Zeitumstellung  Wie eine Reise nach Paris

Düsseldorfer Uhren zur blauen Stunde.

(Foto: dpa)

73 Prozent der Deutschen sind dagegen, dass die Zeit im Sommer vorgestellt wird. Doch das ist auch nicht anders, als sich nach Westen zu bewegen.

Von Oliver Klasen

Gäbe es eine Partei, deren einziger Programmpunkt die Abschaffung der Zeitumstellung wäre, sie würde womöglich großen Zuspruch finden. 73 Prozent, das hat eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK kürzlich ergeben, sind dagegen, dass die Uhren im Frühjahr um eine Stunde vor und im Herbst wieder um eine Stunde zurückgestellt werden. 73 Prozent, das ist ein Wert, den die CSU vielleicht noch in einigen Dörfern im Bayerischen Wald erzielen kann. 73 Prozent, ungefähr so viele Bürger in Deutschland waren vor ein paar Jahren auch gegen die Wehrpflicht und gegen die Atomenergie, und beide hat die Bundesregierung abgeschafft, auch wenn im ersten Fall ein gewisser Karl Theodor zu Guttenberg und im zweiten Fall ein Tsunami in Japan nachgeholfen hat.

Die Gegner der Zeitumstellung fühlen sich ermutigt. 31 Prozent der Befragten aus der DAK-Umfrage rechnen damit, dass sie in den kommenden fünf Jahren abgeschafft wird, weitere 18 Prozent erwarten, dass die Abschaffung bis zu zehn Jahre dauern wird. Immerhin hat sich die Mehrheit des Europäischen Parlaments jetzt auf die Seite der Zeitumstellungsgegner gestellt. Wissenschaftler wie Korbinian von Blanckenburg, Professor an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, sagen seit Jahren, dass der Wechsel der Zeiten volkswirtschaftlich schädlich ist.

Ihre Argumente wiegen schwer: Der Biorhythmus werde gewaltsam verschoben, Menschen seien müde, gestresst, physisch und psychisch angeschlagen, manche bekämen sogar Herzprobleme. Außerdem koste das Ganze eine Menge Geld, weil IT-Systeme vorbereitet, Fahrpläne angepasst und Kühe eine Woche lang immer zehn Minuten früher oder später gemolken werden müssten, damit sie die Umstellung verkraften.

Vielleicht ist die Zeitumstellung deshalb so unbeliebt, weil sie in Zeiten von Krieg und Not erfunden wurde. Im Ersten Weltkrieg führten zuerst das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn, schließlich auch Frankreich und Großbritannien die Sommerzeit ein, um kostbaren Strom einzusparen. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden die Uhren in den Sommermonaten vorgestellt - und 1947 gab es sogar eine Phase von einigen Wochen, in denen eine doppelte Sommerzeit galt, zwei Stunden voraus. Anschließend gab es eine lange Phase ohne Zeitumstellung. Erst 1980 wurde sie in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR wieder eingeführt, damals unter dem Eindruck der Ölkrise. Die jetzige Regelung wurde 1996 geschaffen, seitdem werden, in der gesamten EU und in einigen anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel der Schweiz und Norwegen, die Uhren stets am letzten Wochenende im März und am letzten Wochenende im Oktober umgestellt.

Tatsächlich ist es so, dass das Hauptziel, dessentwegen die Zeitumstellung erfunden wurde - die Energieeinsparung - nie erreicht wurde. Riesiger Aufwand, null Nutzen, sagen also die Zeitumstellungsgegner. Doch sie verkennen, dass jeder von uns ständig Zeitumstellungen ausgesetzt ist, nämlich dann, wenn er von Osten nach Westen oder umgekehrt reist.

Im Grunde müsste nämlich jede Gegend ihre eigene Zeit haben. Bis zur Schaffung von Zeitzonen Ende des 19. Jahrhundert war das auch so. Es gab eine Münchner Zeit, eine Berliner Zeit oder auch eine Zeit für das Königreich Württemberg.

Die Zeit als solches ist nur ein künstliches Konstrukt. Es sind rein praktische Gründe, die dazu geführt haben, eine Mitteleuropäische Zeit einzuführen, die in einem riesigen Gebiet von Galizien im äußersten Westen Spaniens bis an die Ostgrenze Polens gilt.

Wie groß die Unterschiede sind, verdeutlicht zum Beispiel eine von München ausgehende Reise. So geht die Sonne in Saarbrücken knapp 20 Minuten später unter als in der bayerischen Landeshauptstadt, das wirkt wie eine kleine Zeitumstellung. Reist man weiter nach Paris, sind es noch einmal 15 Minuten, und fährt man ganz nach Westen in die Bretagne, wird es abends mehr als eine Stunde später dunkel. In der umgekehrten Richtung sind es 20 Minuten Verschiebung nach Wien und noch einmal zwölf Minuten Verschiebung nach Budapest. Niemand behauptet allerdings, eine Reise von München nach Paris oder nach Budapest sei unzumutbar - jedenfalls nicht dann, wenn diese Reise nur zweimal im Jahr unternommen wird.