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Entführungsfall Jaycee Lee Dugard:Und keiner wollte etwas sehen

Seit 1991 wurde die mit elf Jahren verschleppte Jaycee Lee festgehalten und missbraucht. Ihr Martyrium blieb unerkannt - auch als die Polizei das Haus ihres Peinigers überprüfte.

Gut möglich, dass Erika Pratt sich ihr Leben lang Vorwürfe machen wird, dass sie damals nicht hartnäckiger war. Oder die Polizisten, die ihr erklärten, ohne Durchsuchungsbefehl könnten sie sich Haus und Garten ihres dubiosen Nachbarn Phillip G. im 80 Kilometer östlich von San Francisco gelegenen Antioch nicht näher ansehen.

FBI-Fahndungsplakat der entführten Jaycee Lee Dugard

(Foto: Foto: dpa)

Vor zwei Jahren rief Pratt bei der Polizei an, um das verdächtige Auftreten G.s zu melden. G. und seine Frau Nancy lebten auf einem Grundstück mit völlig unübersichtlichem Hinterhof, mit Verschlägen, Planen und Zäunen. Dazwischen liefen Pitbulls herum. Und zwei kleine blonde Mädchen wurden bisweilen gesehen.

Was niemand ahnte war, dass in dem Hinterhof eines der prominentesten amerikanischen Entführungsopfer gefangen gehalten wurde. Ihr Name: Jaycee Lee Dugard, mit elf Jahren entführt am 19. Juni 1991, und seitdem in eben jenem heruntergekommenen Hinterhof festgehalten, von der Außenwelt isoliert und immer wieder vergewaltigt. Zwei Kinder soll der Kidnapper mit der heute 29-Jährigen gezeugt haben, jetzt elf und 15 Jahre alt.

Keine Hinweise

18 Jahre in einem Hinterhof, mitten in einem Wohngebiet - und doch will niemand etwas bemerkt haben. Nicht einmal, als der laut San Francisco Chronicle Times wegen Sexualdelikten mehrfach vorbestrafte G. 1999 erneut für einige Zeit im Gefängnis saß. Und auch nicht, als im Juli vergangenen Jahres dem Blatt zufolge im Rahmen einer Routineüberprüfung mehrerer vorbestrafter Sexualtäter sein Haus überprüft wurde. Es habe keinerlei Hinweise gegeben, dass dort auch eine junge Frau und Kinder lebten, zitiert die Tageszeitung einen Polizisten.

Dugard schien spurlos verschwunden- bis sie sich am Donnerstag in Begleitung ihres 58 Jahre alten Peinigers, seiner Frau und ihrer beider Kinder in einer Polizeistelle zu erkennen gab und mit ihrem Auftauchen das ganze Land in Aufruhr versetzte.

Bekannt war das mit elf Jahren verschwundene Kind nicht nur, weil in der landesweiten Fernsehsendung "Americas Most Wanted", dem Pendant zu "Aktenzeichen XY", nach ihr gesucht wurde. Ihr Name ist auch deshalb ein Begriff, weil die Umstände ihrer Entführung wie der schlimmste Albtraum aller Eltern klingen.

Am tag ihrer Entführung war Jaycee Lee auf dem Weg von ihrem Elternhaus im kalifornischen South Lake Tahoe - 250 Kilometer von Antioch entfernt an der Grenze zu Nevada - zu einer Schulbushaltestelle. Sie war noch in Sichtweite des Hauses, als sie von einem Mann und einer Frau in einen Wagen gezogen wurde, der dann davonbrauste. Ihr Stiefvater Carl Probyn musste hilflos zusehen, wie sich das Kind laut schreiend und mit Fußtritten gegen die Kidnapper wehrte. Er versuchte dem Auto noch nachzufahren - vergeblich.

"Das ist ein Wunder, sie lebend zurückzubekommen", freute sich der in Südkalifornien lebende Stiefvater - die Eltern leben inzwischen getrennt - am Donnerstag in einem TV-Interview. Auch Zeitungen und Fernsehsender sprachen von einem "Happy End" im Entführungsfall Dugard - doch auch wenn Dugards Martyrium nun vorbei ist, bleibt abzuwarten, welche Spuren die vergangenen 18 Jahre hinterlassen haben

Sie und später ihre Kinder hätten in dem Garten in Zelten und einem Schuppen gelebt, teilten die Ermittler mit. Mutter und Kinder seien gesundheitlich "in verhältnismäßig guter Verfassung"; aber - so die vorsichtige Andeutung - 18 Jahre in einem Garten forderten ihren Tribut. Keines der Kinder habe eine Schule besucht oder einen Arzt gesehen. "Sie lebten auf diesem Gelände des Hauses in totaler Isolierung", sagte Vize-Sheriff Fred Kollar.

Religiöser Fanatiker

Umso bekannter war hingegen der Täter, der eine Druckerei betrieb, sich aber vor allem als religiöser Fanatiker im Ort einen Namen machte. Im April 2008 schrieb er bei den Behörden unter seiner Adresse eine Vereinigung mit dem Namen "Gods Desire" ein, erzählte allen, er könne über einen eigens entwickelten Apparat mit Gott sprechen. Verdächtig kam das aber offenbar niemandem vor - ein Spinner, aber harmlos, war die allgemeine Meinung im Ort, berichten verschiedene US-Medien.

Auf die Schliche kam ihm die Polizei letztlich wegen der in Gefangenschaft geborenen Kinder. G. hatte sie dabei, als er vor kurzem auf dem Campus der Universität in Berkeley religiöse Flugblätter verteilen wollte. Ein Wachmann empfand den Umgang des 58-Jährigen mit den Mädchen als seltsam und schaltete G.s Bewährungshelfer ein.

Bei einer weiteren Befragung auf einer Polizeiwache am Mittwoch, zu der er neben seiner Frau auch die Kinder und deren Mutter "Allissa" mitbrachte, wurde dann die wahre Identität von Jaycee Lee bekannt. Warum der 58-Jährige sich entschied, sein Opfer mit zur Polizei zu nehmen, ist noch nicht bekannt. G. und seine Frau, der Behilfe zu seinen Verbrechen vorgeworfen wird, wurden beide festgenommen.

Dugard traf kurz nach ihrem Auftauchen mit ihrer Mutter zusammen, die sofort zu ihrer Tochter flog.

Der mutmaßliche Täter gibt inzwischen selbstbewusst Interviews aus dem Gefängnis. In einem Telefongespräch mit dem TV-Sender KCRA in Sacramento erklärte der mutmaßliche Kidnapper, dass dies "am Ende eine starke, herzerwärmende Geschichte" sein werde. "Eine abscheuliche Sache lief anfangs bei mir ab, aber dann habe ich mein Leben vollkommen verändert."

© sueddeutsche.de/dpa/AP/Reuters/aho
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