Memorial Museum zu 9/11 Heiliger Ort

Reliquien des Terrors: Trotz Streits und Protesten hat Präsident Barack Obama in New York City die Gedenkstätte und das Museum für die Opfer von 9/11 eröffnet. Muslimische Verbände beklagen, dass ihre Religion nur als das Böse vorkommt.

Von Peter Richter, New York

Die weißen, roten und blauen Lichter der Polizeiautos orgelten wieder durch Manhattan, nichts und niemand ging mehr, alles stand und stockte, aber die Stadt verlor die Nerven trotzdem nicht: Der Präsident kam hier durch, und die am Straßenrand zu dem für New Yorker ungewöhnlichen Zustand der Rast verdammten New Yorker freuten sich und hielten, wie bei einer Schweigeminute, einfach einmal inne.

Zwei Dinge standen, nach den Verlautbarungen des Weißen Hauses, auf seinem Programm. Eine Rede über Infrastrukturpolitik an der Tappan Zee Bridge, die oberhalb von New York über den Hudson River führt und von Leuten, die beruflich die Sicherheit von Brücken testen, privat vorsichtshalber schon seit Jahren nicht mehr befahren wird; diese Brücke, die größte im Bundesstaat, wird jetzt ersetzt. Und die offizielle Eröffnung des 9/11 Museums am Ground Zero.

Memorial Museum für die Opfer von 9/11 ist eröffnet

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"Nichts wird uns brechen"

Beides ist überfällig, und beides sind Dinge, die den Menschen hier am Herzen liegen. Weswegen Obama dann auch Sätze sagte wie: "All jene, die wir verloren, leben in uns fort." Und: "Nichts wird uns brechen." Aber diese präsidentielle To-do-Liste zeigt eben auch, wie sehr das Gedenken an die Anschläge vom 11. September 2001 mittlerweile zwischen die Bewirtschaftung der Alltagsprobleme zurückgetreten ist. Das machte die Eröffnung des Museums wiederum nur noch dringender. Dermaßen oft war die nach hinten verschoben worden, aus allen möglichen Gründen, dass man kaum noch glauben mochte, das Warten werde je ein Ende haben.

Als es diesen Donnerstag dann endlich soweit war, nahm nämlich eine Geschichte ihr Ende, die zum Schluss leider vor allem durch die Gereiztheiten zwischen den Beteiligten und den Betroffenen Schlagzeilen produzierte. Das ist deswegen so schade, weil man die Gedenkstätte, anders als den sogenannten Freedom Tower, im Großen und Ganzen als eher gelungen bezeichnen kann.

Der Turm, der das zerstörte World Trade Center ersetzen soll, ist ein Kapitel für sich, und der ambitionierte Symbolismus, den der später von dem Projekt abgezogene Architekt Daniel Libeskind sich dafür einst ausgedacht hatte, ist inzwischen nicht mehr als eine Fußnote. Geblieben ist davon nur die Höhe von 1776 Fuß (541 Meter) als Anspielung auf das Jahr der Unabhängigkeitserklärung - Zahlenmystik, die sich dem Auge, das ja nun einmal kein Maßband ist, nicht einmal mitteilt, zumal ein großer Teil der Strecke durch eine schnöde Antenne ermogelt wird.

Die Wasserfälle bilden den Zusammensturz der Türme immer wieder nach

Die Zwillingstürme des alten World Trade Centers waren tatsächlich niedriger (415 Meter), wirkten durch ihre Schlankheit aber höher; sie überragen den Neubau in jeder Beziehung bis heute. Was nun die Qualität der 2011 eingeweihten Memorial Plaza auszeichnet, ist die Tatsache, dass deren Architekt Michael Arad die Erinnerung an diese verlorene Höhe (und alles andere, was damals verloren ging) konsequent durch die entgegensetzte Bewegung bewahrte: Auf den Grundflächen der Zwillingstürme befinden sich nun quadratische Löcher, an deren Rändern stürzen Wasserfälle in nicht absehbare Tiefen und bilden dabei den finalen Zusammensturz der Türme immer wieder nach.

Ja, das ist pathetisch, und ja, das hat auch die Funktion, die jeder städtische Springbrunnen hat, nämlich den Lärm des Alltags akustisch auszublenden. Aber es ist auch ergreifend, und es stülpt das, was an den Twin Towers erhaben war, kurzerhand um, diese sogenannten Pools sind inverse Wolkenkratzer, das Gedenken geht unauslotbar in die Tiefe.

Das neue Museum steigert diese Geste noch: Es geht noch tiefer, es liegt unter den Pools, es geht buchstäblich zum Ground Zero. Das ist gewiss besser als die ursprünglich einmal herumgeisternde Idee, es einfach in den schwer vermietbaren unteren Etagen des neuen Turms unterzubringen. Aber das hat auch seine Tücken.

Den Effekt einer Krypta wird dieses Museum nie loswerden, der liegt schon in seiner baulichen Natur. Dazu kommt, dass es hier als geheimes Zentrum auch tatsächlich das gibt, was in der Krypta einer romanischen Kirche als Confessio bezeichnet würde: ein abgesondertes Gewölbe um das Heiligengrab. Es hat zuletzt vor allem über diesen Punkt Kontroversen gegeben: die Einlagerung von Überresten der Opfer in einem separaten Raum, zu dem nur die Angehörigen Zugang haben - und die Gerichtsmediziner, die nach wie vor an der Zuordnung der Leichenteile arbeiten.