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Falscher Minister in China:Der talentierte Herr Zhao

Zhao Xiyong als Vizeminister China

"Wirklichkeitsgetreues Gehabe": Zhao Xiyong als Vizeminister.

(Foto: AFP)

Er schnitt rote Bänder durch, hielt Reden, saß bei Banketten auf dem Ehrenplatz: Drei Jahre lang trat ein Chinese als Vizeminister aus Peking auf. Als er aufflog, war die Enttäuschung größer als die Empörung: Man brauche mehr Männer wie ihn in der Verwaltung, finden viele.

Man könnte ihn natürlich fragen. Wenn er nicht verschwunden wäre, abgetaucht. Zhao Xiyong, der falsche Mandarin, der sie alle narrte, jahrelang. Bei vielen Bürgern ist er jetzt schon eine Legende. Oder vielmehr: zwei Legenden. Der verehrte Herr Vizeminister hat so viele Gestalten, dass er sein Publikum spaltet. Erfahren, wie es wirklich war? Dazu müssten sie ihn erst mal schnappen.

Das ist die eine Version: Da hat einer mit den Ritualen des Obrigkeitsstaates zum eigenen Vorteil jongliert, hat sich das Gehabe der Bonzen zugelegt, um die Genossen drei Jahre lang zu narren und sich einen Freifahrtschein in die Welt der Bankette und der diskret überreichten Umschläge zu erschleichen.

Das ist die andere Version: Er machte seine Sache gut, allein schon äußerlich. Der volle schwarze Haarschopf, die dunklen Anzüge. Das selbstzufriedene Lächeln hinter Rosenbouquet, Teetasse und Mikrofon, die während der Rede lässig qualmende Zigarette. Und erst die anderen, das ihn umschwirrende Gefolge: Hier im Konferenzsaal die eifrig seine Worte mitschreibenden Zuhörer, dort auf der Straße die ihm beflissen lauschenden Unterlinge. "Er sieht aber auch wirklich aus wie ein hoher Beamter", sagt die Moderatorin des Lokalsenders. "Ja wirklich, dieser feiste Kopf, sein Gehabe, ziemlich wirklichkeitsgetreu", stimmt der zugeschaltete Experte zu.

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Orchestrierte Harmonie

Gestatten: Zhao Xiyong, Direktor des Forschungszentrums von Chinas Staatsrat, ein Amt, das ihn in den Rang eines Vizeministers erhöbe, hätte er es denn inne. Wer Zhao Xiyong wirklich ist, weiß bis heute keiner. Wahrscheinlich ist es jener Herr Zhao, der 1955 in Shenyang in Chinas Nordwesten geboren wurde und der noch in den 1990er Jahren eine Fabrik der Autofirma Shenyang Jinbei leitete. Die letzten drei Jahre aber war er der Vizeminister, der die Provinz inspiziert.

Dreistes Schauspiel

Warum hätten sie ihm auch nicht glauben sollen? Er verfertigte Kalligraphien und durchschnitt rote Bänder, er klopfte Bürgermeistern väterlich auf die Schulter und nahm wie selbstverständlich den Ehrenplatz bei Banketten ein. Er hielt wichtige Reden, oder vielmehr Reden, die sich eben so anhörten, wie sich Reden anhören, die wichtige Leute in China halten: "Die Gemeinde muss aktiv von der Erfahrung anderer lernen und einen neuen Pfad einschlagen, der Wissenschaft und Forschung mit Produktion und Marketing verknüpft." Oder: "Das Gemüse des Ortes muss groß und kräftig werden. Das ganze Land soll den Namen unserer Gemüses kennen." Solche Sätze übertrug das Radio, als Minister Zhao die Gemüsefarmen des Fleckens Yuxi in der Provinz Yunnan besuchte. Warum hätten sie denn zweifeln sollen, fragt heute der Propagandachef des Landkreises: "Er kam exakt so daher wie ein hoher Kader."

Das Schauspiel war so dreist wie simpel. Auch deshalb fasziniert es die Chinesen. Es erforderte zur Vorbereitung nichts außer der Behauptung, ein anderer zu sein. Kein einziges Mal wurde Zhao hinterfragt.

Wenn das Katzbuckeln zum Verhängnis wird

Anfang 2010 gab er sich als einfacher "Forscher beim Staatsrat" aus, Monate später war er schon "Direktor der Forschungsabteilung", dann Abteilungsleiter, von Februar 2012 an Vizeminister. Seine Partner aus Stadt- und Provinzregierungen lernte er meist bei Konferenzen kennen, oft hielt er selbst als Ehrengast die Eröffnungsrede. Wurde dann eingeladen, Wirtschaftsentwicklungszonen zu entwerfen (in Loudi, Provinz Hunan), Berater bei einem Motorenhersteller zu werden ( Yunnei Power, Provinz Yunnan), Investoren zu werben (Kunming, Yunnan). Wenn er Kreisstädte besuchte, sandte die Provinzregierung Boten voraus: Bereitet alles vor, ein Mann vom Staatsrat kommt. Aus Peking!

"Wie kann das sein, dass er sich hier wie ein Fisch im Wasser bewegte?", fragt die juristische Webseite Zhengyiwang und gibt selbst die Antwort: Es ist der Apparat, in dem die Beamten nach oben starren, in dem sie die Oberen fürchten und vor ihnen katzbuckeln, um selbst hochzuklettern. Vor allem ist es ein Apparat, in dem nichts hinterfragt wird, was von oben herein geschneit kommt. Dieser Apparat ist nun blamiert. Dabei hätte ein Anruf in Peking genügt, ein Blick ins Internet. "Nicht ein Mal haben wir gezweifelt", sagt Sun Lingzhi von Yunnei Power. "Er wusste aber auch wirklich Bescheid über Dieselmotoren."

Und das ist der zweite Strang dieser Geschichte, mindestens so interessant: Eine soeben veröffentlichte Recherche der Zeitung Südliches Wochenende stieß auf erstaunlich viele der von Zhao hinters Licht Geführten, die sich auch jetzt weigern, schlecht über ihn zu reden. Die Beamten der Hunaner Stadt Loudi etwa beschreiben ihn als "humorvoll und bescheiden". Vor allem: Das von ihm nach Loudi gebrachte Projekt laufe heute noch gut. Klar habe Zhao sie über seinen Rang getäuscht, sagt ein Beamter namens Wang Lei, bevor er seufzt: "Schade, er ist so talentiert."

Ein Bild von einem Beamten

Nach Erscheinen des Artikels, der Zhao als kenntnisreichen Macher zeichnet, einer, der weder Geld einsteckte noch sich Frauen zuführen ließ, da kippte die Debatte im Netz. Es meldete sich ein Internetnutzer aus dem betroffenen Ort Yuxi in Yunnan: In Yuxi habe Zhao für seinen guten Rat weder Geld erbeten noch hofiert werden wollen, ja, sogar die Anreise habe er selbst bezahlt. Kurz: "Genosse Zhao Xiyong ist ein moderner Lei-Feng-Beamter." Die Propaganda-Ikone Lei Feng ist in China der Prototyp des selbstlosen, sich fürs Volk aufopfernden Kommunisten. Ein Leser kommentierte: "Wir fordern die Partei auf, statt der echten Beamten mehr falsche Beamte wie Zhao Xiyong einzustellen."

Wie er aufflog? Am Ende priesen die lokalen Zeitungen die guten Taten des falschen Ministers mit großen Schlagzeilen. In Peking wurde der Staatsrat aufmerksam, und am 8. März erreichte die Provinzbehörden ein Brief: "Wir haben niemals ein Forschungsteam nach Yunnan geschickt", hieß es da. Seither hat niemand mehr Herrn Zhao gesehen.