aus dem Wasser stiegen und eine Flasche Wasser kaufen wollten. Man gab den Mädchen keine, obwohl sie Geld hatten.

Solche Erfahrungen wollte sie anderen Flüchtlingen ersparen. Anfangs war Mardini als Rettungsschwimmerin im Einsatz, wie schon während ihrer eigenen Flucht, als am Schlauchboot der Motor ausfiel und sie mit ihrer Schwester und anderen ins Meer sprang und es schwimmend über Wasser hielt. Später kaufte sie mit gesammeltem Geld Waschmaschinen, damit die Flüchtlinge in den Camps ihre Kleidung waschen können. Sie sei stolz darauf, was sie erreicht habe, sagt Mardini. "Meine Erfahrung war ungewöhnlich, aber sie hat uns auch Respekt eingebracht."

Show - Bambi Awards 2016

Sara Mardini (rechts) mit ihrer Schwester Yusra Mardini bei der Bambi-Preisverleihung 2016 in Berlin.

(Foto: Getty Images)

Tatsächlich hat der Fall einmal mehr das Augenmerk auf die zahlreichen NGOs und Seenotretter gelenkt, die an den EU-Außengrenzen tätig sind. Auf die Hilfe, die sie leisten, gerade auf einer Insel wie Lesbos, auf der noch immer Tausende Flüchtlinge in dünnen Zelten hausen. Aber auch auf die Grauzone, in der sie sich bewegen. Mardinis Anwalt Zacharias Kesses sagt, es gehe den Behörden zunehmend darum, die Arbeit der Helfer zu kriminalisieren, "da braucht es Reaktionen auf europäischer Ebene".

Mardini habe alle Vorwürfe widerlegen können

In den kommenden Monaten wird in Griechenland nun entschieden, ob gegen Mardini und die anderen Freiwilligen Anklage erhoben wird. Kesses ist optimistisch, dass es nicht dazu kommt. Mardini habe alle Vorwürfe widerlegen können, sagt Kesses, weder in den ausgewerteten Handydaten noch in den Bankunterlagen seien Hinweise gefunden worden, dass die Helfer gemeinsame Sache mit Schleusern machten. Und selbst ein Mitarbeiter des EU-Grenzschutzes Frontex habe ausgesagt, dass die Helfer nicht ohne Absprachen mit den Behörden gehandelt hätten.

Und Sara Mardini? Sie wolle jetzt erst mal studieren, sagt sie. Und ansonsten weiter als Flüchtlingshelferin arbeiten. Vielleicht eines Tages auch wieder auf Lesbos, dem Ort ihrer Geschichte.

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