EU-Umfrage zur Zeitumstellung Zeitweise unerreichbar

In der Debatte über die Zeitumstellung können gut 500 Millionen Europäer der EU-Kommission ihre Meinung sagen.

(Foto: Harold Lloyd Entertainment/Park)

Nur noch Sommerzeit? Oder nur Winterzeit? Oder gar nichts von beidem? Die EU-Kommission hat eine Online-Befragung aller 500 Millionen EU-Bürger gestartet. Mit sehr großem Erfolg: Der Server brach sofort zusammen.

Von Martin Zips

Keine Panik, bitte! Als EU-Bürger hat man ja noch Zeit. Bis 16. August sogar. Da ist es auch gar nicht schlimm, dass das Online-Formular für die EU-weite Abstimmung über die Zeitumstellung an diesem Freitag mal nicht erreichbar war. "Temporarily", wie es auf der Homepage hieß: zeitweise. Man wird das zu einem späteren Zeitpunkt sicher nachholen können. Zeit ist, um mit Immanuel Kant zu sprechen, sowieso nichts anderes als eine "reine Anschauungsform".

Andererseits: Würde jedes der 28 EU-Mitgliedsländer hier wieder auf seiner eigenen Anschauungsform beharren, wäre die schöne gemeinsame Zeit wohl wirklich bald vorbei. Vor Kurzem erst haben die Finnen 70 000 Unterschriften für die Abschaffung der seit 1996 geltenden Umstellung auf Sommer-, respektive Winterzeit gesammelt. Auch der EU-Verkehrsausschuss hat erklärtermaßen keine Lust mehr, ständig an der Uhr zu drehen. Werden bald Viktor Orbán, Andrzej Duda und Sebastian Kurz eigene Zeitzonen für sich beanspruchen und jedem, der sich nicht dran hält, das Büro durchsuchen?

Um dem zuvorzukommen, hat die EU-Kommission gerade im Auftrag des EU-Parlaments eine Online-Befragung aller 500 Millionen EU-Bürger gestartet, zumindest den Internetfähigen unter ihnen. Offenbar mit sehr großem Erfolg, denn der Server brach sofort zusammen. Letztlich wird die Kommission am Ende aber nur eine Empfehlung abgeben können. Denn gesetzlich ist Zeit Ländersache. In Deutschland etwa steht das Recht auf Zeitbestimmung nach Artikel 73, Absatz 1, Nummer 4 Grundgesetz allein dem Bund zu. Und wenn der Bund sagt, jetzt ist sieben Uhr morgens, kann niemand behaupten, es sei erst sechs. Sonst droht die Abmahnung oder man muss das Land verlassen.

Schon klug also, dass man sich (wenn der Server mal wieder läuft) im Online-Fragebogen der EU-Kommission letztlich nur für oder gegen die Abschaffung der Zeitumstellung "in der gesamten Europäischen Union" entscheiden können soll. Doch schon diese Entscheidung fällt vielen schwer.

Denn was ist nun besser? Nur noch Sommerzeit (zwar weniger künstliches Licht im Sommer, aber eventuell höhere Heizkosten im Winter)? Oder nur noch Winterzeit (hellerer Schulweg im Winter, doch abends viel zu oft deprimierende Dunkelheit)? Und: Stören die Zeitumstellungen im März und Oktober nicht generell den Biorhythmus von Damwild und Fruchtfliege und treiben bei den Menschen Schlaflosigkeit, Suizidquote und Herzinfarktrate in die Höhe? Dazu gibt es viele Studien. Und nicht selten widersprechen sie sich.

In englischsprachigen Artikeln jedenfalls wird dieser Tage gerne darauf verwiesen, dass es sich bei der Sommerzeit um eine rein deutsche Erfindung handele. Und warum bitte an etwas festhalten, mit dem die Krauts im Ersten Weltkrieg nur ihren militärischen Treibstoffmangel bekämpfen wollten? In deutschsprachigen Artikeln wiederum wird vor allem Russland erwähnt, wo es seit 2014 nur noch Winterzeit gibt, was die Leute aber anscheinend auch nicht glücklich macht.

Sehr spannend also, was bei der EU-Befragung am Ende herauskommen wird. Und die Zeit - am Ende heilt sie eh alle Wunden.

Wie eine Reise nach Paris

73 Prozent der Deutschen sind dagegen, dass die Zeit im Sommer vorgestellt wird. Doch das ist auch nicht anders, als sich nach Westen zu bewegen. Von Oliver Klasen mehr...