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Dorfkinder:Dorfkinder

Die verklärte #Dorfkinder-Kampagne der Bundeslandwirtschaftsministerin hat viel Spott geerntet. Drei Generationen einer Familie erzählen von ihrer Kindheit in einem schwäbischen Bauerndorf - und was der Begriff wirklich bedeutet.

Der Tank ist fast leer, der Handyempfang schlecht, aus dem Stall muht es kräftig. Vielleicht findet man weit weg von der Stadt heraus, was Dorfkinder wirklich ausmacht. Denn seit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor ein paar Tagen eine Reihe huldvoller Behauptungen über "#Dorfkinder" in den sozialen Medien verbreitet hat, diskutiert mindestens das Netz diese Frage. Klöckner postete mehrere Bilder anpackender, glücklich aussehender Menschen vom Land, auf einem sind Kinder zu sehen, die offenbar eine Glühbirne mit Windkraft betreiben, dazu der Satz "#Dorfkinder haben den Dreh raus", auf einem anderen halten Feuerwehrleute einen Wasserschlauch, daneben steht: "#Dorfkinder sind zur Stelle. Da, wo man sie braucht." Außerdem behalten #Dorfkinder laut Klöckner "das ganze Team im Blick", lassen "ihre Ideen fliegen", "machen den Weg zum Ziel" und so weiter. Die Aktion sollte eine Kampagne zur Förderung des ländlichen Raums promoten, wurde aber mit viel Spott beantwortet. "#Dorfkinder ertränken ihre eigene Perspektivlosigkeit so lange öffentlich in Aggression, Gewalt und Alkohol, bis sie endlich alt genug sind, um sich ein Haus zu kaufen und das ganz privat an ihrer Familie auszulassen", schrieb eine Nutzerin.

Am Küchentisch des Bauernhofs von Norbert Munding im schwäbischen Obermarchtal, eine Dreiviertelstunde von der Autobahn entfernt, sitzen nun drei Generationen einer Familie von Dorfkindern: Norbert Munding, 67, sein Sohn Martin, 40, und dessen elfjähriger Sohn Finn. Mit den #Dorfkinder-Bildern können sie nicht viel anfangen. Aber wenn man sie von ihrer Kindheit erzählen lässt, bekommt man ein Gefühl dafür, wie die Hashtags zum echten Dorfleben heißen könnten.

#Heimkommen

Norbert, 67: "Wir haben 15 Milchkühe gehabt. Und dann war da die Molkerei im Dorf, man hat die Milch wegbringen müssen am Abend. Das war ja das Beste! Für die zweihundert Meter hat man eine Stunde gebraucht, weil da hat man alle möglichen Spiele gemacht mit den Kameraden, da ist man mit dem halben Ort rumgekommen. Zu Hause haben sie einen dann geschimpft, dass man so lange nicht gekommen ist, weil die Eltern die Milchkannen dann nicht spülen konnten."

Martin, 40: "Ich war als Kind viel draußen, meine Mutter war da, mein Vater war da, mit dem war ich unterwegs. Einmal im Monat ist er für ein, zwei Tage zum Zuchtviehmarkt gefahren. Das war komplett komisch, wenn er weg war. Wo ist das denn heute noch so, dass man als Kind den ganzen Tag beim Vater sein kann? Meine Kinder sehen mich nur abends."

Finn, 11: "Meistens bin ich vor dem Papa aus der Schule daheim, dann kommt er und sagt, jetzt machst du mal das Handy aus, und dann gehen wir raus. Den Garten umgraben vielleicht, oder bei der Oma das Baumhaus bauen. Aber da kommt jetzt vielleicht bald eine Miste hin."

#Traktorfahren

Norbert: "Damals hatten wir kein Auto. Nach Ehingen, die neun Kilometer, ist man mit dem Schlepper gefahren. Nicht zweimal in der Woche, sondern zweimal im Jahr. Man hat einen Teppich um sich rumgetan, wenn's kalt war."

Idylle - oder harte Arbeit? Kühe hüten war Aufgabe der Kinder.

(Foto: imago)

Martin: "Den Traktorführerschein gab's ab 14. Dann bin ich Gülle gefahren, auf dem Acker, auf der Wiese, daran hat man ja auch eine Freude, als junger Kerl. Zum Weggehen am Wochenende haben wir aber fast nie den Traktor genommen."

Finn: "Der Opa hat's mir gezeigt, auf seiner Wiese. Ich bin nur in den Zaun reingefahren, weil ich unter der Kupplung hängen geblieben bin mit dem Fuß und dann konnte ich nicht mehr bremsen."

#Passtschon

Norbert: "Mit 15 bin ich in die Fremdlehre nach Ravensburg gekommen. Daheim auf dem Hof der Eltern hat man die Lehre gemacht, aber ein halbes Jahr musste man auf einen anderen Hof, damit man einfach auch was anderes gesehen hat."

Martin: "Ich hab mal in Hayingen gewohnt, das sind zweitausend Einwohner, hat aber den Status als Stadt. Ich hatte damals eine Wohnung mit Balkon, aber ohne Garten. Es gab keinen Platz. Ich wusste überhaupt nicht, was ich mit mir anfangen soll. Auf dem Dorf ist auch nicht alles rosa, wie auf den Bildern von der Klöckner. Es ist halt anders. Aber es passt schon."

Finn: "Hier in Obermarchtal gibt's doch alles, was man braucht. Die Stadt ausprobieren könnte ich mir aber schon vorstellen. Mal gucken, wie es da ist."

#Umgehungsstraße

Norbert: "Die Umgehung für die Bundesstraße war schon ein Thema, als ich klein war. Die gibt's bis heute nicht."

Martin: "Der Hof ist ja direkt neben der Straße. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Opa immer auf dem Haussteig gesessen bin, wenn der schön warm von der Sonne war. Mein Opa hatte einen Halbekrug aus Porzellan, der hat ausgesehen wie ein kleines Holzfässchen. Damals konntest du dich ohne Weiteres da draußen unterhalten. Da ist vielleicht hin und wieder mal ein Lastwagen vorbeigefahren, vielleicht kam gar keiner. Wenn meine Mutter heute im Garten arbeitet, musst du zu ihr rüberschreien, weil der Lärm der Straße so enorm ist."

Dorfkinder... (Autor Philipp Bovermann) - !!! NUR für diesen Text !!!

Drei Generationen an einem Tisch: Norbert Mundig, sein elfjähriger Enkel Finn und dessen Vater Martin (v.l.n.r.), dazwischen sitzt Oma Berta.

(Foto: Philipp Bovermann)

Finn: "Der Schulbus nach Ehingen fährt hin eine Stunde, weil er über alle Dörfer fährt, zurück eine halbe Stunde. Da spiel ich dann auf dem Handy."

#FreiwilligeFeuerwehr

Norbert: "Damals ist der Kommandant zu einem gekommen, wenn man beieinandersaß, und hat gesagt: Du und du und du, ihr kommt jetzt in die Feuerwehr. Und dann war man halt in der Feuerwehr."

Martin: "Ich bin erst mit 21 in die freiwillige Feuerwehr, relativ spät, bin dann aber schnell Gruppenführer geworden und mit 35 Jahren Kommandant. Früher war es leichter, tagesverfügbares Personal zu kriegen, weil die Leute in der Landwirtschaft oder in Betrieben am Ort waren. Das gibt's ja immer weniger.

Bei uns bei den Proben sieht es schon immer so aus wie auf einem der Bilder, die die Klöckner da veröffentlicht hat, mit den Feuerwehrleuten und dem Schlauch. Sieht halt in der Stadt nicht anders aus."

Finn: "Ich bin in die Feuerwehr, weil mein Vater in der Feuerwehr ist. Es macht halt Spaß. Man macht einen Feuerwehrknoten. Man schaut sich mal die Feuerwehrautos an. Man kann auch zur Weihnachtsfeier von der Feuerwehr kommen."

#Anbandeln

Norbert: "Die von unserer Klasse haben sich getroffen im Marchtaler Hof. Beim Bauer Klöß auf dem Hof war immer ein Lehrling drin, mit einem Kerl und einem Mädchen. Da ist man gehockt, das war so eine Art Bude. Da hat man dann Fest gemacht."

Streicheln genügt da nicht: Die Mutterkühe brauchen Pflege, damit sie Milch geben.

(Foto: imago)

Martin: "Wir hatten einen Bauwagen, in dem haben wir uns immer getroffen. Eine Zeit lang ist der unter dem Birnbaum bei uns hinter dem Hof gestanden, später bei den Gemeinschaftsscheunen. Damals haben die Eltern noch gesagt: Am Wochenende geht man in die Kirche, und zwar entweder am Samstag oder am Sonntag. Ich bin natürlich immer am Samstagabend gegangen, weil man dann nicht aufstehen muss am Sonntag. Außerdem hat man schon abends um halb sieben sagen können: ,Ich muss jetzt in die Kirche, ich bin ja Ministrant!' Das war geschickt, da hat man dann gleich alle getroffen. Meistens ist man am Wochenende in irgendeine Halle, wo eine Coverband aufgetreten ist oder so."

Finn: "Ich bin auf der Jungsrealschule, und die Mädchenrealschule ist unsere Partnerschule. Mit denen von der sechsten Klasse haben wir eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe. Abends legt man das Handy hin, wacht auf und hat achtzig Nachrichten. Und dann muss man die alle durchlesen. Fast nur die Mädchen schreiben da rein, irgendeinen Quatsch. Zum Beispiel hat neulich eine sinnlos gefragt, wen's jucken würde, wenn sie von der Schule geht. Dann haben andere geschrieben: Mich, mich, mich."

#Nebenerwerb

Norbert: "Ab der fünften Klasse hab ich morgens fleißig mit in den Stall dürfen. Oder müssen. Nach der Schule und den Hausaufgaben gab's wieder Arbeit. Kartoffeln rauftragen vom Keller, den Holzkessel anfeuern, die Kartoffeln kochen und den Schweinen verfüttern. Das war der Kinder ihre Arbeit. Jetzt gerade habe ich Futter abgeladen und die Mutterkühe gefüttert. Ich und meine Frau wollen hier so lange arbeiten, wie es geht."

Martin: "Ich habe den Hof letztes Jahr von meinen Eltern gepachtet. Jetzt erledige ich den Papierkram und betreibe den Hof gemeinsam mit ihnen im Nebenerwerb. Ich bin gelernter Zimmermeister, vor ein paar Jahren habe ich aber eine Stelle in Obermarchtal angenommen. Die Firma recycelt Kunststoffreste und stellt daraus eine Art Spanplatte her. Das hat einfach gepasst, außerdem kannte ich die Firma und den Fertigungsleiter von den Feuerwehrübungen."

Finn: "Ich übernehme den Hof vom Opa."

© SZ vom 25.01.2020/vs
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