Drogentote:Legal Highs: Nicht verboten, aber oft tödlich

Lesezeit: 5 min

Legal Highs

Gefährliche Kräuter: Legal Highs, hier Proben eines beschlagnahmten Stoffes, bereiten Drogenfahndern und Präventionsexperten zunehmend Sorgen.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Schon wieder ist die Zahl der Drogentoten in Deutschland gestiegen. Vor allem Substanzen, die als harmlose Badesalze oder Kräutermischungen daherkommen, bereiten den Experten Sorgen.

Von Kerstin Lottritz und Anna Fischhaber

"Jedes unserer Produkte ist legal", verspricht der Onlinehändler in leuchtend grünen Buchstaben auf seiner Internetseite. Und mehr noch: "Die Produkte scheppern ordentlich. Heller Wahnsinn." Zu kaufen gibt es bei diesem Händler etwa Kräutermischungen, Badesalze oder Partypillen. Alles zwar wie gesagt völlig legal - aber trotzdem ziemlich gefährlich. Fast 100 Menschen sind 2016 in Deutschland durch sogenannte Legal Highs gestorben, das waren mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Das geht aus dem Bericht hervor, den die Drogenbeauftragte der Bundesregierung und das Bundeskriminalamt jährlich veröffentlichen. Er soll Aufschluss über den Drogenkonsum und seine Folgen in Deutschland geben. Welche Erkenntnisse sich hinter den Zahlen verstecken:

1. Erkenntnis: Die Zahl der Drogentoten steigt seit Jahren

Im vergangenen Jahr sind hierzulande 1333 Menschen an ihrem Drogenkonsum gestorben. Das waren neun Prozent mehr als im Vorjahr. Nur 2008, damals lag die Zahl bei 1449, gab es zuletzt noch mehr Drogentote, der Trend ist allerdings nicht neu. "Dass die Drogentotenzahlen zum vierten Mal in Folge angestiegen sind, ist keine gute Nachricht", sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler.

Ein Grund dafür sehen Experten in der sinkenden Stoffqualität und in sinkenden Preisen. Hinzu kommt, dass Drogen über das Internet heute leichter verfügbar sind. Mortler macht für die steigenden Zahlen zudem "die immer größere Bandbreite verfügbarer Substanzen" und den "zunehmenden Mischkonsum" verantwortlich. Ähnlich sieht das Sozialpädagoge Klaus Fuhrmann, der bei der Drogenberatungsstelle Condrobs in München seit 20 Jahren Abhängigen hilft: "Auf dem Markt stehen immer mehr neue Drogen zur Verfügung - vor allem bei den sogenannten Legal Highs gibt es ständig neue Produkte."

Fuhrmann macht dafür auch die strikte Verbotspolitik der Bundesregierung verantwortlich: "Immer wenn wieder eine Substanz verboten wird, kommt eine neue hinzu, die dann eine noch stärkere Wirkung hat. So treiben immer gefährlichere Substanzen auf den Markt." Ganz anders sieht es Mortler: "Weder die Forderung nach einem Krieg gegen die Drogen hilft weiter noch der Ruf nach einer Legalisierung."

Fakt ist: Die Dunkelziffer bei den Drogentoten ist wohl deutlich höher als die offizielle Zahl von 1333. Laut Statistik starben 2016 mehr als 150 Menschen durch Langzeitschädigungen."Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass die Zahl der Menschen, die an Langzeitfolgen sterben, weitaus höher ist, als in der Statistik zu lesen ist. Wenn ein Drogensüchtiger im Krankenhaus an Leberversagen infolge von Hepatitis C stirbt, wird er der Polizei nicht gemeldet und taucht nicht in der Statistik auf", sagt Fuhrmann.

2. Erkenntnis: Legal Highs sind auf dem Vormarsch

Nach wie vor sterben die meisten Drogentoten an Heroin, der Konsum von Crystal Meth ist dagegen eher rückläufig. Auffällig: Bei den sogenannten Legal Highs - oder "neuen psychoaktiven Stoffen", wie die Bundesregierung sie nennt - ist der Anstieg von Todesfällen besonders hoch und hat sich auf 98 mehr als verdoppelt. Der Anstieg ist ein Beleg dafür, wie gefährlich die als harmlos getarnten Kräutermischungen, Badesalze oder Liquids aus dem Internet sind. Was genau in ihnen steckt, bleibt oft das Geheimnis der Hersteller - und genau das macht sie so gefährlich. Wie der Stoff zu dosieren ist, welche Risiken er hat und welche Gegenmaßnahmen im Notfall helfen, muss der Konsument oft selbst herausfinden. Die Nebenwirkungen der psychoaktiven Stoffe reichen von Übelkeit, Herzrasen und Erbrechen bis hin zu Bewusstlosigkeit und Tod.

"Synthetische Legal Highs sind ein Riesenproblem in der Drogenszene geworden", sagt Experte Fuhrmann. Die Konsumenten seien in allen Alters- und Gesellschaftsschichten zufinden. "Sie sind bekannt als Partydrogen, die sozial zugänglich machen und sexuell stimulieren. Aber auch ältere Opiat-Abhängige etwa konsumieren diese Substanzen, weil sie sich dadurch fitter fühlen", so Fuhrmann.

Die Bekämpfung ist schwierig: Die Stoffe sind legal und Drogenfahnder wissen oft gar nicht, wonach sie suchen sollen. Die Substanzen werden ständig verändert und stehen deshalb auf keiner Liste. Sobald ein einzelner Wirkstoff verboten wurde, taucht nach kurzer Zeit bereits ein neuer auf dem Drogenmarkt auf. Ende 2016 trat ein neues Gesetz in Kraft, das diese Lücke schließen soll und Handel, Einfuhr, Verbreitung sowie Herstellung von neuen psychoaktiven Stoffen verbietet und unter Strafe stellt. Statt einzelner Stoffe können nun ganze Stoffgruppen verboten werden. Doch beim Online-Verkauf von illegalen Drogen kann der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, trotzdem keinen Rückgang melden.

3. Erkenntnis: Drogenkonsum ist nicht nur ein Problem in großen Städten

Die zahlenmäßig meisten Drogentoten gibt es in Bayern. Dort starben 2016 mehr als 320 Menschen. Auf die Bevölkerungsanzahl umgerechnet ist Bayern aber nicht das Land mit den meisten Drogentoten. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl gab es in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen mehr Menschen, die an Drogen starben. Der Vergleich zeigt zudem, dass in vielen Städten die Zahl der Drogentoten konstant geblieben oder sogar gesunken ist. München hat mit 62 Toten die meisten Drogenkonsumopfer unter den Großstädten zu verzeichnen, jedoch hat sich hier im Vergleich zum Vorjahr nichts geändert. In Frankfurt und Köln gibt es etwas weniger Drogentote als noch 2015. Zieht die Drogenszene also in den ländlichen Raum?

"Die Drogenszene konzentriert sich weiterhin auf die Ballungsräume. Aber dort hat man ein gut funktionierendes Hilfesystem. Beispielsweise werden dort Spritzen verteilt, um so zu verhindern, dass sich die Konsumenten mit gefährlichen Krankheiten anstecken. Im ländlichen Bereich gibt es so etwas nur selten", erklärt Fuhrmann. Gleichzeitig sei hier durch die Verfügbarkeit von Drogen im Internet der Konsum angestiegen. Der polizeilichen Kriminalstatistik zufolge wurden 2016 mehr als 2000 Rauschgiftfälle im Zusammenhang mit dem Internet registriert. Das Dunkelfeld dürfte deutlich größer sein. "Während man in großen Städten seine Drogen meistens über Bekannte bezieht, wird auf dem Land viel mehr im Internet bestellt. Vor allem die Legal Highs werden dann ganz einfach mit der Post zugeschickt", erklärt Fuhrmann.

Er fordert deshalb mehr Aufklärungsarbeit. "Wenn man die Drogenkonsumenten verstärkt darüber informiert, auf was sie beim Kauf und Konsum achten müssen, könnte man die Zahl der Drogentoten im ländlichen Bereich bestimmt verringern."

4. Erkenntnis: Mehr Prävention ist notwendig

Was tun gegen den gestiegenen Drogenkonsum? Die Polizei setzt auf IT-Experten: "Rauschgifthandel im Internet nimmt immer weiter zu", warnt BKA-Chef Münch. Weil online nicht nur Drogen, sondern auch Kreditkartendaten oder Waffen gehandelt würden, bemühe sich das BKA, mehr Cybercops zu gewinnen und auszubilden. Der Grünen-Suchtexperte Harald Terpe fordert dagegen mehr Drogenkonsumräume und saubere Spritzen für Konsumenten.

In einem Punkt sich die Experten alle einig: Es muss mehr Präventionsarbeit geleistet werden. "Wir brauchen umfassendere Hilfen für Abhängige und deren Angehörige", sagt auch Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Jeder, der erstmalig mit einer verbotenen Substanz aufgegriffen werde, müsse umgehend Beratung erhalten. Dem kann Drogenberater Klaus Fuhrmann nur zustimmen. Den Ansatz, Kinder schon in frühen Jahren zu stärken, "Nein" zu sagen, müsse man ausbauen. Der nächste Schritt sei, die älteren Schüler, die drogenauffällig geworden sind, nicht einfach der Schule zu verweisen. "Das löst nicht das Problem." Lehrer müssten besser geschult werden und es sollten mehr Sozialarbeiter zum Einsatz kommen.

(Mit Material der Agenturen)

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB