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Entscheidung in Österreich:FBI und BKA untersuchen Fall Kampusch

Hatte Wolfgang Priklopil doch Komplizen? Und nahm sich der Kidnapper wirklich das Leben? Auch sechs Jahre nach Natascha Kampuschs Flucht aus ihrem Kellerverlies ranken sich noch Gerüchte und Verschwörungstheorien um den spektakulären Entführungsfall. Jetzt wird die bisherige Ermittlungsarbeit geprüft - mit amerikanischer und deutscher Unterstützung.

Österreichs spektakulärste Entführung kommt noch lange nicht zu den Akten: Ende Juni hatte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss den Behörden in der Causa Natascha Kampusch schwere Ermittlungspannen vorgeworfen und verlangt, die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Dieser Forderung kommen Innen- und Justizministerium nun nach: Sechs Jahre nach der Flucht der heute 24-Jährigen aus ihrem Kellerverlies werden die bisherigen Ermittlungen neu untersucht.

Natascha Kampusch

Für Natascha Kampusch sind alle Fragen zu ihrem Fall beantwortet.

(Foto: dpa)

Eine Arbeitsgruppe mit 14 Mitgliedern, darunter Beamte des Innen- und Justizministeriums, ein Vertreter des Verfassungsschutzes, ein Staatsanwalt der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, mehrere Kripobeamte sowie mindestens ein Vertreter der US-Ermittlungsbehörde FBI und des Bundeskriminalamts (BKA), analysiert in den kommenden Monaten die Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft. Außerdem wird ein Steuerungs- und Lenkungsausschuss mit sieben Mitgliedern eingerichtet. Diesem werden auch jeweils ein Experte für Altfälle des FBI und des BKA angehören. Der österreichischen Zeitung Die Presse zufolge soll BKA-Präsident Jörg Zielke persönlich mithelfen, die Arbeit seiner österreischen Kollegen zu überprüfen.

Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hatte die damals zehnjährige Natascha Kampusch 1998 entführt und acht Jahre lang in seinem Haus bei Wien gefangen gehalten. Nach ihrer Flucht beging Priklopil Suizid. In den Folgejahren kursierten immer wieder Gerüchte und Verschwörungstheorien über den Fall, von schlampiger Ermittlungsarbeit und gar Vertuschungsversuchen war die Rede. Die Causa Kampusch wurde zum erbitterten Streitpunkt zwischen den beteiligten Behörden und politischen Instanzen.

"Die volle Wahrheit muss ans Licht"

Es hieß, das Mädchen sei während der Gefangenschaft schwanger geworden. Das Kind lebe heute bei der Schwester des Freundes von Priklopil, Ernst H. Dieser, so die These, sei Mitwisser und Nutznießer des Kidnappings. Zudem gebe es einen weiteren Täter, dessen DNA im Entführungsauto gefunden worden sei. Weiter wurde spekuliert, Kampusch decke aus Scham einen Pädophilenring. Pornografische Filme seien im Verlies gedreht und durch einen Freund von H., einen pensionierten Oberst, vertrieben worden.

Auch der Suizid des Täters - nachdem sein Opfer entkam, warf sich Priklopil vor einen Zug - war in Zweifel gezogen worden. Der Entführer sei ermordet worden, mutmaßte der Vorsitzende des Geheimausschusses im Parlament, Werner Amon, öffentlich. "Die volle Wahrheit muss ans Licht", forderte er im Frühjahr in einem Interview mit dem Spiegel.

Bis Ende des Jahres soll die Überprüfung der bisherigen Ermittlungsarbeit dauern. Sollten sich neue Verdachtsmomente ergeben, würde der Fall neu aufgerollt werden.

Im Sinne des Opfers wäre das wohl nicht. In einem Interview im österreichischen Fernsehen hatte sich Natascha Kampusch im März gegen jegliche Gerüchte verwahrt. Insbesondere die These, es habe mehr als einen Täter gegeben und sie, schütze diese, wies die 24-Jährige zurück. "Ich würde nie verhindern, dass solche Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden", sagte sie. Ihre derzeitige Situation sei "seltsam, demütigend, beleidigend, unfassbar, unglaublich".