Diskussion in Berlin:Homosexualität und Islam - unvereinbar?

Lesezeit: 4 min

Eigentlich wollten Homosexuelle und Muslime in einer Berliner Moschee über Homophobie diskutieren. Nach einem Eklat und Protesten wurde das Treffen verlegt - und zum Ausdruck guten Willens trotz tiefer Gräben.

Von Luisa Seeling

Am Ende wirken alle ein bisschen erleichtert. Das Treffen in Berlin zwischen Muslimen und Homosexuellen, das im Vorfeld für so viel Aufregung gesorgt hat - es hat stattgefunden. Es sind keine Provokateure gekommen, die zwei Security-Kräfte am Einlass des Tagungswerks Jerusalemkirche mussten nicht einschreiten. Die Diskussion über das Verhältnis des Islam zur Homosexualität war freundlich im Ton und vorsichtig in der Sache. Respekt und Akzeptanz, die beiden Worte fallen sehr oft an diesem Abend. Als wollten die Teilnehmer demonstrieren: Seht her, wir sind vielleicht nicht einer Meinung. Aber wir reden.

Dabei war der eher zahmen Veranstaltung ein handfester Eklat vorausgegangen. Am Anfang stand eine Idee des Vereins Leadership Berlin. Im Rahmen des Projekts "meet2respekt" besuchen Imame und Rabbiner Schulklassen mit mehrheitlich muslimischen Schülern; Pfarrer und Imame besuchen christliche Schüler; Schwule und Lesben treffen auf Muslime, um über Homophobie und Islamophobie zu sprechen.

Letzteres sollte diesmal in der Şehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln geschehen, einer der größten Moscheen der Hauptstadt. Ein Rundgang mit anschließendem Gespräch war geplant, an der Organisation beteiligten sich auch der Lesben- und Schwulenverband und der Völklinger Kreis, ein Verband schwuler Führungskräfte. Keine große Sache, eigentlich. Bernhard Heider, Geschäftsführer von Leadership Berlin, sagt: "Wir wollten das alles gar nicht so hoch hängen." Es wäre nicht der erste Besuch von Lesben und Schwulen in der Moschee gewesen. Der Vorsitzende des Moschee-Vereins, Ender Çetin, hatte keine Einwände. Er pflegt eine Kultur der offenen Tür. Für "meet2respekt" war er schon mehrmals an Schulen im Einsatz.

"Unvorhergesehene Eigendynamik"

Doch dann rollte eine Welle der Empörung heran, Heider spricht von einer "unvorhergesehenen Eigendynamik". Die Anmeldungen für den Termin schossen in die Höhe. Zugleich griffen türkische Medien das geplante Treffen auf. Wie viele Moscheen in Deutschland wird auch die Şehitlik-Moschee von DITIB betrieben, dem deutschen Ableger der türkischen Religionsbehörde. Türkische Zeitungen warfen DITIB vor, Moscheen für "anormale" Homosexuelle zu öffnen und einen Skandal zu provozieren. Im Şehitlik-Gemeindevorstand wurde diskutiert, nach drei Tagen stand fest: Das Treffen wird nicht in der Moschee stattfinden. Nun berichteten deutsche Medien kritisch über die Absage. Ender Çetin saß plötzlich zwischen allen Stühlen.

Nun sitzt der studierte Theologe gemeinsam mit seiner Frau Pınar Çetin, einer Politologin, auf dem Podium. Neben ihm: Barbara John, die dem Beirat der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vorsitzt; Daniel Worat, Vorstand im Völklinger Kreis; Sabine Werth, Gründerin der Berliner Tafel und, wie sie später erzählt, gläubig und lesbisch; Bernhard Heider von Leadership; und Winfriede Schreiber, ehemals Chefin des Brandenburger Verfassungsschutzes, als Moderatorin. Wer hingegen nicht auf dem Podium sitzt: weitere Theologen der DITIB, wie ursprünglich geplant.

Dafür ist Dilek Kolat da, Berlins Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, sie sagt über das geplante Moschee-Treffen: "Ja, ich bin tatsächlich traurig, dass es zu dem Besuch in dieser Form nicht gekommen ist. Aber ich bin auch froh, dass es nicht zum Bruch gekommen ist." Der Wille zum Dialog sei stärker gewesen. Sie wolle sich dafür einzusetzen, dass er fortgeführt wird.

Verständnis für die Entscheidung des Moschee-Vorstands

Bernhard Heider äußert sogar Verständnis für die Entscheidung des Moschee-Vorstands. Die vielen Anmeldungen, die aufgeladene Berichterstattung - das sei einigen Gemeindemitgliedern zu heikel geworden. "Eine Moschee ist immerhin ein Gotteshaus, vielleicht sollte man das einfach respektieren." Der Lesben- und Schwulenverband, ursprünglich mit von der Partie, hat den Ortswechsel hingegen boykottiert und im Vorfeld als "Alibi-Veranstaltung" kritisiert.

Jenseits des Streits will die Runde klären: Wie hält es der Islam mit der Homosexualität? Die Antworten auf diese Frage bleiben diffus. Ender Çetin sagt, Homosexualität werde im Koran kaum erwähnt. Muslimische Rechtsschulen seien sich aber weitgehend einig, dass praktizierte Homosexualität verboten sei. Verboten ist aus seiner Sicht allerdings auch, Schwule oder Lesben zu diskriminieren oder zu beleidigen. Çetin betont: Man müsse unterscheiden zwischen dem Akt und der Person.

Für Daniel Worat ist das ein Knackpunkt, er ist nicht zufrieden: "Das ist für mich ein schweres Brot. Festzuhalten bleibt, dass ich ein verbotenes Leben lebe oder ein sündiger Mensch bin." Er verweist darauf, dass das Homosexualitätstabu weniger aus dem Koran, sondern vielmehr aus der Hadithe und ihrer Auslegung komme. Er sehe da Interpretationsspielraum: "Ich denke, da kann man noch ein paar Schrauben stellen."

Auch schmerzhafte Themen werden angesprochen

Die Diskussion mäandert. Mal geht es um das Homosexualitätstabu, mal geht es um Integration, die Situation von Frauen mit Kopftuch - Pınar Çetin trägt es - und die Frage, wie tolerant denn die deutsche Mehrheitsgesellschaft oder andere Konfessionen sind. Barbara John hält als Christin den Verstoß gegen Verbote für etwas, das man in der eigenen Beziehung zu Gott ausmachen solle. Der Weg zu einer Annäherung sei lang: "Wenn auf diesem Weg einmal Konflikte ausbrechen, dann muss man versuchen, sie so zu lösen, wie wir sie hier zu lösen versuchen."

Sabine Werth plädiert dafür, die eigene Haltung und das gesellschaftliche Miteinander immer wieder zu hinterfragen. Auf eine Zuschauerfrage hin geht es auch um muslimische Homosexuelle, die es in ihrer Zerrissenheit besonders schwer hätten, Ansprechpartner zu finden. Kurz: Es werden alle möglichen Themen angestochen, auch schmerzhafte, ohne dass es zu einem Ergebnis oder gar einem Konsens kommt.

Immerhin wird geredet. Das Ganze sei schließlich ein Prozess, sagt Ender Çetin. "Der gut ausgeht, inschallah."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB