SZ-Kolumne "Bester Dinge":Magische Weichenstörung

SZ-Kolumne "Bester Dinge": Der unfreiwillige Ausflug ins Disneyland bei Paris weckte kindliche Freude bei manchen Politikern.

Der unfreiwillige Ausflug ins Disneyland bei Paris weckte kindliche Freude bei manchen Politikern.

(Foto: Getty Images)

Ein Sonderzug mit EU-Abgeordneten fährt aus Versehen nach Disneyland anstatt nach Straßburg. Eine nervige Panne - oder doch Zauberei?

Von Titus Arnu

Bahn-Metaphern kommen in der Politik zuverlässiger als die Bahn selbst. Da werden Weichen für die Zukunft gestellt, Maßnahmenpakete aufs Gleis gesetzt, der Ampel-Zug ins Rollen gebracht - bis der Zug irgendwann abgefahren ist, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Da möchte man als Passagier sofort eine Fahrgastentschädigung wegen schmerzhaften Metaphern-Missbrauchs beantragen.

Zugfahren polarisiert, nicht nur im Polar-Express. Die einen schätzen die Bahn als umweltfreundliches, bequemes Verkehrsmittel, die anderen schimpfen über Verspätungen und schlechte Verbindungen. Als verkehrspolitisch vorbildlich ist die Reise von EU-Abgeordneten einzustufen, die in einem Sonderzug von Brüssel nach Straßburg unterwegs waren. Leider bog der TGV bei Paris falsch ab und fuhr nach Marne-la-Vallée, dem Standort von Disneyland. Grund war eine falsch gestellte Weiche, erklärte die französische Bahngesellschaft SNCF lapidar.

Der unfreiwillige Ausflug ins Disneyland weckte kindliche Freude bei manchen Passagieren. "Wir sind kein Mickymaus-Parlament", schrieb etwa der deutsche Grünen-Abgeordnete Daniel Freund auf X, während der Sprecher eines dänischen Abgeordneten über den Titel des nächsten Disney-Films spekulierte: "Die Parlamentssitzung und der Zug, der in den Urlaub fahren wollte".

"Wo Träume wahr werden", lautet der Slogan des Disneylands, und welcher Politiker träumt nicht von einem magischen Königreich, in dem man gutgläubigen Leuten für einen hohen Eintrittspreis jeden Unsinn vorgaukeln kann - sprechende Mäuse, fliegende Elefanten und beseelte Autos etwa. Die EU-Abgeordneten hatten allerdings keine Gelegenheit, mit der Märchenbahn "Schneewittchen und die sieben Zwerge" zu fahren, auch für die "Kleine Zirkusbahn" aus dem Film "Dumbo" blieb keine Zeit. Der TGV kehrte in Disneyland um, fuhr zurück auf die richtige Strecke und kam um 45 Minuten verspätet in Straßburg an. Schade eigentlich, etwas mehr Zauber könnte die EU-Politik gut brauchen.

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